11.11.2006 · Die New Yorker Auktionen mit Impressionismus und Moderne setzen neue Maßstäbe: Für 78,5 Millionen Dollar wurde ein Klimt-Gemälde versteigert und Kirchners „Berliner Straßenszene“ brachte 34 Millionen. Lisa Zeitz über diesen „historischen Abend“.
Von Lisa Zeitz, New YorkNach zweieinhalb Stunden am Auktionspult war Christie's-Auktionator Christopher Burge ausgelaugt und glücklich: „So etwas habe ich noch nie erlebt. Es war vom Anfang bis zum Ende außerordentlich.“ Mit einem Gesamtvolumen von 491,472 Millionen Dollar für 84 Lose wurde das bisherige Spitzenergebnis für eine New Yorker Abendauktion mit Impressionismus und Moderne aus dem Jahr 1990 um mehr als 220 Millionen Dollar übertroffen, und alle Erwartungen waren in den Schatten gestellt: Das, obwohl wenige Stunden vor der Auktion eines der Spitzenlose, Picassos auf vierzig bis sechzig Millionen Dollar taxiertes Bildnis seines Freundes Angel Fernandez de Soto, „Der Absinth-Trinker“, aus der Sammlung des Musical-Komponisten Andrew Lloyd Webber aufgrund einer Restitutionsklage zurückgezogen wurde.
Der Berliner Historiker Julius H. Schoeps, Nachkomme des ehemaligen Besitzers Paul Mendelssohn-Bartholdy, erhebt Anspruch auf das Gemälde, da es in den dreißiger Jahren verfolgungsbedingt verkauft worden sei. Ein amerikanischer Bundesrichter hatte die Klage in der vergangenen Woche zurückgewiesen und die Versteigerung erlaubt. Doch Schoeps' amerikanischer Anwalt kündigte eine Klage auf bundesstaatlicher Ebene an, woraufhin sich Webber und Christie's entschieden, das Bild erst zu verkaufen, wenn die juristischen Hürden aus dem Weg geräumt seien. Sie erwägen ihrerseits eine Schadenersatzklage gegen Schoeps.
Videoübertragung
Der Andrang zur Rekordauktion des Hauses Christie's an diesem verregneten Spätnachmittag war so groß, daß das Publikum neben dem Auktionssaal auf zwei weitere Räume mit Videoübertragung verteilt wurde. Mehr als 75 Journalisten, aus gegebenem Anlaß viele darunter aus Österreich und Deutschland, waren zuvor zu einer Pressekonferenz mit Maria Altmann geladen worden, der die fünf Klimt-Bilder - die goldene „Adele Bloch-Bauer I“ und die vier weiteren Gemälde, die danach zur Auktion kamen - von Österreich restituiert worden waren.
Die neunzigjährige Dame war aus Kalifornien angereist und erschien, elegant in schwarzer Hose und einer Jacke mit paillettenglitzerndem Kragen, am Arm des lächelnden Christie's Chairman Stephen Lash. Sie gab gern auch in Deutsch Auskunft, doch auf die Frage, wie sie sich an diesem Abend vor der Auktion fühle, antwortete Frau Altmann in stark wienerisch gefärbtem Englisch „totally happy“. Trotzdem war ein leises Bedauern zu spüren: Die Entscheidung zum schnellen Verkauf der vier Gemälde hat sie nicht allein getroffen.
Nicht enden wollende Bietgefechte
Über jegliches Bedauern mögen sie aber im Lauf des Abends die sensationellen Ergebnisse hinweggetröstet haben. Vielleicht inspiriert von den 135 Millionen Dollar, die Ronald Lauder, der Mitbegründer der „Neuen Galerie für deutsche und österreichische Kunst“ in New York, vor wenigen Monaten in einem privaten Deal für Klimts „Goldene Adele“ gezahlt haben soll, kamen Gebote telefonisch aus aller Welt: So erzielte Klimts flimmernder „Birkenwald“ 36 Millionen Dollar (Taxe 20/30 Millionen), die bunten „Häuser in Unterach am Attersee“ 28 Millionen (18/25 Millionen) und der erntereife „Apfelbaum I“ in einer Blumenwiese 29,5 Millionen Dollar (15/25 Millionen).
