27.09.2009 · Das Art Forum in Berlin zeigt die etablierten Galerien. Die jungen Kräfte stehen aber schon in den Startlöchern. Sie lassen sich nicht abschrecken.
Von Alard von KittlitzDas wirtschaftlich magere vergangene Jahr ist auch am Handel mit der zeitgenössischen Kunst nicht spurlos vorübergegangen. Und dennoch, über einen Mangel an enthusiastischem Nachwuchs scheint sich der Kunstmarkt nicht beklagen zu können. Ihre Galerie an der Skalitzer Straße in Berlin-Kreuzberg eröffnete Jennifer Chert nur wenige Tage vor dem Zusammenbruch von Lehman Brothers : „Vielleicht war das nicht der beste Moment, um so etwas zu machen“, sagt sie heute. Die ehemalige Autowerkstatt, die ihre Galerie beherbergt, liegt im zweiten Hinterhof einer Mietskaserne, „Birds love Fish“ heißt die Gruppenschau, die Chert zeigt. An den weißgekachelten Wänden hängen Arbeiten der deutsch-englischen Künstlerin Zora Mann.
Mit ihren weißen Segelschuhen, der grünen Jeans, einem Herrenhemd und ihrer großen schwarzen Brille sieht die dreißigjährige Italienerin so aus, wie man sich eine junge Galeristin vorstellt. Chert lacht viel, doch wenn es ums Geschäft geht, wird sie ernst. Seit drei Jahren ist sie in der Stadt. Zunächst hatte sie nicht lange bleiben wollen. Nach einer Dorfjugend in der Lombardei, der erste Schritte auf dem Mailänder Kunstmarkt gefolgt waren, hatte sie beim Galeristen Johann König in Berlin eine Assistenzstelle gefunden. Sie beschloss, in Berlin zu realisieren, was ihr ursprünglich für die Heimat vorgeschwebt hatte. Am 6. September 2008 öffnete ihre Galerie.
Mit einer Einladung zur „abc“
Bislang läuft das kleine Unternehmen gut. Chert hat für eine Anfängerin ordentlich verkauft. Von den zwölf Monaten, die sie geöffnet hat, hat sie in dreien keine Verluste gemacht, eine ordentliche Quote, wie sie findet. Zehn Ausstellungen gab es bis jetzt, vielleicht zu viel, wie sie selbst meint. Aber sie wollte versuchen, Aufmerksamkeit zu gewinnen und mit den Künstlern zu experimentieren. Zu jeder Vernissage erscheinen ein paar Leute mehr, die üblichen Dabeiseier, aber auch andere Galeristen, Künstler und am wichtigsten die Sammler.
Ihr größter Erfolg: Sie ist auf der Berliner Kunstmesse Art Forum und auf der Ausstellung „abc“ in der Akademie der Künste in Berlin-Tiergarten vertreten. Im Gegensatz zum Art Forum kann man sich zur abc nicht bewerben; sie wurde von einem Komitee eingeladen. „Jetzt wird sich zeigen, ob das etwas Gelungenes wird“, sagt sie.
Ohne Bankenkredit
Einfach ist es nicht. Selbst die erfolgreichen Galerien brauchen zwei bis drei Jahre, bevor sie rentabel werden. Jeden Monat muss die Miete bezahlt werden. Hinzu kommen Materialkosten, der versicherte Transport der Werke, die Reisen, Wasser, Strom, Telefon und Internet. Man muss selbst irgendwo wohnen, essen, Steuern zahlen. Neben dem Verkauf gibt es kaum Einnahmequellen, auch wenn Chert regelmäßig versucht, andere Finanzierungsmöglichkeiten zu finden. Einmal ist es ihr gelungen, für die Zusammenarbeit mit einem Künstler subventioniert zu werden.
Die Schau von Alejandro Almanza Pereda wurde von der mexikanischen Botschaft in Berlin und einem Kulturverein mitgetragen. Auf die Frage, ob sie sich notfalls bei Banken einen Kredit besorgen könnte, antwortet Chert mit der italienischsten aller Gesten: Sie spitzt die Finger und wiegt die Handrücken vor und zurück, die Banken könne man derzeit getrost vergessen. Daran aber, wie sie dann mit den Schultern zuckt, sieht man, dass kühle Überlegungen kein sonderliches Gewicht haben, wenn es um ihre Ziele geht.
Aus der Schule der Assistenten
Vor dem Bötzow, einem langsam verblühenden Hotspot, sitzen Beat Raeber, Jahrgang 1976, und Matthias von Stenglin, Jahrgang 1982. Sie stehen vor der Eröffnung einer gemeinsamen Galerie. Bei der Frage nach der Bedeutung der Krise für ihre Zukunft weichen sie aus: Gute Kunst wird sich, so glauben sie, immer verkaufen, unabhängig von der wirtschaftlichen Lage. Beide haben studiert, Raeber Kunstgeschichte, von Stenglin Jura. Für ihre unmittelbare Zukunft wirklich Nützliches aber haben sie erst als Assistenten bei Galerien gelernt. Assistent bedeutet, Mädchen für alles zu sein. Man besorgt einem verspleenten Künstler einen Internetanschluss für die Privatwohnung. Man redet mit UPS über die Transportmöglichkeiten für eine sperrige Arbeit, füllt Steuererklärungen aus, bucht Flüge zu Ausstellungen.
