26.01.2007 · Kataloge lohnen sich immer noch: Eine virtuelle Bibliothek kann den direkten Umgang mit dem Buch niemals ersetzen. Und auch die Internet-Datenbanken können dem Bücherfreund letztlich nur Vergleichsmöglichkeiten bieten.
Von Bettina ErcheEine virtuelle Bibliothek kann den direkten Umgang mit dem Buch niemals ersetzen. Und auch die Internet-Datenbanken können dem Bücherfreund letztlich nur Vergleichsmöglichkeiten bieten. Der direkte Kontakt zum Buch, das Betrachten und Prüfen sowie das Gespräch mit dem Antiquar bleiben für den Bibliophilen unverzichtbar. So verwundert es nicht, dass die Anzahl der Antiquariatskataloge wieder zugenommen und der Verband Deutscher Antiquare kürzlich sein zweites umfängliches „Handbuch“ - Verzeichnis der Buchantiquare, Autographen- und Graphikhändler - nebst einem Glossar herausgegeben hat. Das Antiquariat Schumann, Zürich, trägt dem wieder erwachten Interesse Rechnung, indem es elf Kataloge des verstorbenen Händlers Hans P. Krauss über Handschriften anbietet (1100 Franken).
Kataloge lohnen sich also immer noch: An ihrer Spitze rangieren diejenigen von Heribert Tenschert, Rotthalmünster und Ramsen (Schweiz), die wissenschaftlichen Ansprüchen genügen. Eberhard König, Spezialist für Buchmalerei und Lehrender an der Freien Universität Berlin, hat diesmal ein bisher unbekanntes Stundenbuch des „Meisters von Poitiers 30“, das um 1450/60 datiert wird, für Tenschert bearbeitet. Von dem Künstler des Jouvenel-Kreises sind nicht mehr als zehn Manuskripte mit eigenhändigen Miniaturen bekannt. Und nur in dem hier angebotenen Stundenbuch malte er sämtliche große Miniaturen. Die breiten Bordüren aus vergoldetem Blattwerk, in denen sich 941 groteske Figuren tummeln, führten verschiedene Hände aus. Ungewöhnlich ist die Szene der „Kreuztragung“: Die heiligen Frauen und ein Heer von Kriegern folgen dem kreuztragenden Christus. Direkt neben ihm steht breitbeinig ein Mann, der Christus ostentativ den Rücken zudreht. Er ist zudem nur mit einer kurzen weißen Hose bekleidet. Das Kleidungsstück taucht schon zu Beginn des 15. Jahrhunderts in der altniederländischen Malerei auf, doch niemals in diesem Kontext (1,2 Millionen Euro).
Kunst zwischen zwei Buchdeckeln
Fünfzig Handschriften und Miniaturen hat Günther, Hamburg, zusammengetragen. Ebenfalls eine Neuentdeckung ist ein Pariser Stundenbuch auf Pergament, das vom Maître François um 1470 mit fünfzehn Miniaturen illustriert wurde. Ein Charakteristikum für den Künstler sind Bögen, die auf farbigen Säulen ruhen wie in der „Verkündigung“, die in Anwesenheit eines Stifters, vermutlich eines Mitglieds der Créquy-Familie, stattfindet. In dem darunter befindlichen Register halten zwei Engel sein Wappen (220.000 Euro). In Bologna entstand um 1320 eine Handschrift, die die Vita des heiligen Antonius, des Eremiten, erzählt. Sie ist die älteste bekannte ihrer Art. Die einundzwanzig Bilder zeigen in plakativen Farben das Leben des Heiligen von der Kindheit bis zum Tod. Sie werden dem „Maestro del 1328“ zugeschrieben (680.000 Euro).
Dass der Antiquariatsmarkt immer wieder das Gebiet der Kunst streift, zumal wenn sie sich zwischen zwei Buchdeckeln verstecken lässt, zeigen Meuschel (Bad Honnef) und Müller (Waldems). Ein Klebeband - bei Meuschel - enthält 43 eigenhändige Zeichnungen von Franz Kobell, zumeist in brauner oder schwarzer Feder über Rötel oder Blei. Sie zeigen zumeist arkadische Landschaften, aber auch Ansichten aus der Umgebung von München. Viele der Blätter sind ein Zeugnis für Kobells Manier, antike Versatzstücke scheinbar wahllos zusammenzustellen (20.000 Euro). Daktyliotheken sind eine Spezialität von Müller, der neun Abgusssammlungen in Buchform anbietet. Einhundert Schwefelabgüsse von antiken Gemmen enthält der erste Band der „Dactyliothec“ von Kessler und Rost, Leipzig um 1780 (2400 Euro).