Ein nicht enden wollendes Bietgefecht entbrannte daraufhin um das berühmte „Porträt der Adele Bloch-Bauer II“, dessen Preis sich vom Ausruf bei 25 Millionen an weit über die Schätzung von vierzig bis sechzig Millionen Dollar hinausschraubte: In das Pingpongspiel zwischen zwei Telefonen schaltete sich bei 74 Millionen Dollar plötzlich ein neuer Bieter ein, der am Telefon mit dem Moderne-Spezialisten Guy Bennett kurz darauf das letzte Gebot von 78,5 Millionen Dollar machte - und damit den Applaus des Publikums erntete. Christie's wollte nicht enthüllen, wer die Käufer der Werke Gustav Klimts sind; über „Adele Bloch-Bauer II“ hieß es lediglich „ein Privatsammler“.
Neue Heimat für Kirchner-Gemälde
Ronald Lauder, der also für das Bild, jedenfalls offiziell und namentlich, nicht als Käufer auftrat, handelte bei einem anderen Meisterwerk in Aktion. Ernst Ludig Kirchners umstritten aus dem Berliner Brücke-Museum an die Enkelin des einstigen Besitzers herausgegebene „Berliner Straßenszene“ von 1913 motivierte drei Bieter am Telefon und zwei im Saal.
Sie stieg in Millionenschritten von zwölf bis weit über die Schätzung von achtzehn bis 24 Millionen hinaus auf 34 Millionen Dollar, fast das Fünffache des bisherigen Auktionsrekords für ein Werk Kirchners. Den Zuschlag erhielt die Kunsthändlerin Daniella Luxembourg. Hinterher wurde verkündet, daß die „Berliner Straßenszene“ bald in Ronald Lauders Neuer Galerie an der Fifth Avenue zu sehen sein wird. Er ließ verlauten, er sei erfreut, einem der besten Gemälde von Kirchner eine neue Heimat in New York zu bieten.
Höchstpreise für Schiele und Gauguins
Zwar wächst die Sammlung der Neuen Galerie durch spektakuläre Neuzugänge, aber sie wird an anderen Stellen zugleich schlanker. So kamen aus diesem Museum jetzt zwei Aquarelle und ein Ölbild von Egon Schiele unter den Hammer: „Zwei Mädchen auf einer Fransendecke“ erzielten fünf Millionen Dollar (5/7 Millionen), und ein „Knieender Halbakt nach links gebeugt“ ging für zehn Millionen (6/8 Millionen) an die Zürcher Kunsthändlerin Doris Ammann, die vorn im Saal saß. Das klaustrophobische, doppelseitig bemalte Werk „Einzelne Häuser“ wurde telefonisch für die untere Taxe von zwanzig Millionen Dollar vermittelt und markiert damit einen neuen Auktionsrekord für Schiele.
Aus dem Besitz der Familie des Sultans von Brunei wurde Gauguins „L'homme a la hache“ in den wunderbaren roten, blauen und violetten Farben der frühen tahitianischen Periode des Künstlers aufgerufen. Der Hammer knallte bei 36 Millionen Dollar (35/45 Millionen) aufs Pult - auch für Gauguin ist damit ein neuer Höchstpreis festgehalten. Weitere Rekorde gab es für Balthus' „Drei Schwestern“ von 1963/64 mit sechs Millionen (7/10 Millionen) und für Bonnards „Deux corbeilles de fruits“ mit 7,6 Millionen Dollar (5/7 Millionen).
„Es war ein historischer Abend“
Am Ende der Auktion waren Gebote aus aller Welt bei Christie's eingegangen, die meisten aus Europa, viele aus Amerika, vier Prozent aus Asien und 1,5 Prozent aus Rußland. Jeder Beobachter mußte Christopher Burges Einschätzung teilen: „Es war ein historischer Abend.“
In der New Yorker Zentrale von Sotheby's hatte sich die internationale Welt der Kunsthändler und Kunstsammler am Tag zuvor eingefunden, um zu beobachten, wie sich dort 83 Werke des Impressionismus und der Moderne behaupten würden. Das Ergebnis war mehr als akzeptabel - mit einem Verkaufsvolumen von fast 240 Millionen Dollar hat auch Sotheby's jedenfalls die höchste Summe seit dem Frühjahr 1990 im Haus umgesetzt.
