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Biennale des Antiquaires Botschaften aus dem Dunkel

 ·  Karl Lagerfeld hat die Kulisse entworfen: In Paris eröffnet mit der Biennale des Antiquaires die größte französische Messe für alte bis moderne Kunst. Es gibt Spektakuläres und Fragwürdiges.

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© Richard Green Der Herbst ist da: Jean-Baptiste Camille Corots Gemälde „La sieste au bord de l’eau“ schmückt den Stand von Richard Green aus London und misst 45 mal 55 Zentimeter

Schon seit Wochen war zu lesen, dass eine der zahlreichen Attraktionen dieser Biennale des Antiquaires die Ausstellungsarchitektur sein werde; diese habe nämlich der Modemacher Karl Lagerfeld entworfen. Über Lagerfeld kann man viel sagen, aber nicht, dass er ein guter Architekt wäre. Seine Idee für das Innere des Grand Palais, in dem die Messe stattfindet, ist ein Kulissendorf im Stil der alten Pariser Galerien des 19. Jahrhunderts.

Man betritt nach einer Fahrt durch das echte Paris die gigantische alte Glaspalastarchitektur des echten Grand Palais an der Avenue Winston Churchill – und findet sich in einem Paris-Imitat, wie man es in einem südchinesischen Einkaufszentrum vermuten würde, mit einem Teppichboden, auf den eine Kopfsteinpflasterstraße aufgedruckt ist. Es gibt ein falsches Paris im echten, was auf die ausgestellte Kunst einen seltsamen Effekt ausübt; etliche der gezeigten Werke, die hoffentlich echt sind, sehen in der Fake-Architektur plötzlich selbst so aus, als habe Lagerfeld sie in China nachmalen lassen.

Die Lagerfeldisierung der Messe, die mit 120 Ausstellern deutlich größer ausfällt als 2010, sagt allerdings auch viel aus über das Zielpublikum, das hier traditionell zwischen japanischen Lithographien, Picasso-Radierungen, neu entdeckten Max-Ernst-Gemälden und 3500 Jahre alten Marmorstatuen auswählen kann: Die Stände der Galerien, die erstmals auch den 1200 Quadratmeter großen, erstmals seit 1940 wieder geöffneten Salon d’Honneur besetzen, wechseln sich ab mit Schmuck- und Modeläden: Wer bei Zlotkowski keinen Dubuffet findet, der ihm gefällt, kann sein Geld ein paar Lagerfeldbuden weiter bei Harry Winston für Schmuck ausgeben.

Vom Ambiente her erinnert die Biennale des Antiquaires, die seit 1962 vom Syndicat National des Antiquaires (SNA) veranstaltet wird, mittlerweile ein wenig an das neue Genre der russisch-chinesischen Millionärsmesse, bei dem die Stände nach der Möglichkeit ausgesucht werden, ob man an ihnen möglichst viel Geld ausgeben kann und die Ware in die üppig vergoldete Villa daheim passt: Eine Kunstmesse, in der ein Händler für Salonmalerei des 19. Jahrhunderts wie Ary Jan seinen Stand im Stil eines Hamam mit plätscherndem Brunnen einrichtet, würde man eher in Abu Dhabi vermuten, und wer neben dem klassischen Publikum mittlerweile alles zur Kundschaft zählt, verrät vor dem Grand Palais der Ferrari, den jemand zum unbändigen Ärger einiger im Kreis stehender Gendarmen direkt auf dem reservierten Polizeiparkplatz vor der Halle geparkt hat.

Was alles nicht bedeutet, dass es in Paris keine gute Kunst zu sehen gäbe: Bei Richard Green am Stand hängt neben einem Küstenpanorama mit federleicht ins Bild getuschten weißen Segeln von Monet ein fast symbolistisch rätselhaftes Gemälde von Corot, das zwei Frauen in einer nebelumdampften Seenlandschaft zeigt. Von einem Interessenten befragt, was es denn koste, kratzt sich der Galerist listenblätternd am Kopf, Moment mal, was war das, zwei Millionen, nein, halt, da: nur eins Komma fünf! Noch günstiger ist mit 690.000 Euro eine Rothkorot leuchtende Ölstudie von Josef Albers aus dem Jahr 1969 am selben Stand.

Bei Stoppenbach & Delestre hängt eine Landschaftsszene von Theodore Rousseau mit Bäuerin und Kuh vor bizarr in den Himmel schießenden Phantasiebäumen und zischendem Sonnenuntergang, bei Boulakia eine junge, schreibende Frau von Berthe Morisot, bei Kálman Makláry ist die heute hochbetagte und zu Unrecht vergessene abstrakte Expressionistin Judit Reigl mit einigen beachtlichen kalligraphischen Tuschzeichnungen von 1958 wiederzuentdecken (22.000 Euro). Für Menschen mit strapazierfähigen Sehnerven gibt es ein reiches Angebot an überkochter Salonmalerei, darunter bei Delvaille eine Nackte im Atelier von Paul Quinsac, die 1891 im Salon ausgestellt wurde (190.000 Euro) und von einer Gruppe chinesischer Interessenten so drängend umlagert wurde, als erhofften sie Einlass in das Gemälde.


