Die Motive sind sich ähnlich, an ihnen beweist sich der Unterschied. Der gedämpfte Farbton verdeckt die grundverschiedenen Weisen im Blick auf eine Frau und in der Darstellung: Lotte Lasersteins Freundin, die Schauspielerin und Sängerin „Traute Rose“, um 1931, für geschätzte 40.000 bis 60.000 Euro und Otto Muellers „Zwei Mädchen“, um 1924, für 800.000 bis 1,2 Millionen Euro. Laserstein zeigt ihre Muse in einer „Noblesse“, so nennt es der Katalog, die nur eine sehr persönliche Situation leisten kann. Die nackte Androgyne sitzt auf einer Kante und trocknet sich mit etwas verzerrter Armbeuge das linke Bein ab.
In dem Rückenakt drückt sich die Schutzlosigkeit eines von hinten beobachteten Menschen aus; man bekommt den Eindruck einer Fotografie aus einem Nachlass, der die Welt eigentlich nichts angeht. Ein schwieriges Bild für den Kunstmarkt, aber ein faszinierendes Dokument einer großen Zeit, vor der Katastrophe. Otto Muellers „Zwei Mädchen“ hingegen sind von ganz anderer Art. Er stellt seine merkmalsarmen Akte vor einen für ihn ungewohnten monochromen Hintergrund. Die Frau im Hintergrund widmet sich introvertiert ihrem Bein. Die andere stellt Verführerisches zur Schau. Wie die Geschichte weitergeht, wissen wir: Otto Mueller ist seit der Brücke-Zeit ein bekannter Maler. Die Jüdin Lotte Laserstein emigriert nach Schweden und galt nach dem Zweiten Weltkrieg als vergessen, erst im vergangenen Jahrzehnt fand man sie wieder. Sehnsüchte verändern sich, Kriterien Gott sei Dank auch.
Otto Muellers Gemälde führt zumindest preislich die Herbstauktionen der Villa Grisebach vom 28. November bis zum 1. Dezember in Berlin an. Bereits 1928 wurde es in der Schau „Neuere deutsche Kunst aus Berliner Privatbesitz“ in der Nationalgalerie gezeigt. Es gehörte einst dem engen Freund Karl Schmidt-Rottluff. Er selbst ist unter anderen mit einem Doppelbildnis „Frauen am Meer“ aus dem Jahr 1919 (Taxe 400.000/ 600.000 Euro) verzeichnet.
Die Villa Grisebach begeht ein Jubiläum: ihre 200. Auktion in der Fasanenstraße, wo 1986 das Auktionshaus gegründet wurde. Die sieben Versteigerungen des Herbstes, festgehalten in sieben Katalogen, mit insgesamt 1200 Losen sind auf siebzehn bis 23 Millionen Euro geschätzt. In den Katalog mit „Ausgewählten Werken“ haben es insgesamt 62 Lose geschafft. Den Titel zieren zwei einander zärtlich zugewandte „Bärtige Männer (Apostel)“ von Emil Nolde, entstanden um 1931/35 (300.000/400.000). Das Aquarell besteht aus zunächst zufällig aufs Papier gebrachten Farbwolken und Flecken, die Nolde mit Tuschpinsel in Form gebracht hat. Er wollte so zum „Kopisten der eigenen Tiefe“ werden. Nolde ist darüber hinaus noch mit einer Vielzahl charakteristischer Aquarellmalereien im Preisspektrum zwischen 40.000 bis 80.000 Euro vertreten.
Als ein weiteres - ungleiches - Paar kann man Otto Dix’ „Sonnenaufgang“ (300.000/400.000) und Max Pechsteins „Sonnenuntergang an der See“ (400.000/ 600.000) vereinen: Über Pechsteins idyllischer Küste von 1921 blendet eine Sonne, wie ein feuriges Frauenauge mit leicht gesenktem Lid. Das Bild malte Pechstein aus Anlass der Nachkriegsrückkehr an seine verehrte Ostsee. Kunsthistorisch bedeutender ist sicherlich die morgendliche Szene von Dix, die er 1913, also mit zweiundzwanzig Jahren, festhielt. Damals hatte er den Krieg noch vor sich. Der Katalog will hier eine apokalyptische Vorahnung im Stakkato-Stil erkennen. Das fünfzig mal sechzig Zentimeter große Bild wurde 1933 im Stadtmuseum von Dresden konfisziert und in der Schau „Entartete Kunst“ an den Pranger gestellt.
