25.01.2012 · Wilde Kerle, Himmel und Hölle, sehnende Zeilen: Der Blick in die aktuellen Antiquariatskataloge lässt die Vergangenheit wieder lebendig werden.
Von Mareike HennigDas Londoner Antiquariat Henry Sotheran feiert sein 250. Jubiläum. Es tut dies mit einem wunderbaren „Anniversary Catalogue“, der für jedes Jahr des Bestehens ein, zwei charakteristische Bücher oder Drucke vorstellt. Es wird von Entdeckungen, Vorlieben und Moden berichtet, und es werden zudem überraschende historische Nachbarschaften offenbar.
Den Anfang macht ein mit 27 Kupfern ausgestatteter Folioband der „Plans, Elevations and Sections of Holkham in Norfolk“ von Matthew Brettingham. 1761 stand der Architekt auf dem Höhepunkt seiner Karriere. Holkham war sein Musterbeispiel eines palladianischen Landhauses, und er verhalf noch zahlreichen englischen Adligen zu einem solchen (2400 Pfund). Was gibt es noch? Die erste Beschreibung des Londoner Zoos „The Gardens and Menagerie of the Zoological Society“ erschien 1831. In zwei Bänden, durchgehend mit bemerkenswert schönen Holzschnitten versehen, wird sie für 900 Pfund angeboten. Die Erstausgabe von Darwins „On the Origin of Species“ erschien 1859; bei Sotherans kommt zum schönen Zustand der Ausgabe die schöne Provenienz: Das Buch gehörte St. George Jackson Mivart, Mitglied der Linean-, der Royal- und der Zoological-Society (55.000 Pfund).
Auch die literarischen Klassiker sind vertreten. Der erste Gedichtband der Brontë-Schwestern, schlicht „Poems“, veröffentlicht noch unter den männlichen Pseudonymen Currer, Ellis and Acton Bell, war 1848 ein Misserfolg - und ist heute eine Rarität, die man für 2250 Pfund erhält. Eine dreibändige Werkausgabe Thomas Hardys, blau gebunden und mit goldenem Eichenlaub verziert, erschien 1919 in einer vom Autor signierten Auflage von nur 500 Exemplaren (8500 Pfund). Für 850 Pfund gibt es eine gut erhaltene Erstausgabe von Orwells „Nineteen Eighty-Four“ von 1949. Dass Maurice Sendaks Klassiker „Where the Wild Things Are“ schon fast fünfzig Jahre alt ist, kann man kaum fassen: 1963 erschien das Buch in New York und prägte Kinder in England und in Deutschland nicht weniger; die bestens erhaltene Erstausgabe kostet 8500 Pfund und hat an Wildheit bis heute nichts eingebüßt.
Bilderbuchentwürfe vom Biedermeier bis zum Kinderfernsehen präsentieren Robert Wölfle, München, und das Antiquariat Sabine Keune, Duisburg, in einem kleinen hübschen, gut kommentierten Gemeinschaftskatalog. 1902, gut sechzig Jahre vor Sendaks „Wilden Kerlen“, lässt Berthold Löffler, Künstler der Wiener Secession, in zwei Zeichnungen mit Deckfarben eine Gruppe ängstlicher Schwaben vor Hase und Frosch flüchten: Das Wilde ist immer eine Frage der Perspektive. 2200 Euro kosten diese Blätter, die in Band vier der um die Jahrhundertwende wichtigen Reihe „Gerlachs Jugendbücherei“ einfarbig als Illustrationen zu „Des Knaben Wunderhorn“ erschienen.
Auch Dornröschen begab sich auf Abwege und an gefährliche Orte: In der Gouache des Jugendstilkünstlers August Geigenberger sieht man ihrem vorgestreckten Kopf die Neugierde an auf das, was sie da auf lieblicher Blumenwiese findet - ein sonderbares Haus mit einer zwielichtigen Alten und einer diabolischen Katze. 1908 entstanden, war das Blatt wohl für das 1910 erschienene Märchenbuch des Künstlers gedacht. Für 1650 Euro bekommt man die schöne, zwischen Idylle, Witz und Geheimnis changierende Graphik.
Im Gemeinschaftskatalog der Antiquariate 2011, inmitten von 74 Anbietern und einem eindrucksvollen Querschnitt durch alle Sammlungsgebiete - alte Drucke, Autographen, schöne Einbände, Erstausgaben, Naturwissenschaften oder Reiseliteratur - begegnet man dem Großmeister des Unheimlichen: Das Antiquariat Schröter in Unna bietet Edgar Allan Poes „Tales, Poems, Essays“ in einer englischen Ausgabe von 1961 an. Das Buch stammt aus dem Besitz des Poe-Übersetzers Hans Wollschläger, der es signierte und durchgängig mit Anmerkungen zu Stil, Logik und Datierung versah - ein Band mit Geschichte. Und dieses Arbeitsexemplar Wollschlägers schlägt die Bücke zwischen der englischen und der, von ihm und Arno Schmidt übersetzten, deutschen Poe-Ausgabe von 1966 (800 Euro).
