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Chinas Gegensätze Die Kunst des Spagats

 ·  Hongkong ist bereits der drittgrößte Auktionsmarkt der Welt. Jetzt zieht es auch die Galerien nach China. Ein Grenzgang nicht nur zwischen Ost und West.

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© Swantje Karich Blick aus der alten „Peak Tram“ von 1888 auf ihremWeg auf den höchsten Berg Hongkongs: Von oben schaut man über die Stadt und den Perlfluss bis hin zu den grünen Hügeln

Hongkong. Sieben Millionen Menschen leben in der Stadt an der Südküste Chinas, die den Namen „Duftender Hafen“ trägt und am Perlfluss liegt, dennoch nichts von einem idyllischen Ort hat. Zumindest nicht im Zentrum; das ländliche Umfeld entspricht dann doch mehr dem schönen Namen. In Hongkong schießen Wolkenkratzer exponentiell aus dem Boden. Das Klima draußen ist tropisch, drinnen aber herrscht Klimaanlageneiszeit. Kein Vergleich zu den Vereinigten Staaten: Die Chinesen drehen die Temperatur noch ein paar Grad weiter herunter. Der Stromverbrauch ist exorbitant.

Die Menschen aber strömen in die Stadt, wollen den wirtschaftlichen Aufstieg und die ökonomische Freiheit, die sich seit der Unabhängigkeit Hongkongs 1997 von England und der Einstufung als Sonderverwaltungszone mit Zollfreihafen immer mehr Raum verschafft. Ein Taxifahrer, 1965 in Hongkong geboren, schüttelt jedoch unwillig den Kopf über das Tempo, in dem sich alles verändert. Er gehörte lange zu den 100 000 „Käfigmenschen“ in der Stadt: Sie leben mit mehreren Personen in einem einzigen Raum, in dem abschließbare, gestapelte Zellen als Wohnraum dienen.

Ein Sammelbecken für ehrgeizige Unternehmer

Ein schwindelerregender Gegensatz besteht zwischen seinem Leben und dem Reichtum im ausgesprochen europäischen Zentrum, einem Sammelbecken für ehrgeizige Unternehmer aus Europa, Amerika und Asien, die sich auf den weiten Terrassen der Hotels dem Blick auf den Perlfluss hingeben. In einem solchen Fortschrittsbecken lässt auch der Kunstmarkt nicht auf sich warten. Wo Geld ist, wird Kunst gekauft. Und im Vergleich zu Schanghai und Peking ist Hongkong zensurfrei. So hat sich die Stadt in den vergangenen Jahren - nach London und New York - zum drittwichtigsten Auktionsmarkt entwickelt.

Vor einer Woche ist dort die fünfte Ausgabe der „Art Hongkong“ mit 67 205 Besuchern zu Ende gegangen. 266 Galerien aus 38 Ländern wollten dabei sein - ob gut verkauft wurde, ist jedoch noch nicht wirklich gesichert. Euphorie war auf der Messe spürbar. Ob sie sich hält, werden die nächsten Monate zeigen. Im kommenden Jahr übernimmt die europäische Spitzenmesse Art Basel als neuer Eigentümer die Führung: Die Veranstaltung wird dann „Art Basel Hongkong“ heißen.

Hier verirrt sich auch Laufpublikum hin

Was aber bietet Hongkong als Galerienmarktplatz? Sentimentale Freude an der Kunst? Neugierde? Es geht ums Geld und Kunst als Statussymbol. Ein Gang durch die repräsentativen, großzügigen Räume führt unzweideutig vor Augen, wer die Anführer sind: Gagosian, White Cube, Perrotin. Sie zeigen die großen Namen. Gagosian in einer attraktiven Schau mit Werken von Andreas Gursky. Doch die Annäherung an einen neuen Markt bekommt nicht allen. Taumelt man aus dichter Schwitzwolke in die frierende Luft des Hochhauses an der Hauptstraße Connaught Road Central, fällt man in die von den Architekten Maybank and Matthews im Frühjahr 2012 fertiggestellte Galerie von Jay Jopling, also White Cube aus London. Von einem kalten Steinfoyer gehen die großen weißen Räume mit edlem Parkett ab. Im Gegensatz zu anderen Galerien in Hongkongs Hochhäusern verirrt sich hierher auch mal Laufpublikum.

