Home
http://www.faz.net/-gyz-74edq
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Berliner Jubiläumsauktion Mit einem feurigen Frauenauge

 ·  Zwischen ungleichen Paaren spannt der Markt die Preisunterschiede auf: Das Angebot der Herbstauktionen der Villa Grisebach in Berlin.

Artikel Lesermeinungen (0)

Die Motive sind sich ähnlich, an ihnen beweist sich der Unterschied. Der gedämpfte Farbton verdeckt die grundverschiedenen Weisen im Blick auf eine Frau und in der Darstellung: Lotte Lasersteins Freundin, die Schauspielerin und Sängerin „Traute Rose“, um 1931, für geschätzte 40.000 bis 60.000 Euro und Otto Muellers „Zwei Mädchen“, um 1924, für 800.000 bis 1,2 Millionen Euro. Laserstein zeigt ihre Muse in einer „Noblesse“, so nennt es der Katalog, die nur eine sehr persönliche Situation leisten kann. Die nackte Androgyne sitzt auf einer Kante und trocknet sich mit etwas verzerrter Armbeuge das linke Bein ab.

In dem Rückenakt drückt sich die Schutzlosigkeit eines von hinten beobachteten Menschen aus; man bekommt den Eindruck einer Fotografie aus einem Nachlass, der die Welt eigentlich nichts angeht. Ein schwieriges Bild für den Kunstmarkt, aber ein faszinierendes Dokument einer großen Zeit, vor der Katastrophe. Otto Muellers „Zwei Mädchen“ hingegen sind von ganz anderer Art. Er stellt seine merkmalsarmen Akte vor einen für ihn ungewohnten monochromen Hintergrund. Die Frau im Hintergrund widmet sich introvertiert ihrem Bein. Die andere stellt Verführerisches zur Schau. Wie die Geschichte weitergeht, wissen wir: Otto Mueller ist seit der Brücke-Zeit ein bekannter Maler. Die Jüdin Lotte Laserstein emigriert nach Schweden und galt nach dem Zweiten Weltkrieg als vergessen, erst im vergangenen Jahrzehnt fand man sie wieder. Sehnsüchte verändern sich, Kriterien Gott sei Dank auch.

Otto Muellers Gemälde führt zumindest preislich die Herbstauktionen der Villa Grisebach vom 28. November bis zum 1. Dezember in Berlin an. Bereits 1928 wurde es in der Schau „Neuere deutsche Kunst aus Berliner Privatbesitz“ in der Nationalgalerie gezeigt. Es gehörte einst dem engen Freund Karl Schmidt-Rottluff. Er selbst ist unter anderen mit einem Doppelbildnis „Frauen am Meer“ aus dem Jahr 1919 (Taxe 400.000/ 600.000 Euro) verzeichnet.

Die Villa Grisebach begeht ein Jubiläum: ihre 200. Auktion in der Fasanenstraße, wo 1986 das Auktionshaus gegründet wurde. Die sieben Versteigerungen des Herbstes, festgehalten in sieben Katalogen, mit insgesamt 1200 Losen sind auf siebzehn bis 23 Millionen Euro geschätzt. In den Katalog mit „Ausgewählten Werken“ haben es insgesamt 62 Lose geschafft. Den Titel zieren zwei einander zärtlich zugewandte „Bärtige Männer (Apostel)“ von Emil Nolde, entstanden um 1931/35 (300.000/400.000). Das Aquarell besteht aus zunächst zufällig aufs Papier gebrachten Farbwolken und Flecken, die Nolde mit Tuschpinsel in Form gebracht hat. Er wollte so zum „Kopisten der eigenen Tiefe“ werden. Nolde ist darüber hinaus noch mit einer Vielzahl charakteristischer Aquarellmalereien im Preisspektrum zwischen 40.000 bis 80.000 Euro vertreten.

Als ein weiteres - ungleiches - Paar kann man Otto Dix’ „Sonnenaufgang“ (300.000/400.000) und Max Pechsteins „Sonnenuntergang an der See“ (400.000/ 600.000) vereinen: Über Pechsteins idyllischer Küste von 1921 blendet eine Sonne, wie ein feuriges Frauenauge mit leicht gesenktem Lid. Das Bild malte Pechstein aus Anlass der Nachkriegsrückkehr an seine verehrte Ostsee. Kunsthistorisch bedeutender ist sicherlich die morgendliche Szene von Dix, die er 1913, also mit zweiundzwanzig Jahren, festhielt. Damals hatte er den Krieg noch vor sich. Der Katalog will hier eine apokalyptische Vorahnung im Stakkato-Stil erkennen. Das fünfzig mal sechzig Zentimeter große Bild wurde 1933 im Stadtmuseum von Dresden konfisziert und in der Schau „Entartete Kunst“ an den Pranger gestellt.

1 | 2 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
  Weitersagen Kommentieren (9) Merken Drucken

20.11.2012, 06:34 Uhr

Weitersagen