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Berlin Art Week : Was der Kunst wirklich droht

Die „Berlin Art Week“ zeigt eine gefährdete Galerieszene.

          Wann immer in Berlin eine Kunstmesse stattfindet, wie immer sie auch heißt, wird gefragt, ob sie denn nun auch mithalten könne mit den anderen Veranstaltungen dieser Art, mit der Frieze in London, der Fiac in Paris oder wenigstens der Art Cologne, und mit „mithalten“ ist gemeint: Große, international bekannte Galerien, Blue-Chip-Triple-A-Kunst, Meister- und Spitzenwerke, wer immer definiert, was das ist. Man weiß gar nicht, ob man Berlin diesen Erfolg wünschen soll, denn es ist ja die Besonderheit der Stadt wie auch ihrer Messe, dass der fehlende ökonomische Druck, der in vielerlei Hinsicht ein Problem sein mag, auch eine Freiheit erzeugt, Dinge zu machen und zu zeigen, die man anderswo in Erwartung horrender Gewinne durch die bekannten Cash-Maschinen des Betriebs lieber gar nicht erst auf die Bühne bringt.

          Niklas Maak

          Redakteur im Feuilleton.

          Auch diesmal sind im Rahmenprogramm der „Art Berlin“ (unser Bericht auf dieser Seite) unzählige Außenposten zu entdecken, an denen man sieht, wie vielfältig die Berliner Szene ist: Die Galerie Kraupa-TuskanyZeidler hat neue Räume in der Kohlfurter Straße in Kreuzberg bezogen. Die Ausstellungsarchitektur – eine Art Grid aus weißen Regalrastern und Lichtbändern, das an die schönsten Superstudio-Entwürfe erinnert und für die aktuelle Ausstellung fast ein wenig zu sehr mit Leichtbauwänden versteckt wurde – hat die Architektin Johanna Meyer-Grohbrügge entworfen. Sie prägt, nach dem Umbau der Galerie von Mehdi Chouakri und ihrem Entwurf für die aufsehenerregende Filiale der Sammlung Stoschek, die Ästhetik der Berliner Kunstszene gerade wie kaum ein anderer – außer vielleicht Arno Brandlhuber, dessen schimmernder neuer Atelierriegel in Lichtenberg die in der ehemaligen DDR-Fahrbereitschaft untergebrachte Sammlung Haubrok erweitert.

          Die Gegend dort wächst sich gerade zu einer sehr besonderen Idealstadt in der Stadt aus; ein paar Hausnummern weiter in der Herzbergstraße liegt das Dong Xuan Center, benannt nach dem Dong Xuan Markt in Hanoi, dem größten und ältesten Markt der vietnamesischen Hauptstadt; die Berliner Version, in der Hunderte von ehemaligen vietnamesischen Gastarbeitern Kleider- und Spielzeughandlungen, Cafés oder Friseurläden eröffnet haben, erstreckt sich über etliche Hallen. Sie fühlt sich an wie eine Parallelwelt, vor der niemand Angst haben muss, sondern die – als Beispiel einer gelungenen Integration ohne jede Anpassung – Berlin enorm bereichert und sich gerade zu einer Touristenattraktion auswächst. Nach wie vor gibt es in dieser Gegend – neben Kunstsammlungen und Umbauten freistehender Treppentürme zu einem Avantgardekunst-San Gimigniano – auch schrottige Autowerkstätten und florierende Lackierbetriebe, was im Falle der aktuellen Ausstellung bei Haubrok zu schönen Rückkopplungen führt; denn dort wird, pünktlich zum Jubiläum der Städtepartnerschaft zwischen Berlin und Los Angeles, Kunst von der amerikanischen Westküste gezeigt, darunter wunderbare monochrome Gemälde von Stephen Prina, der grün schimmernde Autolacke auf seinen Leinwänden verwendet.

          Dass manchmal auch die Kunst Opfer der Gentrifizierungswalze wird, die in ihrer Fahrspur in die bezahlbareren Gegenden der Stadt donnert, zeigt sich in der Neuköllner Sonnenallee Nummer 99. Dort, in einer alten Arztpraxis, befindet sich der Kunstraum „Plaque tournante“, den jeder unbedingt sehen sollte, und zwar aus zwei Gründen: erstens, weil die gerade laufende, überraschend große Ausstellung mit Werken des rumänisch-französischen Poeten, Malers und „Lettristen“ Isidore Isou (1925 bis 2007), der nach 1945 ein beeindruckendes Werk an Kompositionen, Schrift-Bildern und Manifesten schuf, einer der versteckten Höhepunkte dieser Art Week ist. Und zweitens, weil die schwedische Immobiliengesellschaft Akelius die Betreiber dieser Galerie, die englische Mezzosopranistin Loré Lixenberg und den französischen Komponisten Frédéric Acquaviva, soeben vor die Tür gesetzt hat: Nur noch bis zum 25.September seien die Arbeiten Isous nach telefonischer oder schriftlicher Anmeldung zu sehen (info@laplaquetournante.org); dann fällt, wenn die Vermieter auf der Schließung beharren, auch dieser (auf die Verbindung von experimenteller Musik und Kunst spezialisierte) Ausstellungsraum dem Immobilienirrsinn zum Opfer – was leider ein weiteres Beispiel dafür wäre, wie Investoren dem intellektuellen und künstlerischen Leben den Garaus machen, das die Attraktivität der Stadt und letztlich auch ihre immobilienwirtschaftliche Vermarktbarkeit als „brodelnd urbanes Zentrum“ ausmacht.

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