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Folkwang-Museum : Die Crux des Sammlermuseums

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Es geschieht vor hundert Jahren: Das Folkwang-Museum verkauft Spitzenwerke der Avantgarde, weil sein Gründer Karl Ernst Osthaus sich verspekuliert hat.

          Private Museen sind hybride Erscheinungen. Sie vereinen in sich die Individualität und Flexibilität privater Sammlungen mit dem Anspruch auf Beständigkeit, wie sie das Museum als Institution - vor allem in seiner europäischen Form - verkörpert. Wenn Eigentümer privater Museen gezwungen sind, ihre Sammlungen umzuschichten oder zu verkleinern, so geschieht das daher zumeist diskret und mit weit weniger Publicity als die Eröffnung einer solchen Sammlung. Das ist nicht erst heute so - in Zeiten eines heißlaufenden Kunstmarkts, der stets auf der Suche nach Spitzenwerken ist -, sondern das galt schon vor hundert Jahren.

          Karl Ernst Osthaus, Bankiers- und Industriellenspross aus dem westfälischen Hagen, der dort 1902 sein legendäres Museum Folkwang gegründet und stolz der Öffentlichkeit präsentiert hatte, war während des Ersten Weltkriegs in finanzielle Schwierigkeiten geraten. Als Patriot hatte er Kriegsanleihen gezeichnet, und als Visionär einer von Künstlern, nach dem Vorbild der Darmstädter Mathildenhöhe, konzipierten Villenkolonie hatte er sich mit Grundstückskäufen übernommen. Er musste auf seine Sammlung zurückgreifen, um finanzielle Mittel für neue Projekte freizusetzen. Im Juli 1916 schrieb er daher an den Berliner Kunsthändler Paul Cassirer, um ihm einige Stücke aus seinem Museum anzubieten - mit der Bitte um äußerste Diskretion: „Wir beabsichtigen, unsere im Laufe der Jahre sehr angewachsene Sammlung von modernen Gemälden zu verkleinern und möchten die zu diesem Zweck ausgesuchten Bilder versteigern lassen“, kündigt Osthaus Cassirer an: „Es sind Werke darunter, die wir längst aus unserer Sammlung zurückgestellt haben. Andererseits hegen wir die Absicht, auch einige wichtigere Stücke (van Gogh, Gauguin) beizufügen, um die Bedeutung der Auktion zu steigern. Die Auktion soll aber keinesfalls mit unserem Namen verquickt sein.“

          Inkunabeln der Moderne

          Eine solche Aufforderung gleicht damals wie heute einem Paradoxon: Einerseits sollte der Ruf des Folkwang-Museums als Weihestätte der Avantgarde und „Himmelszeichen im westlichen Deutschland“ (Emil Nolde) nicht beschädigt und der Aderlass aus der Sammlung nicht publik werden, andererseits versprach eine klangvolle Provenienz bestmögliche Erträge. Cassirer schlug daher, wie die aktuelle Dokumentation über den „Kunstsalon Cassirer“ belegt (F.A.Z. vom 20. Dezember 2016), vor, die Einlieferungen aus der Folkwang-Sammlung gemeinsam mit dem Nachlass des 1914 gestorbenen Sammlers und Schriftstellers Alfred Walter Heymel anzubieten, der ebenfalls für seine Sammlung moderner Kunst bekannt war. Der Titel der Auktion, die Cassirer für den 8. März 1917 ankündigte - „Moderne Gemälde aus dem Nachlass A. W. von Heymel, Sammlung M. Pickenpack u. a.“ -, war somit eine geschickte Camouflage: Durch die dezente Hinzufügung der Abkürzung „u. a.“ war der Titel sachlich korrekt, mit der Nennung Heymels trug die Versteigerung einen klangvollen Namen, und das Folkwang-Museum konnte, wie von dem Museumsgründer gewünscht, als Einlieferer ungenannt bleiben.

          Unter den 122 angebotenen Werken befanden sich, mit zwei bedeutenden Gemälden von Hans von Marées und einer Tierstudie von Géricault, zwar auch wichtige Werke aus der Sammlung Heymel, und aus der Kollektion des Hamburger Senators Martin Pickenpack gelangten Werke von Thomas Herbst und Wilhelm Trübner zur Versteigerung. Die Inkunabeln der Avantgarde jedoch, Werke von Gauguin, Van Gogh, Hodler, Meunier, Minne, Nolde, Renoir oder Jan Toorop, kamen aus der Sammlung des Hagener Privatmuseums und waren schon 1912 als Teil des Bestandskatalogs „Moderne Kunst“ publiziert worden. Umso erstaunlicher ist es, dass die wahre Herkunft der Werke, auch in der zeitgenössischen Berichterstattung über die Auktion vor hundert Jahren, nicht genannt wurde. Lediglich Karl Schefflers Zeitschrift „Kunst und Künstler“ verriet nach der Versteigerung, dass die Gemälde Van Goghs und Gauguins „aus einem berühmten westfälischen Privatmuseum“ stammten.

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