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Depandancen in Berlin Der Galerist, das bilokale Wesen

31.10.2006 ·  Immer mehr pendeln zwischen den Städten: Viele Galeristen probieren den Spagat - das Standbein im Lokalen einer etablierten Szene wie München, Köln oder Düsseldorf, das Spielbein in Berlin.

Von Catrin Lorch
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Die schmuddelige Halle lag etwas abseits von Berlin-Mitte, ein einfacher Zweckbau von der Sorte, die man irgendwo aufstellt, um sie bald wieder abzureißen, ihr Verfallsdatum war offensichtlich überschritten. Aber die blassen Neonstangen im Innern bestrahlten von Mai bis Oktober 1999 internationale Kunst, Malerei von Franz Ackermann, Michael Krebber, Martin Kippenberger, Albert Oehlen und Peter Doig; denn die Kunsthalle „Init“ hatte dort Quartier bezogen, eingeladen hatten die Galeristen Alexander Schröder und Christian Nagel. Inzwischen sind die Künstler Stars des Malerei-Booms, und Christian Nagel erinnert sich in seinem elegant durchrenovierten Ladenlokal hinter der Volksbühne noch gut daran, wie wichtig es ihm schon in den neunziger Jahren war, im experimentierfreudigen Berlin präsent zu sein. Nagel, in Köln beheimateter Galerist, war ein Mitbegründer der Berliner Zeitgenossen-Messe Art Forum.

Heute pendelt er zwischen den Städten und legt Wert darauf, daß er in Berlin „keinen Projektraum, möbliert mit zwei Stühlen“ unterhält, sondern Galerie-Arbeit macht. Er war einer der ersten, die in Berlin den idealen Zweitwohnsitz erkannten: Anders als die frühen Übersiedler Esther Schipper und Max Hetzler oder ihre Nachfolger Andre Buchmann und Aurel Scheibler, die in diesem Jahr den Sprung wagten, probieren viele Kollegen den Spagat - das Standbein im Lokalen einer etablierten Szene wie München, Köln oder Düsseldorf, das Spielbein in Berlin. Deshalb hat der Münchner Michael Zink jetzt Räume in Kreuzberg angemietet, sein Kollege Ben Kaufmann pendelt schon länger; die Düsseldorferin Anna Klinkhammer ist auf Raumsuche in Berlin, und Helga Weckop-Conrads hat sich bereits mit der Zürcher Römerapotheke zusammengetan; Markus Lüttgen ist für den Kölner Johnen in Berlin und Javier Peres aus Los Angeles gemeinsam mit der Londoner Galerie Vilma Gold (die jedoch schon wieder weg ist).

„Produktionsort“ für Kunst

Sie alle haben - neben der offensichtlichen Faszination durch die Stadt - handfeste Gründe, und es ist - auch im siebzehnten Jahr nach dem Mauerfall - noch immer nicht vor allem das Geld, das locken könnte. Für Christian Nagel ist eine Galerie auch „Produktionsort“ für Kunst: Wer wie er acht, neun Messen im Jahr bestreitet, braucht Ware; so kann er auf die Resultate aus sechs Ausstellungen an jedem Standort zurückgreifen, zwölf Ausstellungen insgesamt. Zwangsläufig unterscheiden sich die Programme; denn viele seiner Stammkünstler aus Köln werden in Berlin von anderen Galerien vertreten.

Noch pragmatischer kann Javier Peres seinen Zuzug begründen: „Berlin ist von Europa umgeben, Ländern, deren Hauptstädte man in einer Flugstunde erreichen kann: Oslo, London, Stockholm, Paris.“ Für den Gast aus dem glamourösen Los Angeles hat Berlin zudem erstaunlich viel Glanz: „Die Vernissagen in Berlin sind massiv. Zu meiner ersten Eröffnung mit Terence Koh kamen mehr als tausend Gäste, Kuratoren, Kritiker, Künstler, die Szene - in Los Angeles gibt es dieses Publikum nicht, das kommt und teilnimmt. Dort kann ich auch feiern, aber dann muß ich eine Party schmeißen. Es war für mich klar, daß ich nicht in Mailand, Barcelona, Düsseldorf oder Hamburg leben wollte, Berlin hat mich dagegen schon interessiert.“ Tatsächlich ist Javier Peres das, was sich am ehesten als ein Galerist ständig unterwegs bezeichnen ließe.

In zwei Städten gegenwärtig

Standortentscheidungen sind auch für Kunsthändler Lebensentwürfe: Weil die meisten Galerien Unternehmen einer einzelnen Person sind, ist ein zweiter Standort eine Filiale in der eigenen Biographie: Helga Weckop-Conrads, die mit Kollegen von der Zürcher Römerapotheke in Berlin nun ganz wörtlich die „Filiale“ eröffnet hat, möchte nicht nur ihr Geschäft erweitern, sondern hat sich bewußt auch für das Leben im „kosmopolitischen“ Berlin entschieden. Dort wird sie ihr Programm aus Düsseldorf fortsetzen: „Junge Positionen, nicht unbedingt Newcomer, Beat Streuli oder Katharina Grosse, andererseits ganz neue Arbeiten von Jelena Tomasevic beispielsweise.“ Allerdings bespielt Helga Weckop-Conrads die „Riesenräume in der Brunnenstraße“ eben abwechselnd mit ihrem Zürcher Kollegen Philippe P. Rey.