Theodor Fontane signierte eine 1885 veröffentlichte Erstausgabe von „Unterm Birnbaum“, die, wunderbar erhalten, im Antiquariat Hans K. Matussek & Sohn für 2800 Euro angeboten wird. Ganz und gar eigenhändig ist ein vierzehnseitiges Manuskript mit zwölf Gedichten von Joachim Ringelnatz: „Taschen-Krümel“ nannte der Dichter die unveröffentlichten, 1922 in zehnfacher Ausführung geschriebenen Texte, die im Antiquariat Halkyone in Hamburg für 10 500 Euro zu bekommen sind. Gänzlich auf Autographen hat sich das Antiquariat Kotte in Roßhaupten spezialisiert. Sucht man im Handschriftlichen eine besondere Nähe zur Person, so bietet der umfangreiche Katalog ein paar besonders schöne Beispiele. Da ist ein wunderbar langer und eitler Brief, den Friedrich Hebbel im Juni 1846 an einen alten Bekannten, den Kirchspielschreiber Voss nach Wesselburen schrieb.
Stolz berichtet er vom Zittern der Hand seiner Porträtistin, von zahlreichen Übersetzungen und Aufführungen seiner Texte und dem Strom der Besucher: „Es ist unglaublich, wie man in Anspruch genommen wird, wenn man einen Namen hat.“ Der gut erhaltene Brief mit Ringsiegel kostet 4500 Euro. Andere Sorgen hat Gustav Mahler, der am 11. Oktober 1888 in einem Brief an den Theateragenten Lewy in Wien über Verträge mit diversen Sängern schreibt. Er ärgert sich über die „Gespreiztheit von der Braga“, über den „bereits vor zwanzig Jahren hier durchgefallenen“ Sigelli und stellt bezüglich anderer Schwierigkeiten klar: „Ich bin also nicht schuld daran.“ Mahlers Kümmernisse sind (für 7800 Euro) bereits verkauft.
Auch der jüngste, schmale sonnengelbe Katalog des Antiquariats Winfried Geisenheyner in Roseneck widmet sich Widmungsexemplaren und Autographen. In einem eigenhändigen Brief vom 14. Juni 1966 bittet Heinrich Böll darum, die auf seinem polnischen Konto gesammelten Beträge an „jenen Herren zu senden, dessen Adresse ich beilege“. Das Autograph ist ein Beispiel für die großzügige Unterstützung polnischer Schriftsteller und Dissidenten durch Böll. Zusammen mit einem weiteren Brief und einem Vertrag wird das Manuskript für 240 Euro angeboten. 220 Euro kostet die freundliche Absage, die Ricarda Huch am 21. Januar 1916 einer Soldatenzeitung auf die Bitte um einen Beitrag erteilte. Es sei ihr nicht gegeben, „nach Belieben irgend etwas zu schreiben, woran andere Freude haben könnten; es muss mir erst etwas einfallen“.
Als Henry Bolingbroke 1805 nach mehrjährigem Aufenthalt in British Guyana nach England zurückkehrte, fiel ihm sehr viel zu schreiben ein: „A Voyage to the Demerary“ ist eine dichte kulturhistorische Beschreibung des Lebens in der südamerikanischen Kolonie. Er schildert die Indianer, die Städte, die Flüsse und kritisch den Zustand und die Behandlung der schwarzen Sklaven. In Heinrich von Kleists Berliner Abendblättern erschien im Januar 1811 nicht allein eine ausführliche Rezension dieses Buches, auch für Kleists Verlobung von St. Domingo aus demselben Jahr wurde Bolingbrokes Beschreibung wichtig: Für 750 Franken bietet das Erasmushaus in Basel die deutsche Erstfassung des Buches an mit dem Titel „Reise nach dem Demerary, nebst einer Beschreibung der Niederlassungen daselbst“.
Das Buch erschien 1812 in Leipzig, ist in Halbleder gebunden und enthält mehrere gefaltete Karten. In mehr als 300 Nummern präsentiert das Erasmushaus eine Fülle kostbarer, oft sehr alter Bücher: Von Martin Luther und Lucas Cranach d. Ä. stammt das Passional „Christi vnnd Antichristi“, gedruckt 1521 in Erfurt von Matthes Maler. Kämpferisch stellen Cranachs Holzschnitte und Luthers Texte in dreizehn Bildpaaren das Leben Christi dem des Papstes gegenüber - der eine trägt das Kreuz, der andere wird in der Sänfte getragen. Eine Kostbarkeit ist diese reformatorische Kampfschrift in so mancher Hinsicht: historisch, theologisch, kunsthistorisch und nicht zuletzt in Hinblick auf die Provenienz aus der Sammlung des amerikanischen Bibliophilen Robert Hoe (28.000 Franken).
Dem mag man nichts Großes und Lautes mehr anfügen. Und darum zum Schluss etwas Kleines und Leises, noch einmal aus dem Antiquariat Kotte. Nur 53 Zeilen lang ist ein Manuskript Arthur Schnitzlers, das doch eine ganze Geschichte umfasst. Ohne Ortsangabe und Datum notierte er in Bleistift „ein junges Mädchen . . . Sie lächelt ihn an. - Abenteuer mit ihr. - Ob er arm ist (Schauspielerin) Er wirbt . . . Sie sagt nein.“ Für 800 Euro wird man Besitzer dieser kleinen großen Geschichte.