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Donnerstag, 20. Juni 2013
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Comics in Paris Mit goldenen Scheren

 ·  Bislang wurden die bedeutendsten Comic-Originale mit wachsendem Risiko für die Käufer im Internet auktioniert. Jetzt steigt Sotheby’s wieder in den Markt für Comics ein.

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© Sotheby's Ganz auf Krawall eingestellt: Frank Millers Tuschezeichnung von 2001 zeigt die Figur Manute aus der Kult-Comicserie „Sin City“ (Taxe 12.000/14.000 Euro)

Man braucht ja nur ein bisschen Dreistigkeit, um Nachrichten in die Welt zu setzen. So wie das Auktionshaus Sotheby’s, das im Katalog zu seiner Versteigerung von Comic-Originalen am 4. Juli in Paris mit Aplomb behauptet, das es sich um seine erste Comic-Auktion handele. Was sagt es aus über die Glaubwürdigkeit einer Institution, die auf das Vertrauen seiner Kundschaft angewiesen ist, wenn das eigene Gedächtnis nicht einmal zwölf Jahre zurückreicht? Denn letztmals 2000 hatte Sotheby’s in New York Comics versteigert - wie schon in den neun Jahren zuvor.

Damals war das Marktumfeld freilich ein ganz anderes. Millionenpreise, wie sie in den vergangenen Monaten erst für einzelne Comic-Hefte und dann zuletzt auch erstmals für ein Comic-Original - das von Hergé 1932 als farbige Gouache angefertigte Titelbild eines Albums seiner legendären „Tim und Struppi“-Serie - gezahlt wurden, waren 1991, als Sotheby’s als erstes großes Auktionshaus mit der Versteigerung von Comics begann, undenkbar. Die Konkurrenz von Christie’s zog denn auch nur halbherzig nach, hielt aber ebenfalls bis zum Jahr 2000 durch, als man das Engagement in dieser Sparte kommentarlos wieder beendete.

Der Grund dafür lag nicht nur in den noch vergleichsweise relativ bescheidenen Umsätzen, die damals durch Comic-Kunst generiert wurden, sondern auch in der Verlagerung dieses Marktes ins Internet. Ebay hatte sich seit einigen Jahren auch als Handelsplatz für Comics etabliert, und da die Gebühren für die Verkäufer viel niedriger waren, wurden auch durchaus hochpreisige Objekte angeboten. Bis vor zehn Jahren konnte man so bei Ebay regelmäßig Originale von Hergé, Charles Schulz („Peanuts“) oder George Herriman („Krazy Kat“) finden; von gesuchten alten Erstausgaben ganz zu schweigen.

Doch je teurer diese Objekte wurden, desto dringlicher wurde für die Käufer eine sachkundige Begutachtung durch Experten. Dazu war Ebay nicht bereit; sein Verkaufsprinzip beruht auf dem Vertrauen von Käufer und Verkäufer zueinander, die Auktionsplattform selbst stellt nur einen Mittler dar. Mit wachsendem Risiko für die Käufer etablierten sich Spezialauktionshäuser im Internet, die wieder auf klassische Weise Einlieferungen entgegennahmen und begutachteten, aber die Vorteile des weltweiten virtuellen Marktplatzes für ihre Versteigerungen nutzte.

Bei Comics setzte sich in Amerika das in Dallas ansässige Auktionshaus Heritage als stärkste Kraft durch - dort und auf der Website Comic.Connect wurden zuletzt die Millionenschlachten um frühe, gut erhaltene „Superman“- und „Batman“-Hefte ausgetragen. Kleinere Anbieter wie AllStarComics oder der schon seit Jahrzehnten tätige Comic-Versteigerungs-Pionier Russ Cochran vervollständigen das amerikanische Angebot. In diesen Markt wiedereinzusteigen, dürfte für Sotheby’s schwer sein.

