Während es neutönerisch improvisierend mit Gehüpf von Tischtennisbällen und atemberaubender Rififi-Spannung als Präludium aus zwei präparierten Flügeln klang (,Einführung in die Welt der Geräusche’), saß Schulze Vellinghausen, der Kritiker und Sammler, vor dem gedrängt stehenden Galerieeröffnungspublikum, sichtlich vergnügt, wissend, rieb sich Kinn und Bärtchen, schmunzelte, kicherte sich ins Fäustchen. Er erhob sich sodann, Motor und Magnet des Abends, zu kurzer, zwischen Nonchalance und bewegtem Pathos schwankender Rede (sogar Hölderlin wurde zitiert), um mit Josef Albers einen ,Laden’, ein ,privates Unternehmen’, die (op) art galerie Hans Frieder Mayers in der Bachstraße 32 in Esslingen zu eröffnen.“ So stand es in der „Stuttgarter Nachrichten“ vom 14. April 1965.
Mit Wohlwollen reagierte damals die Presse auf die mutige Galerieeröffnung eines 25 Jahre alten kunstbegeisterten Neulings in einer schwäbischen Kleinstadt im Schatten der baden-württembergischen Metropole Stuttgart. Der genannte Hans Frieder Mayer sollte schon bald zu den Begründern des „Kunstmarkts Köln ’67“ - der heutigen Art Cologne - gehören.
Und von 1967 bis 1986 verfolgte er zuerst in Krefeld, dann in Düsseldorf mit der Avantgardegaleristin Denise René als Partnerin konsequent ein konstruktiv-konkretes Programm, das er aber früh um die großen internationalen Künstlernamen von Joseph Beuys bis Andy Warhol erweiterte und so schnell zu einem der international renommiertesten Galeristen avancierte. Zuletzt, im September 2011, eröffnete Hans Mayer in Düsseldorf am Grabbeplatz anstelle seiner alten, seit 1972 existierenden Galerie in einem Neubau ein neues Domizil - und machte mit einer 3D-Performance der Düsseldorfer Elektronikband Kraftwerk seinem schon mit der Eröffnung der Esslinger Galerie begründeten Ruf als Crossover-Galerist der ersten Stunde alle Ehre.
Ein verbitterter Josef Albers
Aufgewachsen im kulturell aufgeschlossenen Klima seiner Heimatstadt Ulm und durch seine frühen Begegnungen mit den zeitgenössischen Künsten im Umkreis der dortigen Hochschule für Gestaltung entwickelte Mayer besondere Affinität zur konkreten Kunst. Richtungweisend war für ihn das stringente, ganz der geometrischen Abstraktion gewidmete Ausstellungsprogramm eben der Pariser Galeristin Denise René, während er dem allseits angesehenen Kunstkritiker Albert Schulze Vellinghausen die Anregung verdankte, Galerist zu werden. Mit der programmatischen Namensgebung „(op) art galerie“ hatte sich Hans Mayer auf einen erst im Jahr zuvor in den Vereinigten Staaten geprägten Kunstbegriff berufen: Durch die aktuelle Ausstellung des New Yorker Museum of Modern Art, „The Responsive Eye“, war die Op-Art gerade für museumswürdig erklärt - und Josef Albers als einer ihrer Väter propagiert worden.
Im Zentralarchiv (Zadik) und im Archiv der Galerie Hans Mayer befinden sich aufschlussreiche Briefe, die Auskunft über den - noch kurz vor der Esslinger Galerieeröffnung komplizierten - Umgang mit dem emigrierten Bauhauslehrer und -künstler Josef Albers geben. Ihn beherrschte eine tiefe Verbitterung darüber, dass er in seiner alten Heimat Deutschland, anders als in Amerika, noch nicht die künstlerische Anerkennung gefunden hatte. Am 19. Januar 1965 schreibt Mayer an den in New Haven, Connecticut, lebenden Albers, um sich und sein Programm vorzustellen und ihn um einige neue Bilder zu bitten.
