20.03.2006 · Unter Nummer 848 firmiert ein auf 200 000 Euro geschätztes eigenhändiges Musikmanuskript von Gustav Mahler. Es handelt sich um die vorletzte Fassung des mit „Andante con moto“ bezeichneten Satzes der „Auferstehungssymphonie“, die seit 1923 als verschollen galt.
Von Wiebke HüsterAm zweiten Tag der Auktionen der Autographenhandlung Stargardt, am Morgen des 22. März, kommt im Berliner Opernpalais Unter den Linden eines der faszinierendsten und kostbarsten Lose zur Versteigerung. Unter Nummer 848 firmiert ein auf 200 000 Euro geschätztes eigenhändiges Musikmanuskript von Gustav Mahler (7 Doppelblätter, 33,2 mal 25,7 Zentimeter), auf dessen Titelblatt Mahler notierte und unterstrich: „2. Symphonie, / 4. Satz“.
Es handelt sich um die vorletzte Fassung des Satzes der „Auferstehungssymphonie“ Nr. 2 c-moll. Erst danach entschied der Komponist, den mit „Andante con moto“ bezeichneten Satz als zweiten, nicht als vierten zu integrieren. Seit 1923 galten die Blätter als verschollen. Beigegeben ist eine Visitenkarte Alma Mahler-Werfels: „Ich bestätige hiermit die Echtheit der Handschrift von Gustav Mahler: II Symphonie 2 Satz Partitur“.
Ich hör' ein Vöglein locken
Doch auch unterhalb sechsstelliger Taxen hält die Musik wundervolle Autographen bereit. Felix Mendelssohn Bartholdy etwa hatte sein Lied für eine Singstimme und Pianoforte „Im Frühling“ nach einem Gedicht von Adolf Böttger in Reinschrift gebracht, um es Jenny Lind im Anschluß an zwei gemeinsame Konzerte im Leipziger Gewandhaus am Nikolaustag 1845 zu schenken (Taxe 16 000 Euro). „Ich hör' ein Vöglein locken, das wirbt so süß, das wirbt so laut“ heißt die erste Zeile. Solche Vorfreude auf den Frühling schon zu Beginn des Winters klingt nicht ganz unverdächtig.
Mannigfaltige Trouvaillen birgt die Literatur: Apollinaire schreibt aus dem Krieg, Balzac in Liebeshändeln zwischen zwei Rendezvous (1600), Flaubert legt seiner Geliebten Louise Colet den Stand der „Madame Bovary“ dar (4000), Fontane hat die schönste Schrift, die Buchhändlerstochter Alwine Frommann hat ein Albumblatt Goethes mit Gouachemalerei umrahmt: „Narre wenn es brennt so lösche / Hats gebrannt, bau wieder auf“ schrieb ihr der Meister (7500). Immerhin auf 300 Euro geschätzt wird ein Brief der letzten Geliebten Goethes.
Kafka über Kierkegaard
„Henri Heine“ ist der auf 2500 Euro taxierte Brief des Dichters vom 31. Mai 1855 aus Paris unterzeichnet, der in der Säkularausgabe nicht gedruckt ist. Prachtvolles von Kafka wird angeboten. Bei 60 000 Euro liegt die Taxe für den wichtigen Brief an Max Brod, in dem Kafka sich über Kierkegaard äußert. Das große Manuskript zu Heinrich Manns Dreiakter „Der Weg zur Macht“ wird auf 20 000 Euro taxiert, Druckfahnen und ein Manuskript Prousts auf 12 000 und 8000 Euro.
Musik und Literatur also stellen die faszinierendsten Lose. In der Abteilung Geschichte gibt es einen Brief von Friedrich II. als Kronprinz (8000), in der Wissenschaft einen Brief Ludwig Wittgensteins „von größter Seltenheit“ und darum geschätzt auf 3000 Euro, gerichtet an seinen Freund, den Nationalökonomen Piero Sraffa und bisher unveröffentlicht.
Wem der Sinn nach hübschen Kleinigkeiten steht, die an die angenehmen Sitten vergangener Zeiten erinnern, wird für eine Postkarte von Degas bieten. Für geschätzte 300 Euro kann man in den Besitz eines Kärtchens gelangen, das einer „Chère Madame“ den Besuch Degas' zum Essen ankündigte und so einmal den Tag versüßte.
Fundgruben der Forschung
Über die Auktion hinaus wird der Katalog dieses Frühjahrs wertvoll bleiben, und zwar nicht nur wegen der kapitalen Lose, schönen Abbildungen und lesenswerten Erläuterungen. Aus dem vorangestellten Aufsatz „Eigenhändig. Grundzüge einer Autographenkunde“ geht hervor, daß es noch vor wenigen Jahrzehnten notwendig war zu betonen, der wahre Autographensammler sei nicht etwa eine „Töchterschülerin, die den Filmstar anschmachtet und in dem Besitz seiner Handschrift das höchste Glück des Lebens segnet“, wie es in einem Handbuch 1923 hieß.
Dagegen führt der Autor Eckart Henning eine Bemerkung Stefan Zweigs an: „Erst in der jüngsten Zeit beginnt die Wissenschaft zu bemerken, was für ein unersetzliches Hilfscorps die Sammler für sie sind . . . und welche Fundgruben der Forschung die zwei- oder dreitausend Autographenkataloge der letzten hundert Jahre darstellen.“ Nichts wegwerfen, geneigte Leser und Sammler.