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Veröffentlicht: 21.03.2012, 11:21 Uhr

Aus dem Nachlass Serge Lifars Opium fürs Tanzvolk

Papier für Papier: Die Kunstsammlung des Ballets-Russes-Stars Serge Lifar hat in Genf nicht nur Fans entzückt. Ein historischer Augenblick für die Moderne.

von Wiebke Hüster

Bis tief in die Nacht zog sich ein aufsehenerregender Wettstreit in Genf zwischen internationalen Bietern, an dessen Ende schließlich die „Collection Serge Lifar“ insgesamt 6,25 Millionen Franken erzielte und damit das Siebenfache ihres Schätzwertes. Die Liste der Künstler liest sich wie ein „Who’s who“ des 20. Jahrhunderts: Picasso, Max Ernst, Picabia, Jean Cocteau, Marc Chagall. Auch Dokumente von Coco Chanel sind darunter.

Erst im August vergangenen Jahres hatte Bernard Piguet, Chef des Genfer Hauses „Hôtel des Ventes“, die Sammlung bedeutender Kunstwerke und Autographen aus dem Nachlass von Serge Lifar, dem berühmten Tänzer der „Ballets Russes“ und Ballettdirektor der Pariser Oper, angeboten bekommen. Lifar ist bereits 1986 in Lausanne gestorben. Die Sammlung befand sich seither im dortigen Apartment von Lifars jahrzehntelanger Gefährtin und Erbin, der 2008 verstorbenen Gräfin Lillan Ahlefeldt-Laurvig.

Hohe Zuschläge für Lose von Remizov

Der Auktionator Piguet machte sich daran, aus Kartons und Kisten Papier für Papier herauszuziehen und aus den ans Licht gehobenen Schätzen einen sorgfältigen Katalog mit sechshundert Losen zu erstellen. Am Dienstag dieser Woche war es dann so weit: Nachmittags schon drängten sich Käufer, Sammler und Agenten, rangen bis halb zwei in der Nacht mit allen ihren Kräften. Das Haus erzielte dann auch das beste Ergebnis seiner Geschichte.

Besonders berührt zeigte sich Piguet im Gespräch vom Erfolg der sieben Lose von Aleksei Mikhailovich Remizov. Der russische Emigré, ein nach der Revolution geflüchteter Schriftsteller und Künstler, hatte in großer Armut in Paris gelebt und war von Lifar unterstützt worden, wofür ihn Remizov beschenkte. Stolze 316.000 Franken erzielte nun Los 446, Remizovs „Pensées sur la Révolution russe“: Es sind 36 Notizbücher voller kyrillischer Texte und Illustrationen zur Revolution und ihren Folgen in seiner geliebten Heimat, angelegt in den Jahren 1935 und 1936. Ein einziger, vermutlich russischer Sammler, der zur Besichtigung einen Agenten nach Genf entsandt hatte, erstand alles von Remizov für 815.000 Franken.

2,7 Millionen Franken für Lose von Cocteau

Lifar, 1905 in Kiew geboren, war aufgrund seiner ukrainischen Abstammung und seines Engagements seit 1923 bei Serge Diaghilews berühmtem Exil-Ensemble, den „Ballets Russes“ nicht nur den Exil-Russen eng verbunden, sondern auch den bedeutendsten Künstlern der Avantgarde. Diaghilew verstand sich gut darauf, all jene in das vielleicht größte Unternehmen der Moderne, seine Ballets Russes, einzubinden. Eine besondere Freundschaft verband Lifar mit Cocteau und Chanel. Picasso zeichnete den Tänzer als herabfallenden Ikarus und bezog sich damit auf Lifars berühmteste Rolle.

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Das sensationellste Ergebnis der Auktion jedoch erzielten 46 Lose von Jean Cocteau für insgesamt 2,716 Millionen Franken. Dazu gehören die für authentisch erklärten Zeichnungen der „Opium“-Serie, die der Pariser Händler und Sammler Jean-Claude Vrain erstand, und ein weiteres Notizbuch mit fünfundvierzig bislang unveröffentlichten Zeichnungen, auf denen zumeist der seinen Rausch ausschlafende Sekretär und Geliebte Cocteaus, Marcel Khill zu sehen ist - oder zumindestens das, was von ihm aus den Decken hervorschaute.

Mit einem Tresor für Kleider

Piguet ist der Auffassung, das phantastische Resultat Cocteaus widerlege Experten, denen zufolge die Preise für diesen Künstler eher fallen. Unter den Memorabilia erzielte Lifars Schrankkoffer, innen Preußischblau ausgeschlagen und mit fünf Schubladen ausgestattet, unter Beigabe eines Fotos, das den Tänzer neben dem ihn durch alle Welt begleitenden Kleidertresor zeigt, 2200 Franken.

Historisch war diese Auktion in der Hinsicht, dass es 103 Jahre nach der Gründung der Ballets Russes und nachdem die großen Auktionen von Kostümen, Bühnenbildern und weiteren Andenken bei Sotheby’s in den sechziger Jahren Aufsehen erregten, künftig kaum noch solche großen Hinterlassenschaften, die in die Zeit Diaghilews zurückreichen, aufzulösen geben wird. Damit geht auch eine Ära der modernen Kunst zu Ende.

Quelle: F.A.S.

 

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