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Donnerstag, 20. Juni 2013
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Berlin Art Week Und Blixa Bargeld tönt „asdfghjklö“

 ·  Es sieht gut aus: Zwar feiert die neue „Berlin Art Week“ Eröffnung in einem stillgelegten Hallenbad. Aber das Wasser steht ihr nicht bis zum Hals.

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Die Witze waren naheliegend: Der Messe art berlin contemporary (abc), die das Art Forum ablöste und keine Messe sein will, aber eine ist, steht das Wasser bis zum Hals. Die Luft ist raus, das Wasser auch. Und so weiter. Als die Macher der neuen Berlin Art Week am Beckenrand eines stillgelegten Hallenbads ihre Aktionswoche eröffneten, wurde geunkt und kritisiert und übelgenommen, in Berlin ist man kritisch mit der Lage der Messe, es müsse sich, heißt es dringend etwas ändern. Aber was? Repräsentanten der elf Partnerinstitutionen, darunter das KW Institute for Contemporary Art, der Neue Berliner Kunstverein n.b.k. und die Nationalgalerie, hatten sich einen Tag nach dem offiziellen Start am Beckenrand aufgereiht und die erste Kunstwoche dieser Art, die vom 11. bis zum 16. September stattfand, eröffnet. Mit dabei: Der Berliner Senat, der die Organisation finanziell unterstützt und sich ja sowieso gerne inmitten der Kreativbrachen der Stadt präsentiert. Erst im vergangenen Jahr hatte Klaus Wowereit die Kunstausstellung „based in Berlin“ finanziert, die in einem Abbruchhaus im Monbijoupark stattfand. Nun also ein Empfang im Schwimmbad, vor dessen Toren kräftig gebaut wird - eine Stadt im Umbruch, nein Aufbruch. „Aufbruch“, das war das Wort des Abends: Bloß wohin eigentlich?

Die Berlin Art Week, so viel steht fest, ist eine Stadtvermarktungsereigniswoche. Sie soll neben Touristen Kunstliebhaber anlocken. Man fürchtet, hieß es während des Hallenbad-Empfangs, Berlin sei seit dem Ende der Berliner Kunstmesse Art Forum im vergangenen Jahr, vom allgemeinen Aufmerksamkeitsradar verschwunden. Mit vereinten Kräften müsse man daher, den Ausstellungs-, Produktions- und Verkaufsstandort Berlin unterstützen. Neben dem Gallery Weekend im Frühjahr soll auch die vieldisktuierte abc als sogenannte „Verkaufsschau“ im internationalen Kunstherbst etabliert werden.

Lange wurde ja darüber diskutiert, ob die Veranstaltung, zu der sich jetzt 129 Galerien aus 18 Ländern, davon 66 aus Berlin, zusammengefunden haben, nicht als Messe bezeichnet werde müsse. Die Organisatoren hatten sich gegen diesen Begriff gewehrt: „Die Arbeiten stehen im Vordergrund“, heißt es auch in diesem Jahr. Und: „Die teilnehmenden Galerien präsentieren sich nicht mit ihrem Programm, sondern vielmehr als Kuratoren ihrer Künstler.“

Wer sich durch die drei Hallen des ehemaligen Paketumschlagplatzes in Berlin Schöneberg bewegte, fand sich in einem übersichtlich kuratierten Ausstellungsparcours wieder und bekam einen Eindruck davon, wohin sich die Protagonisten des „Kunststandort Berlin“ bewegen. Die Architektur setzte sich symbolträchtig aus Baugerüsten und Holzkonstruktionen zusammen. In der hinteren Halle dominiert wie im vergangenen Jahr Malerei, etwa bei Johann König, der in Berlin eigentlich eher für konzeptuelle Kunst bekannt ist. Er zeigt die neu im Programm aufgenommene Corinne Wasmuht („Uqbar II“, 2012, 239 x 511 cm, Öl auf Holz, 120.000 Euro ohne MwSt). Der in Berlin lebende Künstler Ignacio Uriarte aber installierte in dem Gerüst zwei Lautsprecher, über die Blixa Bargeld zu hören ist, der mit rhythmischer Stimme die Buchstabenreihe ASDFGHJKLÖ vorliest (2011, Soundinstallation, 33 min., 6000 Euro, Figge von Rosen).

