Ungefähr 60 000 Besucher zählt die Art Basel Jahr für Jahr. Hinzu kommt das angereiste Personal von knapp dreihundert Galerien, ungezählte Künstler, deren Werke hier gezeigt werden, und mehr als 2300 Journalisten aus vielen Teilen der Welt. Parallel zur Kunstmesse haben sich weitere Satelliten-Messen etabliert, und ortsansässige Galerien bauen jetzt parallel zur Art wieder ein spezielles Programm. Die Stadt am Rheinknie wird im Juni zum temporären Epizentrum der Kunstszene. Und alle Akteure - Galeristen und Kuratoren, Künstler und Sammler, Kunstenthusiasten und Zaungäste - wollen während dieser vier Nächte zwischen fünf Messetagen möglichst vor Ort schlafen.
Weil die Stadt Basel aber nur 4000 Hotelbetten zu bieten hat, beginnt die Jagd nach brauch- und bezahlbaren Quartieren spätestens im Winter. Nicht wenige Gäste gehen gleich auf Nummer sicher, buchen ein Hotelzimmer in Zürich und kommen jeden Tag mit einer Stunde Zugfahrt nach Basel. Während nun die Neulinge erst an die Pforten der Kunstwelt klopfen und sich bei den Hotelzimmern ganz hinten anstellen müssen, haben die Etablierten vorsorglich schon bei der Abreise 2007 ihre Zimmer für dieses Jahr reserviert. Diese 39. Ausgabe der wichtigsten internationalen Kunstmesse macht es den Besuchern dabei doppelt schwer, eine passende Unterkunft zu finden: Denn am 7. Juni, also noch während der Messe, wird die Fußball-Europameisterschaft in Basel und Genf angepfiffen.
Zusätzlich die Fußballfans
Das verschärft den Übernachtungsengpass noch, weil dann Tausende Tschechen, Türken und Portugiesen vor Ort mit ihren Teams mitfiebern wollen. Basel ist also im Ausnahmezustand, wenn sich für einmal Kunst- und Sportwelt in der Nordwestschweiz gute Nacht sagen. Rheinufer, acht Uhr morgens: Aus einem Kleinbus mit englischem Kennzeichen schälen sich drei schwarz gekleidete Gestalten und mischen sich verschlafen ins beginnende Leben der Basler Altstadt. Gleich um die Ecke liegt die ehemalige Brauerei Warteck, die auch dieses Jahr wieder die Messestände der „Liste 08“ aufnimmt, der „Young Art Fair“, die seit 1996 als frische Parallelmesse zur Art Basel stattfindet.
Wer hier ausstellt, hat ein junges Programm - mit Künstlern unter vierzig Jahren - und ist erst seit maximal fünf Jahren im Kunstgeschäft unterwegs. Wer es auf die „Liste“ schafft, ist aber gleichzeitig schon im Vorhof zur Art; nicht wenige Galerien oder Künstler werden hier entdeckt und schaffen den Sprung zur großen Messeschwester. Vor den Erfolg hat man aber die Improvisation gesetzt - speziell beim Versuch, in Basel zu übernachten. Nicht wenige der jungen Galeristen schlafen im Campingbus, damit dieser Kunsttermin für sie überhaupt bezahlbar wird.
Zu Gast bei Sammlern
Der in Leipzig und Berlin ansässige Eigen + Art-Galerist Gerd Harry Lybke hatte Glück und musste in Basel nie eine Schlafstätte suchen: Seit seiner ersten Art-Teilnahme kurz nach dem Fall der Mauer bis heute legt Lybke sein müdes Haupt als privater Gast einer Basler Sammlerin in deren Wohnung nieder. Auch einige von Lybkes Künstlern sind regelmäßige Art-Gäste und nicht auf die ortsansässige Hotellerie angewiesen, so nutzen die Brüder Carsten und Olaf Nicolai ebenfalls ihre privaten Kontakte für die Messe. Das spart Geld und vor allem die mühsame Suche nach einem Hotelzimmer.
Für die überlastete Art Basel wird heuer zur guten Alternative, was sich seit Jahren an der Uhren- und Schmuckmesse „BaselWorld“ bewährt hat: All jene Gäste, die bei den Hotels leer ausgingen, versuchen ihr Glück auf dem Rhein. Zwei exklusive Hotelschiffe des Schweizer Reeders „Scylla Tours“ haben jetzt wieder in Basel festgemacht und das hiesige Bettenkontingent um etwa 250 Schlafplätze erweitert. Für 380 Franken pro Doppelbettkajüte kann man mitten in der Stadt Quartier nehmen und bequem zu Fuß zur Messe gelangen.