Ben Kaufmann möchte in Berlin dagegen genauso gegenwärtig sein wie in München und hat das eigene Leben seither in Wochenabschnitte unterteilt. Und tatsächlich wird er in Berlin nicht nur als Gast geduldet - die Etablierten haben ihn zum gemeinsamen Berliner Vernissagen-Wochenende im kommenden Frühling eingeladen: „Wenn eine Kollegin wie Esther Schipper meine Arbeit anerkennt, dann bin ich wirklich hier angekommen.“ Doch gleichzeitig möchte Kaufmann den Kontakt zu der wohlhabenden und für zeitgenössische Kunst in eigenständiger Weise interessanten Szene in München nicht missen. Wie eben auch der Münchner Michael Zink, der im kommenden Jahr zwar gleichfalls in Berlin Räume eröffnet, aber in München verwurzelt ist und dort die Neugier so wichtiger Kuratoren schätzt wie Bernhard Schwenk von der Pinakothek der Moderne oder Susanne Gaensheimer im Lenbachhaus, die dem Nachwuchs auch schon mal den Museumsvorplatz räumt: so geschehen im Fall des inzwischen aktuellen Szene-Stars Michael Sailstorfer.

„Wer in Berlin sitzt, der macht das Geschäft“

Allerdings blieb Michael Zink - der inzwischen beobachtet haben will, daß die meisten Kuratoren im Grunde nur noch in Berlin unterwegs seien - auch deshalb keine andere Wahl, weil die international hochgehandelten Künstler in seinem Programm, wie Marcel van Eden oder Rosilene Ludovico, sonst anfällig geworden wären, nämlich für das Werben der Konkurrenz: „Die hätten sich alle eine Galerie in Berlin gesucht“, erinnert sich Zink, „aber das kann man heute nicht mehr aufteilen. Wer in Berlin sitzt, der macht das Geschäft.“ Seine Räume werden, abseits der Trampelpfade in Mitte, in Kreuzberg mit Blick auf die Spree liegen, dort, wo auch Javier Peres residiert und wo Rachel Williams für die Londoner Galerie Vilma Gold ein Jahr lang gastierte.

Rachel Williams hatte den Aufenthalt in Berlin von vornherein als einjähriges Gastspiel geplant; mit einer Performance von Brock Enrightim hat sie im vergangenen Juli Finissage gefeiert. Doch hätte Vilma Gold nicht gerade vor, sich an ihrem Stammsitz London zu vergrößern, dann wäre Rachel Williams anfällig für eine Verlängerung des Mietvertrags in Berlin gewesen: „Die Aufmerksamkeit für Kunst ist überwältigend, und wir haben gezielt Kontakt zu Künstlern, Kuratoren und Sammlungen knüpfen können“, sagt sie. Immerhin sei die Berliner Präsentation von Mark Titchner ein Grund dafür gewesen, daß der Künstler für den Turner- Prize nominiert wurde. Von nennenswerten Verkäufen kann sie nicht unbedingt berichten: Umsatz sei nie das Ziel der Unternehmung gewesen. Auch Christian Nagel betont nüchtern: „Geld gibt es in Berlin noch immer nicht.“

Welthauptstadt der Kunst

Die Aufbruchstimmung der neunziger Jahre ist in Berlin einer für Zugereiste kalkulierbaren Situation gewichen: Es ist deshalb gewiß kein Zufall, daß Michael Zink nicht gerade in den Tonfall eines Visionärs fällt, wenn er von den Erwartungen an sein künftiges Geschäft in der Hauptstadt spricht. Schwärmerisch wird er, wenn er über Harlem erzählt; dort, im Norden Manhattans, leistet er sich nämlich ein kleines Büro - „es eine Dependance zu nennen wäre Etikettenschwindel“ -, die Präsenz am Hudson River ist ihm offensichtlich eine Herzensangelegenheit.

Zinks Berliner Nachbar Javier Peres legt noch etwas Witz und Frechheit drauf, wenn es um die Welthauptstadt der Kunst geht; auch er unterhält einen Projektraum in New York. Der Kunstmarkt ist global geworden, die Informationen lichtschnell, die Ware beweglich, die Sammler reisefreudig - und die Galeristen bilokal. Es ist frappierend, daß aus diesem aufgewühlten Meer ausgerechnet die beiden alten Zentren der Kunst als gesicherte Gestade wieder auftauchen: Berlin und New York.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 31.10.2006 Seite K4
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