Die Provenienz verzeichnet einige Jahre später „Bernhard A. Boehmer, Güstrow (um 1943)“, dessen Name durch Kunstgeschäfte mit den Nationalsozialisten (und auch die Rettung vieler Werke verfemter Künstler) ein Begriff ist. 29 Jahre später schuf Dix sein kitschig-schräges Gemälde „Landschaft im Böhmischen Mittelgebirge“ (100.000/150.000) - es zeigt den krassen Kontrast zwischen Haupt- und Spätwerk, ähnlich wie bei Kirchner, der in dieser Auktion nur mit einem Werk, „Im Sertigtal mit Blick auf Clavadel“ von 1925 (80.000/120.000) vertreten ist. Dreißig Jahre liegen zwischen zwei sehr ähnlichen Bergbildern von Gabriele Münter: „Blauer Kegelberg“ von 1930 und ein pinkfarbenes „Murnau West im Frühling“ von 1960 (je 150.000/ 200.000).
Um den Nachlass von Oskar Schlemmer wird immer noch gestritten. Die Enkeltochter unternimmt derzeit vor dem Landgericht Stuttgart einen zweiten Anlauf, ihre Rechte zu erstreiten. Die „Figur auf grauem Grund“, ein Entwurf für die Ausmalung des Museums Folkwang in Essen, verschwindet in dichtem Farbnebel. Das Bild von 1928/29 aus einer hessischen Privatsammlung ist auf 300.000 bis 400.000 Euro geschätzt. Charakteristisch klar, kantig und trocken in der Farbigkeit ist hingegen das Gemälde Karl Hofers „Mädchen sich kämmend“ von 1938 (150.000/200.000).
Erich Heckels „Blick aufs Meer“ an der Flensburger Förde von 1920 ist auf 300.000 bis 400.000 Euro geschätzt, wie auch Ernst Wilhelm Nays „Motion“ von 1962, das damit zu den Spitzenbildern der Nachkriegskunst zählt. Willi Baumeisters „Kessaua statuarisch“ von 1954 soll 250.000 bis 300.000 Euro bringen, Emil Schumachers „Hephatos“ aus dem Jahr 1959 220.000 bis 280.000 Euro.
Mit Werken von Thomas Scheibitz
Warhols „Friedrich der Große“ aus der Sammlung der Daimler AG mit 700.000 bis eine Million und Anselm Kiefers „Odin and the World-Ash“ (400.000/600.000) führen die Gegenwartskunst an. Ein Spiel mit unserer Wahrnehmung treibt Victor Vasarely auf „Bettel-2“ von 1957/64 (35.000/45.000). Thomas Scheibitz, dem zurzeit im Frankfurter MMK eine Ausstellung gewidmet ist, tritt zum Ende des Katalogs mit „Capital“ von 2006 an, für geschätzte 50.000 bis 70.000 Euro.
Der Berliner Künstler ist auch im Katalog mit „Kunst nach 1945“ mit zwei Werken für 6000 bis 8000 und für 15.000 bis 20.000 Euro vertreten. Sigmar Polkes „...Höhere Wesen befehlen“ von 1968 heben dort die Stimmung (15.000/20.000), wie auch Dieter Roths „Entenjagd“ von 1971/72 (9000/12.000) und Daniel Richters Zeichnung „Francy“ von 2003 (6000/ 8000).
Fotografie bekommt in der Villa Grisebach traditionell ihren eignenen, großzügigen Raum, von Alten Meistern des Mediums wie Karl Blossfeldt und Eugène Atget bis zu Hiroshi Sugimoto; insgesamt umfasst das Angebot 185 Lose. Sugimotos großformatiges „S. C.Johnson Building“ (50.000/70.000) hat es sogar in die Auktion mit „Ausgewählten Werken“ geschafft.
Lohnenswert ist auch ein Blick in die Zusammenstellung des 19. Jahrhunderts, die Werke aus der Sammlung von Max Liebermann enthält, die kürzlich restituiert wurden: Fünf Zeichnungen von Adolph von Menzel und eine Ölstudie von Carl Blechen werden jetzt für geschätzte 3000 bis 20.000 Euro versteigert. Kostspieliger sind die Gemälde von Liebermann selbst: sein „Hirtenmädchen“von 1887 für 150.000 bis 200.000 Euro, die „Tuchwalke in Florenz“ von 1893 für 100.000 bis 150.000 Euro.
In der Villa Grisebach gehen Werke meist gut, die sich mit der Hauptstadt beschäftigen, wie Eduard Gärtners „Indisches Kabinett“ aus dem Berliner Stadtschloss (25.000/35.000). Hinter dem Katalogtitel „Orangerie“ verbergen sich schließlich ganz unterschiedliche Objekte: von Stahlrohrstühlen von Mies van der Rohe (10.000/ 15.000) bis zu Christian Daniel Rauchs Marmorbüste der Königin Luise von 1804, die als verschollen galt (100.000/ 150.000).