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Betrugsprozess : Der Bernard Madoff der Manuskripte

Gérard Lhéritier, der die berühmte Schriftrolle des Marquis de Sade nach Frankreich zurückbrachte, ist bankrott. Über seine Firma „Aristophil“ hatte er Anteile an Handschriften verkauft. Nun bereiten 20.000 Kunden ihre Sammelklagen vor.

          Sein arroganter Auftritt in Genf bleibt unvergessen. Im Privatjet kam Gérard Lhéritier im vergangenen Jahr angeflogen, doch das Flughafengelände zu verlassen, war er nicht gewillt. Die Verantwortlichen der vom Mäzen und Sammler Martin Bodmer in der von Millionären bewohnten Vorortgemeinde Cologny begründeten „Bibliothek Bodmeriana“ mussten das Objekt der Begierde in die VIP-Lounge liefern: Die zwölf Meter lange, elf Zentimeter breite Rolle der „120 Tage von Sodom“. Sie sollte das zentrale Objekt einer Ausstellung in Lhéritiers privatem „Institut des Lettres et Manuscrits“ in Paris werden, die im vergangenen Winter anlässlich des 200. Todestags des Marquis de Sade gezeigt wurde.

          Jürg     Altwegg

          Kulturkorrespondent mit Sitz in Genf.

          Entstanden war das Werk in der Bastille, de Sade konnte es in seiner Zelle verstecken. Die Rolle wurde beim Sturm auf das Gefängnis gefunden, aber noch lange nicht gedruckt. Im 19. Jahrhundert galt sie als verschollen, 1929 erwarben Charles und Marie-Laure de Noailles, die Mäzene der Surrealisten, das einzigartige Dokument. Es wurde ihrer Tochter von einem Verleger gestohlen und dem Genfer Sammler Gérard Nordmann verkauft, der es für 300.000 Franken erwarb. Alle Versuche einer Rückgabe scheiterten an den Schweizer Gerichten; das Werk durfte das Land nicht mehr verlassen, weil es auf der Interpol-Liste der nicht rechtmäßig erworbenen Güter stand. Nach Nordmanns Tod entschlossen sich die Erben zum Verkauf. Sie boten die Rolle der Bodmeriana an - zu einem „sehr fairen Preis“, erklärt deren Direktor Jacques Berchtold; um drei Millionen Franken soll es sich gehandelt haben.

          Doch die Mäzene der Sammlung, die nicht über ein eigenes Budget für Neuerwerbungen verfügt, verweigerten den Ankauf: De Sades Werk sei nicht mit dem humanistischen Geist von Martin Bodmer zu vereinen. Die Rolle blieb also bloß für einige Zeit in der Bodmeriana verwahrt, wurde auch einmal ausgestellt. In der großen De-Sade-Ausstellung der Bodmeriana in diesem Frühjahr fehlte sie jedoch; sie war aber digitalisiert worden, was eine spektakuläre Präsentation ermöglichte. Nicht einmal mehr als Leihgabe wollte man sie zeigen: Mehrere Sammler hätten im Falle einer Zusammenarbeit mit Lhéritier ihre Exponate zurückgezogen, der zum schwarzen Schaf der Branche geworden war.

          Bandenmäßig betriebener Betrug

          Sieben Millionen Euro habe er für das Manuskript bezahlt, in fünf Jahren werde er es der Bibliothèque Nationale vermachen, verkündete Gérard Lhéritier. Zum Sade-Jubiläum präsentierte er „Die 120 Tage von Sodom“ eben in seinem eigenen Pariser Institut des Lettres et Manuscripts, das vom französischen Schriftsteller Didier van Cauwelaert geleitet wird. Im Oktober 2014 übergab Lhéritier den dritten von ihm gestifteten „Grand Prix“ seines Museums an den früheren Staatspräsidenten Valéry Giscard d’Estaing. Im Jahr zuvor war Hélène Carrère d’Encausse, Vorsteherin der Académie Française, ausgezeichnet worden - alles stets begleitet von lautem Medienrummel.

          Gérard Lhéritiers spektakulärer Coup mit de Sade war sein letzter Streich, der „weltweit wichtigste Sammler“ von Handschriften und Autographen ist bankrott - und des bandenmäßig betriebenen Betrugs angeklagt, den er mit seinen Verkäufern und Vertretern betrieb. Es geht um eine Schadensumme von 850 Millionen Euro und 20.000 Opfer, die ihre Sammelklagen vorbereiten. Lhéritier hat sich als „Madoff der Manuskripte“ entpuppt. Auf dem Markt war Gérard Lhéritier um die Jahrtausendwende mit seiner Firma „Aristophil“ aufgetaucht. Er verkaufte interessierten Anlegern Anteile an Manuskripten von Maupassant oder Balzac, deren Besitz sich auf mehrere Eigentümer verteilte. Er versprach Renditen von jährlich acht Prozent. Ihre Investition konnten die Kunden von der Vermögensteuer absetzen; von 1500 Euro an war man dabei. Die Verträge legten fest, dass der Investor seine Anteile während mindestens fünf Jahren Aristophil zur Verfügung stellt und sie der Gesellschaft danach verkauft, wobei es dieser überlassen sein sollte, sie zu erwerben oder nicht. Wer aussteigen wollte, wurde offenbar mit den Einzahlungen neuer Klienten ausbezahlt.

          Die Opfer können ihre Investitionen abschreiben

          Gérard Lhéritier ist kein Spezialist für Manuskripte, zuvor hatte er als Verkäufer von Versicherungen gearbeitet. Aristophil war lange ein geschätzter Marktteilnehmer, der die Preise in die Höhe trieb, aber auch wegen seines aggressiven Kaufgebarens gefürchtet wurde. Gegen renommierte Liebhaber und Sammler hatte Lhéritier 2008 bei Sotheby’s anonym auf André Bretons „Manifeste du surréalisme“ geboten - und für 3,6 Millionen Euro den Zuschlag bekommen. Gerüchte über seine finanziellen Schwierigkeiten und unlauteren Geschäftspraktiken erklärte er mit dem Neid der weniger erfolgreichen Sammler. Als sich der Staat dafür zu interessieren begann, warf Lhéritier ihm Rache vor, weil er dem Staat ein Manuskript von Charles de Gaulle vor der Nase weggeschnappt habe. Auch andere Schätze von nationaler Bedeutung hatte er an sich bringen können.

          In den vergangenen Wochen haben die von der Justiz beauftragten Experten erste Bestandesaufnahmen durchgeführt. Sie kamen zum Schluss, dass Lhéritier in seiner Buchführung für seine 135.000 Objekte viel zu hohe Preise angab, etwa für Manuskripte von Napoleon dreizehn Millionen Euro; die Experten schätzen sie auf zwei Millionen. Den Gesamtwert der Sammlung sehen die Fachleute bei fünf bis zehn Prozent von Lhéritiers Angaben. Das bedeutet: Die Opfer können ihre Investitionen abschreiben, und dem Markt droht ein Verfall der Preise. Die weiteren Untersuchungen bis zum Prozess könnten lange dauern, ähnlich lang wie die Gefängnisstrafen für Lhéritier und seine Mittäter ausfallen könnten.

          Quelle: F.A.Z.

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