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Autographen bei Stargardt : Was Karl Marx verspricht

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Handschriftliche Zeugen: Das Auktionshaus Stargardt in Berlin versteigert Autographen aus Literatur, Kunst, Wissenschaft, Musik und Geschichte. Mehr als neunhundert Lose erzählen von ihren Urhebern.

          Früher schickten auch Philosophen ihre Rechnungen per Post, und Wissenschaftler hielten mit Tinte fest, wenn sie um die richtigen Worte rangen. Von der Zeit vor der elektronischen Kommunikation zeugen die Dokumente, die am 24. und 25. März beim Auktionshaus Stargardt in Berlin versteigert werden. Geboten werden 933 Lose aus Literatur, Wissenschaft, bildender Kunst, Musik und Geschichte.

          Wohlklingende Namen reihen sich aneinander. Ein eigenhändiger Brief von Charles Dickens mit Goldschnitt (2000 Euro) steht neben dem hektographierten Typoskript eines nie gedruckten und wohl nie aufgeführten Stücks von Ödön von Horváth, „Niemand. Tragödie in sieben Bildern“, aus dem Jahr 1924 (8000). „Ich bin für die Schließung der Theater - aus künstlerischen Gründen. Bevor nicht der letzte Zuschauer an den Därmen des letzten Schauspielers aufgehenkt ist, gibt es keine Kunst!“, schreibt Bertolt Brecht am 29. Dezember 1917 an seinen Freund Caspar Neher (3000 Euro). Unter den weiteren Schriftstücken des Dramatikers befindet sich ein Durchschlag mit Anmerkungen zum „Solidaritätslied“, „Wessen Morgen ist der Morgen? Wessen Welt ist die Welt?“ (2000).

          Persönliche Korrespondenzen gewähren tiefen Einblick. Während Albert Einstein die richtige Umgangsform sucht - „Sie müssen aus meinem Schweigen nie Erkalten der freundlichen Gesinnung schliessen“ - (2000 Euro), äußert sich der Raketenkonstrukteur Wernher von Braun zu Tierversuchen der Nasa (400 Euro). Oskar Kokoschka führt einem Freund das richtige Malen von Kühen aus und kommentiert anschließend den Weltkrieg: „Dies ist der Gott der Zinsen nimmt wie ein alter money-lender“ (3000). Auch Briefköpfe können viel verraten, etwa dass Thomas Bernhard den Nachruf auf Carl Zuckmayer 1977 im „Hotel Europe“ in Zürich schrieb (4000 Euro), Hannah Arendt an Hannah Strauss aus dem Hotel Cocumella (400). Rainer Maria Rilkes bisher unveröffentlichten Brief an seine Mäzenin Aline von Kapff ziert hingegen eine Vignette des Malers Heinrich Vogeler, ursprünglich für Rilkes „Buch der Bilder“ entworfen (8000).

          Feldpost von Federic

          Spitzenlos des ersten Teils ist mit 16.000 Euro die Handschrift „Zwölf Gedichte von Hermann Hesse“, 24 Seiten. Zarte Landschaftsaquarelle des Dichters illustrieren die Verse, die geschwungener, gleichmäßiger Schrift auf starkem Bütten festgehalten sind. Dicht folgen dem Manuskript Friedrich Nietzsches Erstausgaben „Morgenröthe“ und „Die fröhliche Wissenschaft“, denen ein Widmungsgedicht des Philosophen für August Bungert von 1883 vorangestellt ist (12.000).

          Die Abteilung Musik kann dieses Jahr mit besonderen Schätzen aufwarten. Darunter Carl Maria von Webers Musikmanuskript zum „Konzert-stük für das Pianoforte“ von 1821, für das 120.000 Euro angedacht sind. Die sechzig Seiten sind eingeheftet in Leinen mit goldgeprägtem Titel. Gleichauf ist das Musik-Stammbuch des österreichischen Musikschriftstellers Franz Sales Kandler mit 55 Einträgen aus Wien, von 1817 bis 1829 geführt. Franz Schubert schrieb „Die Forelle“ hinein. Ebenfalls auf 120.000 Euro wird Ludwig van Beethovens Skizze zur Mondscheinsonate geschätzt. Nur eine vollständige Reinschrift kann sie überbieten: Georg Friedrich Händels Kammerterzett „Se tu non lasci amore“, verfasst 1708 im sommerlichen Neapel (250.000).

          Verträgen, Protokollen und Papstbriefen ist der zweite Tag bei Stargardt gewidmet. Staatstragend ist die Bulle „In Universalis Ecclesiae cura“ von Papst Pius VII., mit der er 1804 die Gründung des Fürstentums Regensburg vollzog (3000). Auf gleiches Maß geschätzt wird ein Konvolut mit 21 Briefen von Mitgliedern der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands, 25 Seiten. Spitzenlos ist aber Karl Marx’ Brief an den englischen Archäologen Charles Waldstein - „Alle Versprechen dieser Welt sind ja relativ“ -, unterschrieben mit dem Spitznamen „Der Mohr“ (12.000). Mit „Der Alte Fritz“ zeichnet Friedrich der Große nicht. Sein Brief aus dem Lager von Brzezy am Ende des Ersten Schlesischen Krieges an seinen Lehrer Jacques Égide Duhan de Jandun endet mit einem einfachen „Federic“ (4000).

          Quelle: F.A.Z.

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