Als Referenz nennt er die Künstler Almir Mavignier und Heinz Mack sowie Schulze Vellinghausen. Als direkte Reaktion auf die Bitte Mayers wendet sich Albers am 25. Januar zunächst in einem Brief an Schulze Vellinghausen: Er fühlt sich zwar geschmeichelt, dass der ihm wohlbekannte Kritiker und Sammler die Eröffnungsansprache halten wird, bringt aber deutlich seine Ressentiments gegenüber Deutschland zum Ausdruck. In seinem Antwortbrief vom 29. Januar lobt Schulze Vellinghausen den „Anstand“ und die „Tüchtigkeit“ des angehenden Galeristen. Er appelliert an Albers, ihm zu helfen, „gutes ,Material’ (d. h. eine schöne Auswahl) für den Termin zu bekommen“.
Ausstellungserfolg mit logistischem Aufwand
An Hans Mayer schreibt Josef Albers zwei Tage später, dass ihn schlechte Erfahrungen mit Galerien in Europa veranlasst hätten, die ihm angebotenen Referenzen einzuholen. Grundsätzlich sei er jedoch geneigt, seine „Einladung zu akzeptieren, u. a. auch darum, weil Sie event. von meinen in Bochum kaltgestellten Bildern Gebrauch machen wollen“. (Zu dieser Bemerkung von Albers erklärt Hans Mayer heute, dass er schon damals den Blick dafür gehabt habe, dass ein Teil der zwanzig Bilder im Museum in Bochum nicht besonders gut gewesen sei.) Albers fährt dann fort, er müsse - während er zu Hause, in Deutschland „totgeschwiegen“ werde, in Amerika aber eine große Nachfrage nach seinen Werken bestehe - „mit dem Versenden seiner Bilder haushalten“. Er hoffe aber, dass Mayer einer der ersten „Vorsteller“ sein werde.
Schließlich bekam Hans Mayer in letzter Minute genügend Gemälde und Graphiken für die Ausstellung zusammen: von Denise René aus Paris, von Peter Leo, dem Direktor der Städtischen Kunstgalerie in Bochum, aus Kopenhagen, aus Mailand - und nicht zuletzt von Josef Albers selbst aus Amerika. Die Ausstellung wurde dann in der „Frankfurter Rundschau“ als die „umfangreichste Albers-Ausstellung, die je auf unserem Kontinent zu sehen war“, gerühmt.
Spielarten der Konkretion
Die Rezeption von Albers’ abstrakt-konstruktivem Werk in Deutschland ging noch schleppend voran. Mit den Veranstaltungen zu seinem achtzigsten Geburtstag im Jahr 1968 fand er aber weltweite Anerkennung. Und angesichts der beginnenden Popularität in seiner alten Heimat wusste Albers auch, den pekuniären Wert seines OEuvres mehr und mehr einzuschätzen: Das belegt ein Briefwechsel zwischen ihm und dem Stuttgarter Galeristen Hans-Jürgen Müller, der ebenfalls im Zadik aufbewahrt ist. Tatsächlich war die erste Ausstellung in der Esslinger (op) art galerie doppelt wegbereitend: Für Josef Albers war sie ein Schritt hin zu seiner verspäteten Wertschätzung als Künstler in Deutschland - und für Hans Mayer der Start zu einer Karriere im internationalen Kunstmarktgeschehen.
„Konsequent konkret konstruktiv“ lautet der Titel einer Publikation aus dem Zadik: Sie illustriert, wie Hans Mayer und neben ihm weitere namhafte Avantgardegaleristen - darunter Heinz Teufel, Winfried Reckermann, Anne Lahumière, Hubertus Schoeller und Edith Wahlandt-Mettler - sich konsequent für die Vermittlung der vielfältigen Spielarten der konkreten Kunst eingesetzt haben. Zahlreiche, zum Teil unveröffentlichte Dokumente aus dem Zadik und den Archiven der einzelnen Galerien machen deutlich, wie die konkrete Kunst seit Mitte der sechziger Jahre den Kunstmarkt eroberte und auf den ersten Messen für zeitgenössische Kunst reüssierte. Der Band „sediment 20“ stellt diese Galeristen in ausführlichen Gesprächen vor.