Deshalb hat man Paris als Ort der Rückkehr gewählt. Aber natürlich auch, weil nicht erst seit dem Rekordergebnis von mehr als 1,3 Millionen Euro, das Hergés Titelbild vor vier Wochen bei Artcurial erzielt hat, klar ist, dass hier ein besonders attraktiver Handelsplatz besteht. Die großen Auktionshäuser Tajan, Millon & Associés, Pisa und kleinere, aber in der Sammlerszene gut beleumundete Spezialisten wie Petits Papier oder Banque Dessinée sind hier aktiv, und sechsstellige Zuschläge für herausragende Originale von Künstlern wie André Franquin oder Enki Bilal zeigen, wohin die Reise geht: Die großen Klassiker sind auf dem Sammlermarkt gefragt, aber auch die Preisentwicklung für derzeit aktive Zeichner ist bemerkenswert. Längst erlösen prominente Zeichner in Frankreich und Belgien viel mehr Geld mit dem Verkauf ihrer Originale als mit den Tantiemen ihrer Alben.

So haben denn auch Künstler wie Lorenzo Mattotti, Joost Swarte oder Ever Meulen eigens Arbeiten für die erste Pariser Auktion von Sotheby’s zur Verfügung gestellt. Dennoch ist das Angebot schmal; nur 95 Werke werden angeboten, und mit der Ausnahme von zwei Raritäten aus der Frühzeit des Comics - die als Erstausgaben raren Bildergeschichten des Comic-Vorläufers Rodophe Töpffer (1799 bis 1846) aus Genf und ein Exemplar der Vorzugsausgabe des ersten Albums von „Tim und Struppi“ von 1930 (Sotheby’s datiert es falsch auf 1929) - sind es nur Originale. Denn die machen - im Gegensatz zu Amerika - auf dem französischen Comic-Markt einen weitaus größeren Teil aus als die alten Hefte oder Alben.

Natürlich hat Sotheby’s für seinen Neustart auch zwei Namen im Programm, die bei Sammlern in aller Munde sind: Hergé und den vor einem Vierteljahr verstorbenen Jean Giraud alias Moebius. Die Preise für dessen Werke haben sich seither mehr als verdoppelt - ein Phänomen, das 2000 schon bei Charles Schulz zu beobachten war. Das sieben Arbeiten umfassende Angebot bei Sotheby’s ist mit zwei Ausnahmen - zwei Moebius-typischen farbigen Zeichnungen, die auf 25000 bis 35000 beziehungsweise 45000 bis 50000 Euro geschätzt sind - enttäuschend.

Am interessantesten ist das Hergé-Konvolut, denn da kommt neben einem frühen Schwarzweiß-Cover von 1932, das auch ohne Figuren grandios ist und auf 95000 bis 120000 Euro geschätzt wird, und einer ganzseitigen Illustration mit den drei Hauptfiguren Tim, Struppi und Kapitän Haddock aus dem Album „Die Krabbe mit den goldenen Scheren“ (1944), die 240000 bis 260000 Euro erzielen soll, auch ein Blatt mit gleich drei Fortsetzungsstreifen „Der geheimnisvolle Stern“ von 1941 zum Aufruf (220000/240000). Dabei handelt es sich aber nicht um die Originalzeichnungen, die Hergé im Zuge der Albenpublikation neu montieren musste, sondern um aus diesem Anlass am Lichttisch von ihm selbst durchgepauste Kopien.

Die Strenge seiner Ligne claire ist hier also bloß handwerkliches Programm. Man darf neugierig ein, wie sich die eigenhändige Sicherheitskopie schlägt, denn es ist zu erwarten, dass es noch mehr derartige Arbeiten gibt, weil Hergé etliche seiner alten Geschichten auf neue Formate umstellen musste. Bezeichnenderweise stellt die Fondation Hergé, die im Besitz der meisten Originale des Künstlers ist, kein Zertifikat über die Authentizität dieser Arbeit aus.

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Jahrgang 1966, Redakteur im Feuilleton, zuständig für „Bilder und Zeiten“.

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