Andere, wie Manfred Pernice, nutzen die Zäune als Absperrung noch verpackter Arbeiten und verwirren damit sogar ihre Galeristen. Ansonsten dominiert die ABC künstlerisch verfremdetes Mobiliar. Hängende Tische, dysfunktionale Bänke und Stühle - man fühlt sich wie im Einrichtungshaus, das Künstlerinnen wie Émilie Pitoiset mit geheimnisvollen alten Fotos schmücken („Life Performance, little girl“, 2012, Vintage Fotografie, gerahmt, Filzkarton, 21 x 27 cm, 2.800 Euro, Galerie Klemm‘s). Vielleicht muss diese Inneneinrichtungskunst als Rückzug ins Private der Galerien gewertet werden, als Bejahung eines traditionell kommerziellen Bereichs der Kunstwelt?

Auch der documenta-Teilnehmer Theaster Gates zeigt Skulpturen. Sie stammen aus dem Hugenottenhaus in Kassel; allerdings stehen sie hier auf der ABC nicht zum Verkauf. „Fast alle Arbeiten, die in Kassel zu sehen sind, wurden bereits auf der documenta verkauft,“ erzählt der Direktor der Galerie Kavi Gupta Marc LeBlanc. „Diese werden zurück nach Chicago gebracht; Sammler können uns nach der Messe kontaktieren.“

Das Bekanntwerden von Fakten wie diesen stürzen nicht nur den Ausstellungsbetrieb in eine Krise, der durch öffentliche Gelder eigentlich vor jahrmarktähnlichen Verkaufsverhältnissen geschützt werden sollte, sie verändern auch den Blick auf die Arbeit der Galerien: Die Documenta wird zur Messe, die Messe zum Ort reiner Kontemplation. Verkehrte Welt! Neben Kavi Gupta zeigt auch die Galerie KOW aus Berlin einen documenta-Künstler. Die mehrteilige Arbeit „Sun Cinema“ von Clemens von Wedemeyer (40.000 Euro ohne MwSt.) lässt sich kaum über der Sammler-Couch installieren. Als Ergänzung zum n.b.k., einer der wenigen neu eröffneten institutionellen Ausstellungen der Art Week, stellt KOW dem Architekten Arno Brandlhuber ein paar Computer zur Verfügung. Zu sehen sind die Werbefilme, mit denen Investoren für Luxusapartments „Inspired by Philippe Starck“ in Berlin Mitte werben.

Wo einst Freiflächen waren, werden Wohnungen gebaut, die in Kategorien wie „Minimal“ oder „Culture“ eingeordnet werden. KOW oder Sassa Trülzsch, die in ihren Räumen den vielversprechenden Künstler Fiete Stolte, geboren 1979 in Berlin, zeigt, fördern mit geringen Mitteln Ausstellungsprojekte wie dieses, in dem die Kunst den Blick auf die tatsächlichen Probleme, die zunehmende Kommerzialisierung der Stadt lenkt.

Auf einer der Baustellen organisierte der nicht von der Stadt unterstützte Kunstverein „Schinkel Pavillon“ am Mittwochabend ein Bagger-Ballett. Der Künstler Cyprien Gaillard lief mit einer Fackel durch die Baugrube, in der später die so genannten Kronprinzengärten-Apartments entstehen sollen. „What it does to your city?“ fragt der Künstler mit der Performance - eine Frage, die sich jeder der elf Partner der Berlin Art Week stellen sollte, allen voran der Berliner Senat. Statt in Projekte wie „based in Berlin“ zu finanzieren, die er im vergangenen Jahr quasi im Alleingang initiierte, unterstützt er zumindest schon einmal direkt die Galerien der Stadt. Auch wenn es bisher nur 250 000 Euro sind - mit der Berlin Art Week gibt er das Geld einer Initiative, die auch gegen das anarbeitet, was der gleiche Senat mit seiner Liegenschaftspolitik vorantreibt: Die Gentrifizierung einer Stadt, die die Künstler, mit denen sie sich schmückt, immer weiter an den Rand drängt.

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