29.05.2007 · Von Cyril Connollys Kanon moderner Literatur ließ sich die Bankerin Annette Campbell-White zu einer einzigartigen Büchersammlung inspirieren. In der Kollektion, die am 7. Juni bei Sotheby's in London zum Aufruf kommt, steht Connollys Empfehlungsliste neben Meisterwerken von Proust und Fitzgerald.
Von Anne Reimers, LondonCyril Connolly, englischer Literaturkritiker und Schriftsteller (1903 bis 1974), erkannte früh den Trend zur Hitliste. Während ein englischer Fernsehsender kürzlich eine mit dem drohenden Titel „50 Films to See Before You Die“ angekündigte Serie startete, ist Connollys zusammengestellter Bücherkanon von 1965 eher eine Empfehlung für den aufklärungshungrigen Intellektuellen und vorausschauenden Buchsammler als ein Druckmittel zum Bildungsstress: Mit „The Modern Movement: One Hundred Key Books from England, France and America 1880-1950“ versuchte er eine auf das englische und französische Sprachgebiet festgelegte literaturhistorische Ordnung zu definieren.
Cyril Connollys Top 100 der Literatur lösten bei der Investment-Managerin Annette Campbell-White in den sechziger Jahren eine bis heute ungebremste Sammelleidenschaft aus und bildeten die Grundlage für ihre ersten Käufe. Ihre einzigartige Kollektion an Erstausgaben und wertvollen Büchern des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts kommt am 7. Juni bei Sotheby's in London zum Aufruf. Der Gesamtwert wird von Sotheby's auf 1,4 bis 1,8 Millionen Pfund geschätzt.
Verschmähtes Geschenk
Die in Neuseeland geborene geschäftige Sammlerin hat die 235 Lose auf Streifzügen über Buchmärkte, durch Antiquariate und auf Auktionen zusammengetragen. Nun aber sei es für ihre Bücher an der Zeit, weiterzuziehen und „neue Besitzer zu treffen, die sie ebenso wertschätzen wie ich selbst“. Doch eigentlich hatte sie eine Auswahl der Bücher neuseeländischen Universitäten als Geschenk angeboten, jedoch mit der Auflage, die Bücher nicht in den Depots verschwinden zu lassen. Offenbar konnte diese Bedingung nicht erfüllt werden. Nicht nur wertvolle, mit Widmungen versehene Erstausgaben werden zum Aufruf kommen, sondern auch andere auf ein Werk oder einen Autor bezogene Stücke wie Druckfahnen, Briefe und Zeichnungen.
Zu den Spitzenlosen der Auktion gehört eine Erstausgabe von Ernest Hemingways früher Kurzgeschichtensammlung „In our Time“ aus dem Jahr 1924 - Nummer 122 von 170 Kopien - mit der Inschrift „To Edward Titus this book of which I have no copy - Ernest Hemingway“ (Taxe 60.000/80.000 Pfund). Mit der New Yorker Erstdruck-Ausgabe von F. Scott Fitzgeralds Meisterwerk der amerikanischen Moderne, „The Great Gatsby“ von 1925, kommt ein weiterer Vertreter der sogenannten „Verlorenen Generation“ zum Aufruf, die sich damals von Amerika ab- und Europa zuwandte. Der Schutzumschlag mit melancholischem Porträt - wohl von der vom Protagonisten Jay Gatsby verehrten Daisy - erlangte ikonischen Status unter den Fitzgerald-Anhängern und erfordert nun einen Zuschlag zwischen 60.000 bis 70.000 Pfund. Auf die gleiche Spanne ist eines von nur hundert Exemplaren der Erstausgabe von James Joyce' Ulysses im Art-déco-Einband geschätzt.
Verlorene Generation
Zu der „Lost Generation“ wird auch der in New York als Sohn deutschsprachiger Juden geborene Nathanael West gezählt, dessen schwarzer Komödie „Miss Lonelyhearts“ über einen geplagten Zeitungskolumnisten kein kommerzieller Erfolg, aber viel Anerkennung beschieden war: Die Erstausgabe von 1933 mit Widmung an seinen Freund Arthur Kober wird daher zu einer kostspieligen Rarität und ist geschätzt auf 15.000 bis 20.000 Pfund. Ein außergewöhnliches Exemplar ist auch eine privat publizierte Edition aus dem Jahr 1945 von Guillaume Apollinaires „La chanson du mal-aimé“ (30.000/40.000), verfasst 1903. Geschmückt wird das Titelblatt von einem Aquarell der französischen Malerin Marie Laurencin, das durch ein Gedicht aus dem Band inspiriert wurde. Marcel Proust widmete ein Buch seiner Erstausgabe von „A la recherche du temps perdu. Du côté de chez Swann“ aus dem Jahr 1914 der „Madame la Duchesse de Clermont Tonnerre en respectueux hommage“. Es wird zusammen mit zwei Briefen Prousts für 25.000 bis 30.000 Pfund angeboten.
Für den ersten Überblick: Die Inspirationsquelle für die Sammlung von Annette Campbell-White, der Literaturkanon „The Modern Movement“ von Kritiker Cyril Connolly, zollt all diesen Meistern der Literatur den angemessenen Respekt - die Korrekturfahne ist auf 3000 bis 5000 Pfund geschätzt, die Erstausgabe von 1965 ist für nur 250 bis 500 Pfund zu haben. Connolly rechtfertigte sich 1938 in seiner Autobiographie „Enemies of Promises“, warum er selbst kein literarisches Meisterwerk verfasst habe, und wird hier nun doch noch Seite an Seite mit den Göttern seines literarischen Olymps präsentiert.