Was ihm geboten wird, muss es zum Glück nicht lieben: Anselm Kiefer ist in wehendem weißen Leinen aus Paris angereist, um seine Megagemälde im chinesischen Kunstverständnis zu verankern - und hat ein Fahrrad mit Blei überhäuft. Die Ausstellung ist einfach nur ärgerlich: Ein Riesengemälde hat der Meister pastos mit allerlei gelbem Blumengewächs bekleckst, und in der linken Ecke winkt eine asiatisch aussehende Frau in Mao-Jacke, daneben in Kieferscher Type geschrieben: „Lasst tausend Blumen blühen . . .“ Die imponierwillige Präsentation ächzt unter Mythenwurstigkeit - die Bilder sind keimfrei, von jedem Stroh und Dreck befreit, hübsch gemacht für den asiatischen Markt.

Im siebzehnten Stock eröffnete vor einer Woche Perrotin aus Paris seine Galerie. Auch hier geht es gruselig weiter. Der Spielzeug-Künstler Brian Donnelly alias KAWS empfängt Gäste, hippe Asiaten trinken Champagner zwischen aalglatter Möchtegern-Graffiti-Kunst. Der sich endlos ausdehnende Saal bietet New-York-Ambiente; der Blick hinaus in die Weite der Hongkonger Bankenlichter gefällt als das beste Kunstwerk hier.

Ist also alles nur Oberfläche in Hongkong? Ganz und gar nicht. Wie die Stadt ihre Gegensätze kennt, so formuliert sie auch die Kunst. Eine klug kuratierte Ausstellung hat Ben Brown im Peddar-Building zusammengestellt; das Haus wird gerade saniert, ist eingezäunt von Bambusstäben, die die Fassadenarbeiter tragen - und wird bald noch mehr Galerien beherbergen. Ben Brown verbindet Alighiero Boetti mit Mario Merz, Michelangelo Pistoletto, Guiseppe Penone und Pier Paolo Calzolari. In dem vergleichsweise schnuckeligen Gebäude mit Blick auf die Megastores von Armani & Co residiert auch Gagosian mit Gursky. Lohnenswert jedoch sind die Hanart TZ Galerie, etwas versteckt hinter wüsten Klamottenläden, und, zumindest zum Öffnen des europäischen Blicks, die Pearl Lam Galleries mit einer Ausstellung zur Geschichte der Abstraktion in China.

Bei Hanart stellt Yang Jiechang seine eigenwillige Kunst aus: Er lebt in Paris, ist ein bereits etablierter Künstler, der 2003 auf der Venedig-Biennale dabei war. Europäer dürften ihn auch von der Biennale von Lyon 2009 kennen, dort verkaufte er für zehn Euro Totenköpfe und Knochen aus Porzellan, der Erlös ging an eine gemeinnützige Organisation. In dieser Schau wird Hongkong kritisch beäugt. Die Wackelpagode eines kleinen „King of Canton“ blickt auf eine gemalte Botschaft: „We are Good at Everything Except Speaking Mandarin“.

Hongkong lebt von einer Kunstkultur, die die handwerkliche Meisterschaft feiert, Kalligraphie verehrt und gleichzeitig die glatte Oberfläche der Murakami-Kunst als Maßstab für ihr zeitgenössisches Kunstverständnis sieht. Es wird nicht leicht für die westlichen Galerien in Hongkong, einen stabilen Markt zu etablieren. Außergewöhnlichen Erfolg in diesem Spagat hat die 2P Contemporary; sie ist die erste Galerie aus Hongkong, die 2012 in Basel zugelassen wurde, allerdings nur für die „Liste“-Messe. Dort ist zurzeit eine Ausstellung von Yuk King Tan und Chow Chun Fai mit dem Titel „The Limit of Visibility“ zu sehen. Die Künstler schlüpfen in die Rolle von Anthropologen des globalen Systems. Es ist eine Dokumentation der Recyclingindustrie. Diese Schau zeigt, wie gegensätzlich und dadurch reich die Hongkonger Galerieszene schon jetzt ist.

Während Anselm Kiefer regressiv auf dieses Umfeld reagiert, sich in Schwere suhlt, Sätze sagt wie: „Diese Tristesse ist nicht nur meine“, erfinden zeitgenössische Künstler angesichts der dramatisch dynamischen Entwicklung Formen, die weder auf Gemütseffekte schielen noch sich vor dem Scheitern fürchten. Anders ist Zukunft nicht zu haben - weder für die Stadt noch für die Kunst.

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Jahrgang 1978, Redakteurin im Feuilleton.

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