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Aus dem ZADIK Mit dem Hang zum Extrem

 ·  Ob James Lee Byars, Sol LeWitt oder Daniel Buren: Für zehn Jahre war Wide White Space in Antwerpen eine der führenden Adressen der Avantgarde in Europa. Das Programm der Galerie wäre heute eines Museums würdig.

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Umhüllt von einem kollektiven rosafarbenen Seidengewand, sitzen in Zweierreihen, wie im Flugzeug, Personen auf dem Boden: Die Performance „A Pink Silk Airplane for 100“ von James Lee Byars fand am 25. April 1969 statt, als eine von mehreren Interaktionen in den Räumen der Galerie Wide White Space in Antwerpen. Das Schwarzweißfoto vermittelt jedoch nicht, dass der ganze Raum in Rosa gehüllt war: Der gesamte Boden der Galerie und eine Wand waren auf Wunsch des Künstlers eigens für die Ausstellung rosafarben gestrichen worden. Das dreißig Meter lange, rosafarbene Seidentuch wurde in Form eines Flugzeugs ausgebreitet, die Teilnehmer nahmen ihre „Sitze“ ein, indem sie ihre Köpfe durch eines der hundert Löcher des Stoffs steckten. Die „Passagiere“ wurden von Byars aufgefordert, alle gleichzeitig einzuatmen und sich vorzustellen, mit dem „Airplane“ abzuheben.

Nach seiner Ausstellung bei Wide White Space reiste Byars mit seinem rosafarbenen Seidentuch nach Düsseldorf weiter. Vor der Kunstakademie traf er dort Joseph Beuys mit einer Gruppe Studenten. Byars breitete nun sein „Pink Silk Airplane“ vor den Türen der Akademie aus, und nun steckten die Studenten ihre Köpfe durch die ausgeschnittenen Löcher. Byars schnitt später mit einer Schere den Stoff in Stücke für ein bis zwei Personen. Und so liefen einige Studenten mit den Stücken des seidenen Airplanes um den Körper davon. Die Stoffrelikte waren begehrt, wie eine in rosafarbenem Kugelschreiber geschriebene Postkarte von James Lee Byars an „WWS etc.“ vom 21. Oktober 1969 bezeugt: „A & B. I was delighted with the new cover and the excitement of the Book and I loved you getting back a piece of the Airplane. Are other parts available? And did you have to buy it? Love and thank you J.“ Ein Stück des Airplanes erhielten die Galeristen Anny De Decker und Bernd Lohaus von Blinky Palermo, der als Student ebenfalls unter der Plane gesessen hatte.

Unter Einbeziehung des Raums

Anny De Decker und Bernd Lohaus hatten James Lee Byars durch Christo kennengelernt. Er hatte ihnen erzählt, in New York gebe es einen verrückten Künstler, der phantastisch in ihre Galerie passen würde. Die Kunsthistorikerin Anny De Decker und Bernd Lohaus, Schüler von Joseph Beuys an der Düsseldorfer Kunstakademie, gründeten ihre Wide White Space Gallery 1966 in Antwerpen und führten sie bis 1976. Mit Galerien wie Konrad Fischer, Heiner Friedrich, Art & Project und Yvon Lambert zählte sie zu den führenden Avantgarde-Galerien Europas. Schon früh präsentierte der Wide White Space Einzelausstellungen von Künstlern wie Carl Andre, Marcel Broodthaers, Daniel Buren, James Lee Byars, Christo, Richard Long, Panamarenko und Lawrence Weiner, deren Werke an viele internationale Museen vermittelt wurden. Mit der Ausstellung „Young American Artists (1969): Carl Andre, Richard Artschwager, Bill Bollinger, Walter de Maria, Dan Flavin, Sol LeWitt und Bruce Nauman“ zum Beispiel widmete sich die Galerie der Vermittlung der amerikanischen Konzeptkunst.

Der prospektive Name Wide White Space wurde für die Galerie zum Konzept. Viele der von De Decker und Lohaus vertretenen Künstler erprobten den Galerieraum - entweder als Installationsraum, wobei die Arbeiten unter Einbeziehung des Raums entstanden (Carl Andre, Richard Long), oder die Ausstellung und die Räume wurden selbst zum Gesamtkunstwerk (Daniel Buren, Christo, James Lee Byars). Diesen grundlegenden Wandel in den künstlerischen Arbeitsweisen der sechziger Jahre und die Wirkung und Transformationen des weißen Galerieraums thematisierte Brian O’Doherty in seinem 1976 in der Kunstzeitschrift Artforum publizierten Essay und dem Buch „Inside The White Cube: The Ideology of the Gallery Space“, 1981 erneut im Essay „The Gallery as Gesture“.

Unter Freunden

Zu den radikalsten „Gesten“ im Umgang mit dem Galerieraum zählen die Interventionen von Daniel Buren: 1968 versiegelte er mit weißen und grünen Stoffstreifen die Tür der Galleria Apollinaire in Mailand für die gesamte Ausstellungsdauer. 1969 säumten weiße und grüne Stoffstreifen die Grundmauern bis zur Eingangstür der Wide White Space Gallery. Im Innern setzte sich das Streifenband entlang der Wände fort. Die erste Schau von Daniel Buren löste in Antwerpen heftige Reaktionen aus. Besucher fühlten sich angesichts der kargen Galerieräume, in denen „nichts“ zu sehen war, provoziert. Doch er fand auch Anhänger: Nach der Ausstellung baten die niederländischen Sammler Mia und Martin Visser Daniel Buren, eine Installation in ihrem von Gerrit Rietveld erbauten Wohnhaus in Bergeijk zu realisieren.

Für diese Gelegenheit überließen sie Anny De Decker und Bernd Lohaus die Hausschlüssel und verreisten. Daniel Buren suchte sich die augenfälligste und wichtigste Wand im Hause aus. Nach Fertigstellung machte sich Anny De Decker Sorgen: „Nach getaner Arbeit sah man im Hause Vissers nur noch Streifen. Der ganze Raum schien sich auf diese Streifen zu konzentrieren.“ Doch Vissers waren sofort begeistert. Mit ihren Künstlern verbanden De Decker und Lohaus Freundschaften: So fuhr Lawrence Weiner mit Bernd Lohaus und Daniel Buren 1969 gemeinsam nach Bern, um vor Beginn von Harald Szeemanns legendärer Ausstellung „Live in your head - When Attitudes Become Form“ Papierstreifen zu kleben; Richard Long verbrachte 1976 einige Sommertage im Landhaus im flämischen Weert; Carl Andre schenkte zur Geburt von Anny De Deckers Sohn Jonas, der ein kräftiges Baby war, eine Arbeit mit dicken Zinkplatten, zur Geburt der Tochter Stella gab’s Platten aus Kupfer, weil Stella rothaarig war.

Im Jahr 1976 beendeten Anny De Decker und Bernd Lohaus ihre Galerietätigkeit, 1977 fand die letzte Ausstellung mit Lawrence Weiner statt: „Above below the level of water with a probability of flooding“. Mit ihrer konsequenten Haltung und Vermittlungsarbeit wurde die Wide White Space Gallery zum Vorbild für ein Galeriemodell, das sich mehr an der Kunst orientierte als an kommerziellen Interessen, wie Anny De Decker konstatierte: „Wir haben die Galerie immer als Abenteuer angesehen, überhaupt nicht als Handel, als geschäftliche Angelegenheit. Wir haben die Extremsten ausgewählt, das war dann immer richtig.“

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