Selbst Privatwohnungen sind begehrt
Wer weder privat untergekommen ist noch auf dem Schiff, der nutzt vielleicht einen relativ neuen Service und mietet gleich eine ganze Privatwohnung für die Messewoche. Vor Ort hat sich diese unkonventionelle Methode inzwischen etabliert, weil Basel das Übernachtungsproblem von anderen Messen nur zu gut kennt. Da die Messe jedes Jahr mehr Menschen anzieht, werden private Vermieter nun auch Anfang Juni händeringend gesucht. Mehrere Anbieter teilen sich dieses Unternehmen, „BaselLodging“ und „VacancyRooms“ sind die Platzhirsche unter ihnen. Ganze Kleinfamilien verlassen ihr Domizil für eine Woche, flüchten zu Freunden oder Verwandten und finanzieren sich mit dem Erlös schöne Sommerferien.
Zwischen 3000 und 5000 Franken zahlen die Gäste für die teils komforta-blen Wohnungen - täglicher Zimmerservice inklusive. Die Münchner Galeristen Raimund und Silke Thomas müssen sich bei ihrem Galerieprogramm mit Schwerpunkten im deutschen Expressionismus und der Klassischen Moderne weniger um die Künstler selbst kümmern. Sie sorgen aber umso mehr für ihre potentiellen Käufer. Um selbst spätentschlossenen Sammlern aus der Ferne eine Übernachtungsmöglichkeit während der Art anbieten zu können, buchen die Galeristen Thomas schon mal ein paar Zimmer im Badischen, auf die sie bei Bedarf zurückgreifen können - Kundenpflege der gastlichen Art.
Speisen mit Sternen
Für sich selbst bleiben die Münchner pragmatisch: Nur dreihundert Meter Fußweg haben sie an Messetagen von ihrem Vier-Sterne-Stammhotel „Europe“ bis an den Art-Stand. Diesen gab es bereits im Jahr 1979 zur zweiten Ausgabe der Art, und er gehört nach einigen Jahren Unterbrechung nun schon seit mehr als fünfzehn Jahren wieder zur Messe. Der erste Abend nach der Eröffnung ist bei der Galerie Thomas traditionell für ein nobles Essen im Kreis der knapp zehn Galeriemitarbeiter reserviert, man speist im „Les Quatre Saisons“, das mit achtzehn Gault-Millau-Punkten glänzt.
An den folgenden Abenden trifft man sich vor allem in den schönen kleinen Restaurants der Basler Altstadt, gern mit befreundeten Sammlern oder Kollegen - und weniger an den einschlägigen Gastro- und Kultur-Hotspots der Art Basel.Am oberen Ende der Übernachtungsbranche sieht es naturgemäß komfortabel aus: Die unbestritten erste Adresse der Basler Hotels ist das „Les Trois Rois“ am Rhein. Es gilt mit einer Erwähnung im Jahr 1681 als eines der ältesten Hotels in Europa und lockt mit Fünf-Sterne-Superior-Qualität nach Basel. Doch die edle Herberge präsentiert auch auf besondere Weise das Faible ihres Eigentümers für die Kunst: Der Unternehmer Thomas Straumann kaufte 2004 das traditionsreiche Haus und ein benachbartes Bankgebäude, renovierte und restaurierte grundlegend und stattete alle Räume individuell mit Kunstwerken aus.
Stolze Preise auch ohne Frühstück
Die 155 Betten des Hauses sind während der Art Basel schon ein Jahr zuvor ausgebucht, die treuesten Stammgäste aus der Kunstszene - vorwiegend aus den Vereinigten Staaten, Frankreich und Großbritannien - kommen bereits seit dreißig Jahren hierher. Also wird auch während der aktuellen Art die Luxussuite wieder belegt sein, die ihren Bewohnern immerhin 4500 Franken pro Nacht wert sein muss, nota bene exklusive Frühstück. Die Wände des großzügigen Appartements mit originalen Art-déco-Möbeln im Dachgeschoss schmückte Hotelier Straumann mit Gemälden des Basler Malers Numa Donzé, die er persönlich zusammengetragen hat.
Lange bevor die Art erfunden wurde, war schon einer im „Drei Könige“ zu Gast, der auf der Messe bis heute omnipräsent ist: Pablo Picasso trug sich in den dreißiger Jahren in die lange Gästeliste des Hotels ein. Dass in diesem Haus wirklich jedes Detail stimmt, belegt nicht zuletzt die Nummer des hauseigenen Bentleys für die VIP-Gäste: BS 1844 - das Baujahr des nach Plänen von Amadeus Merian errichteten Hotels in seiner heutigen Gestalt. Zu den Stammgästen in „Les Trois Rois“ gehört auch das Team der traditionsreichen Galerie Gmurzynska aus Köln, die seit Jahren in Zug, in St. Moritz und in Zürich vertreten ist.
Empfang im Kerzenlicht
Ihrem hochkarätigen Programm der Klassischen Moderne und osteuropäischen Avantgarde von Picasso und Feininger bis Malewitsch und Calder entspricht auch der Auftritt der Kunsthändler zur Art Basel. Nicht nur der opulente Messestand fällt Jahr für Jahr mit exzellenten Werken ins Auge. Vor zwei Jahren empfing man Sammler und Partner aus aller Welt im großen Ballsaal des „Drei Könige“, der für einen Abend - nur von Kerzen beleuchtet - zum asiatisch anmutenden Kirschgarten umgestaltet wurde. Die Crème de la Crème der Kunstwelt folgte der Gmurzynska-Einladung, die zum höchst exklusiven Abend im Rahmenprogramm der Art Basel avancierte.
