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Sachbücher des Jahres

Comicstrip aus „Gasoline Alley“ Das Findelkind vom Valentinstag zum Witzpreis

Am 14. Februar 1921 schuf der amerikanische Zeichner Frank King den kleinen Skeezix und schrieb damit jahrzehntelang Comicgeschichte. Jetzt ist das Original zum Geschehen versteigert worden.

Vor einigen Wochen bot Heritage, ein Auktionshaus in Dallas, das sich unter anderem auf Comics spezialisiert hat, die Originalzeichnung zu einer Sonntagsseite der Serie „Calvin & Hobbes“ von Bill Watterson an. Kennern der Materie muss man nicht sagen, was für eine Sensation das machte. Watterson hat mit dem 1985 begonnenen „Calvin & Hobbes“ den erfolgreichsten Zeitungs-Comic-Strip nach den „Peanuts“ geschaffen, beendete die Serie nach zehn Jahren wieder, zog sich in die Anonymität zurück (es gibt kein einziges Foto des Zeichners) und verkaufte kein einziges der insgesamt mehr als 3000 Originale seiner Serie.

Andreas Platthaus Folgen:    

Das Exemplar, das Heritage jetzt anbot, war ein Geschenk an einen befreundeten Künstler, liebevoll koloriert, in der Linienzeichnung allerdings schon ausgeblichen, weil Watterson mit einem nicht lichtbeständigen Tintenmarker gearbeitet hat. Man wird die Zeichnung also nicht aufhängen können. Trotzdem erzielte sie einen Preis von 200.000 Dollar. Und das ist nicht einmal ein Rekord für lebende Comic-Künstler, denn für eine Originalseite aus Frank Millers legendärem „Batman“-Comic „The Dark Knight Returns“ von 1986 sind 2011 schon 450.000 Dollar bezahlt worden - natürlich auch bei Heritage, dem Platzhirsch der Branche.

Männer, die an Autos basteln

Pionier der Comic-Originale-Versteigerer war allerdings Russ Cochran, der schon in den siebziger Jahren damit begann, als noch niemand das Wort „Kunst“ im Zusammenhang mit Comics in den Mund nahm. Der Veteran, der aus seinem Alter ein Geheimnis macht, ist heute noch im Geschäft, hat sich aber ganz aufs Internet verlegt. Seine guten Kontakte haben ihm immer wieder spektakuläre Objekte zugespielt, und der größte Coup gelang ihm vor zwei Jahren, als er die Erben von Frank King dazu überreden konnte, ihm den Nachlass des bereits 1969 gestorbenen Zeichners zur Versteigerung anzuvertrauen - mehr als zweitausend Originale zu Kings berühmtem Comic-Strip „Gasoline Alley“.

Um zu ermessen, was das bedeutet, muss man wissen, worin die Bedeutung dieser Serie liegt. King begann „Gasoline Alley“ 1918 als Zeitungscomic, der vom Wochenendvergnügen der vier Freunde Walt, Doc, Avery und Bill erzählte, die gemeinsam an ihren Autos basteln - eine typische Beschäftigung amerikanischer Männer in den frühen Tagen des Individualkraftverkehrs. Dann wurde daraus ein täglicher Comic, und am Valentinstag 1921 änderte sich alles: Walt fand vor seiner Tür in einem Körbchen - Moses lässt grüßen - ein ausgesetztes Baby. Er nimmt es auf, und fortan begleitet „Gasoline Alley“ die Geschichte dieses kleinen Jungen, der bald Skeezix heißen sollte, durch Kindheit, Jugend bis ins Erwachsenenalter. Und das alles erzählt King in Echtzeit, also wird Skeezix auch in jeder neuen Folge einen Tag älter.

Eine Auktionsserie mit langem Atem

So etwas hatte es in der Comicgeschichte noch nie gegeben. Bis zu Kings Rückzug als Zeichner im Jahr 1959 sieht man Skeezix in der Schule zu und bei der Jobsuche, folgt ihm 1942 als Soldat in den Zweiten Weltkrieg, ist 1945 Gast seiner Heirat, freut sich mit ihm über die Geburt eigener Kinder, die dann wiederum langsam zum Mittelpunkt der Serie werden. Sie erscheint heute noch, und alles begann eben vor bald 92 Jahren am 14. Februar 1921.

Und das Original zu dieser Episode, einem der historisch bedeutendsten einzelnen Comic-Strips, befand sich auch im Nachlass von King. Vorgestern Nacht wurde es bei Russ Cochran zugeschlagen, als Höhepunkt eines seit Herbst 2011 alle sechs Wochen durchgeführten Versteigerungsreigens, in dessen Verlauf die ersten tausend Originale aus Kings Bestand verkauft wurden.

Schon fünf Minuten nach Eröffnung der Bieterfrist, die eine Woche betrug, war der Strip auf 8500 Dollar gestiegen, am Tag vor ihrem Ende stand das Gebot auf 23.000, und zwei Stunden vor Ultimo auf 35.000 Dollar, was zusammen mit dem Aufgeld einen Preis von 40.250 Dollar bedeutete. Und dabei blieb es, obwohl bei den anderen 129 King-Originalen, die in derselben Nacht verkauft wurden, teilweise noch bis zur letzten Sekunde geboten wurde. 40.000 Dollar für dieses Original sind ein Witz.

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Gleichwohl bedeutet das den höchsten Preis, der bislang für ein King-Original gezahlt wurde, und es übertraf das zweitteuerste Objekt der Nacht fast ums Zwanzigfache: Eine hinreißende Licht-und-Schatten-Komposition, wie nur King sie beherrschte, die sich zudem dem attraktiven Thema der Abschlussfeier von Skeezix im Jahr 1939 widmet, erbrachte inklusive Aufgeld knapp mehr als 2400 Dollar. Die übrigen Folgen wurden zwischen hundert und 1650 Dollar zugeschlagen.

Auch das sind Schnäppchen für eine derart bedeutende Serie von solch handwerklicher Qualität. Eine Rolle spielt dabei, dass „Gasoline Alley“ außerhalb der Vereinigten Staaten so gut wie unbekannt ist, weil ihr Thema uramerikanisch ist. Erst seit Beginn einer aufwendigen Gesamtausgabe im Jahr 2005 ist sie wieder ins Bewusstsein der Comic-Kenner zurückgekehrt. Und man darf nicht unterschätzen, was es für einen zwar preislich boomenden, aber doch vergleichsweise schmalen Markt bedeutet, dass plötzlich Tausende von Arbeiten verfügbar sind, während zuvor pro Jahr ein Dutzend auftauchten. Russ Cochran hat ein Nest gefunden, und das ist schlecht für die Preisgestaltung.

Es ist allerdings gut für Sammler, und so sind die ersten tausend Folgen nach Auskunft des Auktionshauses auch über die ganze Welt gestreut worden. Im neuen Jahr wird die Versteigerung der zweiten Hälfte beginnen. Wobei sicher ist, dass der erzielte Preis für die wichtigste Episode sowohl für die Familie King als auch das Auktionshaus eine Enttäuschung darstellt. Man darf gespannt sein, ob das die Konzeption der Versteigerungen verändert.

Quelle: F.A.Z.

 
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Veröffentlicht: 23.12.2012, 05:06 Uhr

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