Picassos „Le Sauvetage“ nicht verkauft
Der Londoner Galerist Richard Green sicherte sich die ersten drei Lose für Preise oberhalb der Taxen: Einen Pissarro für 800.000 Dollar, einen Sisley für 2,7 Millionen und eine entzückende Pariser Straßenansicht von Johan Barthold Jongkind aus dem Jahr 1866 für 630.000 Dollar (250.000/350.000); den Jongkind kaufte er im Auftrag des Rijksmuseums in Amsterdam. Zum Spitzenlos wurde, wie erwartet, Cézannes prächtiges Stilleben „Nature Morte aux fruits et pot de gingembre“, das der New Yorker Kunsthändler William Acquavella vor nur sechs Jahren für umgerechnet rund achtzehn Millionen Dollar in London eingekauft hatte: Jetzt auf 28 bis 35 Millionen geschätzt, ist wohl davon auszugehen, daß allein die Garantiesumme, die das Auktionshaus dem Einlieferer dafür unabhängig vom Ergebnis der Auktion zusagte, weitaus höher lag als jener Kaufpreis aus dem Jahr 2000.
Die Rechnung ging auf: Den Zuschlag erhielt bei 33 Millionen Dollar ein anonymer Bieter am Telefon von David Norman, dem Chef der Abteilung Impressionismus und Moderne bei Sotheby's. In einem anderen Fall ging das gefährliche Spiel mit der Garantie schlecht aus: Picassos dramatische Komposition „Le Sauvetage“ aus dem Jahr 1932 war auf zwölf bis sechzehn Millionen Dollar geschätzt und blieb unverkauft, wie auch drei andere, nicht ganz so teure garantierte Lose.
Mit Mobiltelefon bewaffnet
Applaus gab es dagegen für Modiglianis Jungen mit den smaragdgrünen Augen aus dem Jahr 1918. Charlie Moffett, Vice Chairman von Sotheby's, bot am Telefon gegen die mit einem Mobiltelefon bewaffnete Doris Ammann; sie behielt die Oberhand: Der Preis für den „Fils du concièrge“ schraubte sich in Schritten von 250.000 Dollar von elf Millionen bis auf schließlich 27,75 Millionen Dollar, fast das Doppelte der unteren Taxe - und ganz knapp kein neuer Modigliani-Rekord.
Schöne Ergebnisse erzielten auch die Expressionisten: Kandinskys bunt leuchtende Landschaft „Starnberger See“ kam knapp oberhalb der Taxe auf 8,1 Millionen Dollar. Erich Heckels farbstarker „Akt (Dresden)“ konnte den bisherigen Heckel-Rekord mehr als verdoppeln und ging zur oberen Taxe von 3,2 Millionen Dollar an einen deutschen Sammler im Saal, der sich auch Max Beckmanns „Mädchen mit Hunden spielend“ für 1,5 Millionen Dollar, weit unterhalb der Schätzung von 2,5 bis 3,5 Millionen, sicherte.
Zu den Erfolgen im Bereich der Skulptur gehört die kleine bronzene „Figure décorative“ von Matisse, die Daniella Luxembourg für 11,5 Millionen Dollar ersteigerte (12/18 Millionen). Außerdem konnten zwei britische Bildhauerinnen aus der Sammlung des belgischen Möbelfabrikanten Vonthournout neue Rekorde erzielen: Barbara Hepworths abstrakte Monumentalbronze „Ultimate Form (The Family of Man)“ brachte 2,35 Millionen Dollar (800.000/1,2 Millionen) und Lynn Chadwicks „Couple on a Seat“ 1,65 Millionen Dollar (800.000/1,2 Millionen).