Über römische Sehenswürdigkeiten
Als Pietro Paoletti rund sechzig Jahre später in Rom arbeitete, waren Miniaturwiedergaben bekannter Kunstwerke gefragt. Seine „Impronte. Opere di Vari Autori“, Gipsabdrücke von Glasmatrizen, montierte er in einem Doppelkasten, ausgeschlagen mit grünem Lackpapier (950 Euro). Die italienische Kunst hatte schon Joachim von Sandrart (1606 bis 1688) fasziniert. In seiner Kunstenzyklopädie „Teutsche Academie der Bau-, Bildhauer- und Maler-Kunst“ hob er insbesondere die Sehenswürdigkeiten Roms durch zahlreiche Tafeln hervor. Das Erasmushaus, Basel, offeriert die Nürnberger Ausgabe, die zwischen 1768 und 1775 erschien, für 24.000 Franken. Dort findet sich auch der umfangreiche Briefwechsel des Komponisten Hugo Wolf mit dem Lyriker Hermann Wette. Die enge Freundschaft endete, als Wolf das Libretto seines Freundes „Elsie, die seltsame Magd“ für eine geplante Oper ablehnte. Wettes Text wurde später doch noch von Arnold Mendelssohn vertont, der über die „Wolfsche Schweinerei“ entsetzt war (72.000 Franken).
Der Schriftsteller Werner von Schulenburg berichtet in einem Brief an einen unbekannten Adressaten amüsiert von einem Nachtessen bei „Bünzli“, bei dem er offenbar als „Anstandswauwau“ für die Schwester eines Freundes fungierte. Der Höhepunkt des Abends war der Nachtisch, der auf einem silbernen Wagen präsentiert wurde. Der verliebte Bünzli nahm einen Löffel und schälte die geeiste Venus aus der Cassata heraus und legte sie dem „Schwesterchen“ auf den Teller. „Finden Sie das nicht sehr deutlich? Selbst, wenn die Venus geeist ist?“, fragt von Schulenburg, um weiter unten zu dem Schluss zu kommen, dass „der wirklich Vornehme im Hause Bünzli eigentlich der Kammerdiener“ sei (350 Franken).
Verseuchter Abendmahlwein
Ernst Oppert, der Korea dem Handel öffnen wollte, versuchte bei seiner dritten Entdeckungsfahrt zusammen mit dem Kleriker Féron, Reliquien des koreanischen Regenten aus dessen Grab an sich zu bringen, um die Aufschließung des Landes zu erpressen. Der Streich misslang und führte zur wissenschaftlichen Ächtung Opperts. Sein Buch „Ein verschlossenes Land. Reisen nach Corea“, Leipzig 1880, kostet bei Brockhaus, Kornwestheim, 850 Euro. Ungeschoren kam hingegen der „Weinvergifter von Zürich“ davon: Am 12. September 1776 soll er den Abendmahlswein im Großmünster mit „Eckel erweckenden und betäubenden Pflanzentheilen“ sowie Quecksilber verseucht haben. Es kursierten schnell Gerüchte von Dutzenden angeblicher Todesfälle. Auch Johann Kaspar Lavater beteiligte sich an der anschließenden öffentlichen Diskussion und schrieb erhitzt: „Der Verbrecher ohne seines gleichen, und sein Schicksal“. Die zweite, „richtigere“ Auflage von 1776 bietet Siegle, Mühlhausen (Kraichgau), für 280 Euro.
Gepflegter geht es bei Susanne Maria Endtner zu, die die Kochkünste der Nürnberger Frauen in den Himmel der „Haute cuisine“ erhob. „Der aus dem Parnasso ehmals entlauffenen vortrefflichen Köchin. Welche Bey denen Göttinnen Ceres, Diana und Pomona viel Jahre gedient“ - die dritte Ausgabe des seltenen Kochbuchs, es erschien 1712 anonym, enthält zwei Kupfertafeln, die die Zerteilung eines Kalbs und eines Ochsen veranschaulichen (bei Klittich-Pfankuch, Braunschweig, für 3800 Euro). Zum Schluss heißt es bei Vico, Frankfurt, „Vivat Academia“. Zwei Kataloge stellen Professoren und ihre Arbeiten vom 16. bis zum 19. Jahrhundert vor. Sie sind jeweils der Universität, der sie angehörten, zugeordnet. So geht die Reise von Altdorf über Königsberg bis nach Zürich. Neben heute fast vergessenen Schriften gibt es Berühmtes wie Sebastian Brants Einführung in das Ius Romanum: „Expositiones sive declarationes . . .“ von 1518 (1800 Euro).