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Das deutsche Auktionsjahr 2017 : Stetig und gediegen

Das teuerste Kunstwerk in deutschen Auktionen 2017: Günther Uecker, „Both“, 2011, eingeschlagene Nägel und Farbe auf Leinwand auf Holz, 230 mal 230 mal 20 Zentimeter: Zuschlag bei 2,2 Millionen Euro (Taxe 600 000/ 800 000), am 29. November bei Van Ham in Köln Bild: Van Ham/VG Bild-Kunst, Bonn 2017

In Deutschland ist eine wählerische Käuferschaft unterwegs, die gezielt und kenntnisreich sondiert. Das führt zu sehr ansehnlichen Resultaten in einem stabilen Markt.

          Eine Hausnummer ist konstant im Vergleich zum Vorjahr: Auch 2017 gab es in deutschen Auktionen sieben Zuschläge in Höhe von einer Million Euro und darüber. Der Lauf des großen Nägel-Künstlers Günther Uecker hält, nach einer Pause 2016, an. Hatte er das Feld schon 2015 mit 1,5 Millionen Euro für seine „Hommage à Paul Scheerbart (Scheerbartwesen)“ aus den Sechzigern dominiert, ist er jetzt zurück an der Spitze mit 2,2 Millionen Euro für sein Großformat „Both“ von 2011, gewidmet dem Kollegen Roman Opalka. Van Ham in Köln hatte für die Doppelspirale 600 000 bis 800 000 Euro angesetzt. Uecker taucht dann noch einmal in den Top Ten auf, bei Grisebach in Berlin mit 840 000 Euro für das wesentlich kleinere „Fluß“ von 1984 (Rang sieben), das nach Hongkong geht. Auffällig ist bei allen drei Werken der relativ hohe Abstand zu den Schätzungen.

          Rose-Maria Gropp

          Redakteurin im Feuilleton, verantwortlich für den „Kunstmarkt“.

          Das trifft auch für eines der Bilder von Ernst Wilhelm Nay zu, dem Shooting Star gewissermaßen: Gerade mal 350 000 Euro hatte Ketterer in München dessen „Scheiben und Halbscheiben“ von 1955 zugetraut; das Mittelformat stieg auf 1,85 Millionen Euro (Rang zwei). Das geschah nur neun Tage nachdem Nay bei Grisebach für raumgreifende „Chromatische Scheiben“ von 1960 schon 800 000 Euro einfuhr (Rang 9a), was einen Auktionsrekord für den Nachkriegskünstler bedeutet hatte, der mit seinen Kompositionen lange Zeit doch eher im Schatten stand.

          Max Beckmann bleibt weiterhin gefragt

          Die gefragte Moderne bleibt weiterhin repräsentiert von Max Beckmann, der 2017 mit drei Bildern in den Top Ten repräsentiert ist. Zwei davon gehen auf das Konto von Grisebach in Berlin: Der „Tiergarten im Winter“ aus dem Jahr 1937 bei 1,5 Millionen (Rang drei) und das „Braune Meer mit Möwen“ von 1941 mit 1,2 Millionen Euro (Rang 5b). Beckmanns „Château d’If“ von 1936 konnte Ketterer für sich verbuchen, bei 1,35 Millionen Euro (Rang 4a). Die Anerkennung des Künstlers, zumal nach seiner Ächtung durch die Nationalsozialisten seit 1933 und seinem Gang 1937 ins Amsterdamer Exil, ist auch international enorm. Sein großes dichtes Schreckensbild „Die Hölle der Vögel“ von 1937/38 wurde im Juni in London für 32 Millionen Pfund zugeschlagen; damit ist der aktuelle Höchstpreis für Beckmann markiert. Nur ein – genuiner – Expressionist hat es in die deutsche Spitze geschafft: Heinrich Campendonks „Mädchen mit Katze“ erreichte Rang zehn bei Karl & Faber in München, bei 780 000 Euro, innerhalb der Schätzung.

          2. Ernst Wilhelm Nay, „Scheiben und Halbscheiben“, 1955, Öl auf Leinwand, 120 mal 161 Zentimeter: Zuschlag bei 1,85 Millionen Euro (Taxe 250 000/350 000), am 9. Dezember bei Ketterer in München Bilderstrecke
          2. Ernst Wilhelm Nay, „Scheiben und Halbscheiben“, 1955, Öl auf Leinwand, 120 mal 161 Zentimeter: Zuschlag bei 1,85 Millionen Euro (Taxe 250 000/350 000), am 9. Dezember bei Ketterer in München :

          Ein einziger Alter Meister findet sich im Feld: Jan Brueghels d. Ä. „Flusslandschaft mit Fischern und einem Pferdewagen“, bei Lempertz in Köln im November für 1,2 Millionen Euro (Rang 5a). Doch in die Riege der Gemälde mischen sich hierzulande zwei chinesische Vasen, die bei Nagel in Stuttgart erstaunliche Steigerungen erfuhren: Von einer Taxe bei 2000 bis 3000 Euro startete ein „Meiping“ genanntes Gefäß aus dem 14./15. Jahrhundert durch auf enorme 1,35 Millionen Euro (Rang 4b); eine weitere Porzellanvase mit Unterglasur-Dekor aus China erforderte ein Gebot von 870 000 Euro (Rang sechs), gegenüber der Erwartung von 30 000 bis 50 000 Euro. Es sind da Kenner und Liebhaber unterwegs, die weltweit solche Stücke aufspüren.

          Das Gesamtbild der deutschen Auktionshäuser ist erfreulich und sieht nicht nach schwächelnder Konjunktur aus. Erkennbar ist der harte Wettbewerb unter den führenden Häusern in Berlin, Köln und München. So entfallen auf Grisebach in Berlin vier der höchsten Zuschläge, auf Lempertz in Köln drei, je zwei erreichten Ketterer in München und Nagel in Stuttgart. Dass Van Ham in Köln den Vogel mit Ueckers „Both“ abschoss, spricht für die Flexibilität und Zielgerichtetheit der Bieter – wie bei Karl & Faber in München der Erfolg im Fall des etwas späten, aber charmanten Campendonk. Das Gesamtbild zeigt einen Hang zur gediegenen Moderne bis in die Gegenwart. Experimente sind ganz Fehlanzeige, alles spricht für den dezidierten Geschmack einer kaufkräftigen Klientel.

          Quelle: F.A.Z.

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