Man besucht tagsüber die Ateliers junger Protegés und stellt abends das Bier für die Besucher einer Vernissage kalt, man geht vor der Messe mit einer Wasserwaage an den Stellwänden entlang. Als Assistent darf man sich für nichts zu schade sein und verdient dabei nur wenig Geld, doch nach ein paar Jahren hat man verstanden, wie der Hase läuft. Raeber und von Stenglin fühlen sich gerüstet. Die Assistentenverträge bei Neugerriemschneider und Klosterfelde haben sie daher aufgelöst, um selbständig zu werden. Ende Januar 2010 wollen sie die erste Vernissage der Galerie RaebervonStenglin eröffnen, eine Einzelausstellung. Allerdings nicht in Berlin, sondern in Zürich, wo sie mit jungen Künstlern auf einen vergleichsweise offeneren Markt als in Berlin hoffen.
Das Ziel ist eine Plattform
Junge Künstler, junge Sammler, junge Galeristen - wie aber findet man zueinander? „Auf Messen, Ausstellungen, Abschlussveranstaltungen von Kunsthochschulen, über Hinweise von Bekannten.“ Die Wege seien vielfältig, sagt Max Meyer-Abich, Direktor der Berliner Niederlassung von den Dresdner Galeristenbrüdern Lehmann. Auch Meyer-Abich, gerade dreißig, will bald kündigen. Gemeinsam mit zwei Freunden, Daniel Wichelhaus und Hans Bülow, hat er unter dem Namen Max Hans Daniel bereits ein paar Projekte mit jungen Künstlern in Berlin organisiert.
Dabei ging es weniger um den Verkauf von Arbeiten als darum, Beziehungen zum Kunstbetrieb und zu den eigenen Künstlern aufzubauen. Das Ziel ist eine Plattform: „Wir wollen ein Forum bieten für Leute, die sich interessant über die Gegenwart ausdrücken“, erklärt Bülow. Das Format dieses Ausdrucks ist ihnen nicht wichtig, es können auch Musik, Filme oder Computerspiele sein. Die drei glauben nur noch bedingt an das traditionelle Galeriekonzept; sie wollen keinen Raum, in dem alle paar Wochen neue Bilder aufgehängt werden. Sie wollen sich nicht notgedrungen an einen bestimmten Ort binden.
Mit Hilfe der Passanten
Meyer-Abich redet schnell. Der Mediendesigner hat bei MTV und als Journalist gearbeitet. Bülow hat sich als Banker in London so gelangweilt, dass er sich zu einem Praktikum beim Galeristen Anton Kern in New York entschloss. Wichelhaus war erst Kunst-, dann Kunstgeschichtestudent, bevor er in Dresden Assistent bei den Brüdern Lehmann wurde. Beim jüngsten Projekt, das Max Hans Daniel mit der Unterstützung eines Sammlers lancierten, luden die drei den New Yorker Künstler Davis Rhodes ein, um seine Arbeiten auf einem U-Bahn-Gleis am Bahnhof Zoo auszustellen. Rhodes, der sich mit sozialen Brennpunkten und urbanem Verfall beschäftigt, brachte auf Styropor gesprayte Werke mit, die man gegen die Wände des Bahnsteigs stellte.
Die großformatigen, aber federleichten Arbeiten mussten festgehalten werden, Passanten also das Allerverbotenste tun: die Kunst berühren. In den fünf Minuten, die man hatte, bevor der Sicherheitsdienst die gesamte Mannschaft des Gleises verwies, wurde alles festgehalten. Die Fotos zogen Max Hans Daniel großformatig auf und setzten sie in einen Schaukasten - auf jenem Bahnsteig, auf dem die Aktion stattgefunden hatte. Das Foto steht nicht zum Verkauf. Es gibt keinen Hinweis auf den Künstler.
Ähnlich wie Jennifer Chert wollen sich auch Max Hans Daniel das Recht zum Experiment vorbehalten. Am glücklichsten sind sie über eine Zusammenarbeit mit der New Yorker Künstlerin Sam Moyer. Max Hans Daniel und Moyer verdienten bei dem gemeinsamen Projekt nichts, und auch wenn Meyer-Abich fast trotzig sagt, es ginge sicher nicht allein um einen realitätsblinden Idealismus, so merkt man doch auch bei Max Hans Daniel, dass Geld nicht die Hauptrolle spielt. Sie sind dazu bereit, über die nächsten paar Jahre doppelt zu arbeiten: Das in regulären Jobs Verdiente soll in das gemeinsame Projekt gesteckt werden, das Format in eine Form gebracht werden, die irgendwann etwas abwirft. Wenn man davon leben könnte, sich mit Kunst zu befassen, dann wäre man zufrieden.
Alard von Kittlitz Jahrgang 1982, Redakteur in der Politik der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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