Was die Biennale des Antiquaires trotz der Lagerfeldoferrarisierung zu einem Erlebnis macht, ist die ganz alte Kunst – bei Didier Claes und Bernard Dulon, der eine beachtliche Reiterstatue der Djenninke-Kultur aus Mali zeigt, bei David Ghezelbash und Gisele Croes, die einen chinesischen Buddhakopf mit weise halbschläfrigem Blick aus dem späten 5. Jahrhundert im Angebot hat (185.000 Euro), der zuvor dem Chef der Werbeagentur Publicis gehörte. Gilgamesh zeigt eine hellenistische, fünfzig Zentimeter hohe weibliche Marmorfigur, die aus einer Pariser Privatsammlung stammt (230.000 Euro), Chenel einen Torso ähnlicher Herkunft (200.000 Euro).

Bei allen weiblichen Torsi aus dem hellenistischen Zeitalter, auch dann, wenn nur ein Hintern zu sehen und sonst nichts über Herkunft und Bedeutung bekannt ist, sagen die Händler mit gesenkter Stimme, es handele sich um eine Venus, offenbar verkauft sich das am besten. Eine wirkliche Rarität zeigt Bernard Dulon: Es handelt sich um eine jahrtausendalte, fast meterhohe Darstellung einer Frau mit geschlossenen Augen, ein Werk der kolumbianischen San-Agustín-Kultur. Zwischen hundert und 1200 nach Christus entstanden in dem andennahen Dorf San Agustín, das mittlerweile zum Unesco-Weltkulturerbe gehört, viele solcher mystischen, aus Stein gehauenen Figuren, die Statue dürfte aber die einzige sein, die sich zurzeit im Handel befindet. Sie kostet vier Millionen Euro.


Eines der unglaublichsten Objekte dieser Biennale ist eine offenbar als rituelles Flüssigkeitsbehältnis genutzte Muschel mesopotamischer Herkunft, die bei David Ghezelbash auf ein Alter von 4500 Jahren geschätzt wird (24.000 Euro) und in deren Oberfläche vor über vier Jahrtausenden ein Künstler Tierfiguren eingraviert hat. Man sieht dieses Ding und kann kaum glauben, dass sich ein so delikates, poröses Kalkding so lange halten konnte.


Wie immer ist das frühe 20. Jahrhundert auf der Pariser Messe stark vertreten: Bei Sladmore sind neben einigen kleinen Bronzen von Rembrandt Bugatti und Rodin eine beachtliche, 1898 entstandene kleine Badende von Maillol und ein Bronzemodell von Paul Troubetzkoy (1866 bis 1938) zu sehen, das die sich stürmisch auf ein Sofa hinwerfende Magdeleine Decori darstellt – eine Pariser Salondame und nahe Vertraute des späteren Präsidenten Poincaré, dessen Sekretär ihr Mann war (162.500 Euro).

Wen die Einrichtungskultur der Klassischen Moderne interessiert, der findet bei Marcilhac einen der bizarrsten Art-déco-Tische, die in den zwanziger Jahren entstanden, ein ganz aus Zink gefertigtes Unikat von Michel Dufet, an dem man sich den Metropolis-Unhold Joh Fredersen beim Abfassen metallischer Briefe vorstellen kann (700.000 Euro). Über dem Tisch hängt das ebenfalls zinkgerahmte Porträt eines Leoparden, der in seiner hitzigen Eleganz den Tisch und den darunterliegenden futurolabyrinthisch gemusterten Teppich zum Bild eines kompletten Lebensentwurfs zusammenführt. Ebenfalls ein ganzer Lebensentwurf aus Kunst, Möbeln und Innenarchitektur ist die spektakuläre Rekonstruktion eines Apartments, das die Avantgardearchitektin und Le-Corbusier-Vertraute Charlotte Perriand 1959 für das Ehepaar Borot entwarf und das am Stand des Experten für Nachkriegsmoderne François Laffanour in der Galerie Downtown komplett wiedererrichtet wurde. Im Lagerfeldschen Kulissenkitsch wirkt dieses Gesamtraumkunstwerk wie eine Rettungsinsel.


Als deutscher Vertreter auf der Biennale bietet die Galerie Dr.Riedl aus München unter anderem eine von Ralph Jentsch als authentisch zertifizierte Vorstudie für ein Stierkampfbild von George Grosz aus dem Jahr 1927 an (11.000 Euro). Ohne ein prominentes Zertifikat muss dagegen eine auf 1928 datierte, mit 198.000 Euro angesetzte kleine Arbeit von Max Ernst in der Galerie Berès auskommen.

Frage an die Dame am Stand: Wo dieses Bild herkomme? Geraschel im Hinterzimmer, dann die Antwort: Privatsammlung! Schon mal irgendwo an prominenter Stelle ausgestellt worden? Nicht dass sie wüsste. Schade! Aber Unruhe wegen schütterer Provenienzangaben kennt man in Frankreich kaum: Zwar hat die SNA eine strenge Qualitätsinspektion eingeführt, die vor Eröffnung der Biennale zwei Tage lang die Stände auf mögliche Zweifelhaftigkeiten durchsucht.

Aber dass mit dem Prozess um Wolfgang Beltracchi und seine Komplizen gerade der größte Fälschungsskandal der neueren Kunstgeschichte vor Gericht landete, dessen Akteure sich zudem hauptsächlich in Frankreich herumtrieben, wird sogar von der Pariser Presse mit einer Nonchalance ignoriert, die ebenso bizarr ist wie die Fake-Architektur von Karl Lagerfeld. Das Zwielicht, das aus den falschen Gaslaternen seiner Passagenattrappen in die dunkleren Seitengassen der Anlage fällt, wirkt so gesehen fast wie eine metaphorische Beleuchtung.

Grand Palais, bis 23. September.

Quelle: F.A.S.
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Jahrgang 1972, Redakteur im Feuilleton.

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