Ein kleiner Kreis Gutbetuchter löst das leidige Bettenproblem besonders individuell. Rund 250 zwei- bis zehnsitzige Privatjets aus Europa und Übersee landen während der Messetage auf dem Basler EuroAirport. Sie bringen vor allem Sammler und Händler für eine kurze Einkaufstour zur Messe; für die meisten ist der Rückflug bereits am Abend angesetzt. Ein anderes Konzept verfolgen die Berliner Foto-Galeristen Rudolf und Annette Kicken, die der Art von Beginn an treu sind - und ebenso beständig nach Toreschluss abends über die nahe Grenze nach Deutschland fahren. Hier bieten sich viele Optionen, der heißen Stadt und der Kunstwelt zu entfliehen; Kickens ziehen sich am Abend ins Hotel „Mühle“ nach Binzen zurück.
Genuß jenseits der Grenze
Eine Viertelstunde im Auto, und man sitzt im Grünen, wird mit südbadischer Gastfreundlichkeit und Küche verwöhnt, kann zudem Partner der Galerie einladen und lässt die dumpfe Messehalle weit hinter sich. Zu ihren Gästen zählten in den vergangenen Jahren der Fotograf und Foto-Lobbyist F.C. Gundlach oder der in Leipzig und Berlin tätige Fotograf Hans-Christian Schink. Auch Museumsleute wie Inka Graeve Ingelmann, Direktorin der Sammlung für Fotografie und Neue Medien der Münchner Pinakothek der Moderne, oder Sammler wie Eva Felten aus München sind regelmäßig persönliche Art-Gäste der Galerie Kicken in Binzen.
Legendär ist längst auch das Hotel „Zum Hirschen“ in Haltingen, ebenfalls nur ein paar Kilometer über die Grenze im nahen Markgräflerland. Zum Beispiel Wim Pijbes, Direktor der Kunsthal Rotterdam, nimmt seit Jahren dort Quartier, ebenso das Team der Münchner Galerie Bernd Klüser. Marian Goodman aus New York richtet hier eine von vielen Art-Eröffnungsfeiern aus, auf der die internationale Kunstprominenz badische Weine zu frisch gestochenem Spargel trinkt. Das Hotel selbst hat sogar familiäre Wurzeln in der Kunstgeschichte: Der Vater der heutigen Hirschen-Wirtin Angelika Ulfstedt ist der Metallgestalter Otto Rittweger - Bauhaus-Student der Gropius-Ära unter László Moholy-Nagy.
Gedränge auch in Restaurants
Der Bettenmangel an der Art hat einen Zwillingsbruder, der an den Abenden nach der Messe urplötzlich auftaucht: den chronischen Restaurant-Engpass. Gastro-Geheimtipps für Basel gehören ebenso zur Messe wie die Namen der jüngsten Entdeckungen auf dem Kunstmarkt. Hat man mit Glück hier oder dort ein Bett finden können, stellt sich Abend für Abend die andere Frage, wo man Hunger und Durst stilvoll stillen kann. Und während die einen auch dann noch das Motto Sehen-und-Gesehenwerden favorisieren, ziehen sich andere gern vom Messetrubel zurück.
Die Schweiz selbst, Deutschland und Frankreich bieten glücklicherweise viele kulinarische Alternativen; Gastrokritiker streuen immer wieder Sterne, Punkte und Kochmützen ins Dreiländereck. Dort allerdings ist der Ansturm auf die so ausgezeichneten Lokale enorm. An Adressen mit Tradition - wie dem berühmten „Chez Donati“ in der St. Johanns-Vorstadt oder dem pünktlich zur Art wiedereröffneten „Stucki“ auf dem Bruderholz - erntet man schon Monate vor der Kunstmesse mit der Frage nach einem Tisch für Anfang Juni nur ein höfliches Lächeln des Personals.
Auch Charme und Qualität der Szene-Osteria „Acqua“ mit ihren In-Clubs „Kuppel“ und „Annex“ haben sich in Art-Kreisen inzwischen weit herumgesprochen. Der Basler Galerist Tony Wuethrich arrangiert diesmal dort die „Art Opening Night“ und erwartet nicht weniger als 2000 Gäste. Trotz dieser gewünschten Dichte während der Messetage gibt es selbstverständlich auch in Basel noch Geheimtipps. Lohnenswert ist vor allem der Blick auf neu eröffnete Hotels und Restaurants. Zu diesen gehört zum Beispiel das Schloss Binningen, nur 25 Straßenbahnminuten von der Messe entfernt. Im jahrhundertealten Gemäuer gibt es erst seit Ende Mai 2008 knapp fünfzig Betten in historischem Ambiente und dazu ein Restaurant mit erlesener Menukarte und superben europäischen Weinen. Und das alles (noch) ohne Stammgäste.