Home
http://www.faz.net/-gyz-7hh9j
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Wie chinesisch ist Sotheby’s? Charity im Parallelmarkt

In China existiert ein staatlich gesponserter Kunstkosmos, den das Auktionshaus Sotheby’s für sich gewinnen will. Für gute Stimmung sorgt da eine Benefiz-Versteigerung in Peking.

© Sotheby's Vergrößern Das Spitzenlos ist mit erzielten 7,5 Millionen Yuan (rund 930.000 Euro) die 2013 entstandene Tuschezeichnung „Die sieben Weisen“ von Ren Zhong.

Sotheby’s ist tatsächlich chinesisch geworden. Bei der Charity-Auktion, die das - längst amerikanische - Unternehmen jetzt in Peking veranstaltete, erinnerte wenig an seine Ursprünge in der ehemaligen Kolonialmacht Großbritannien: Sämtliche Redner waren Chinesen, gesprochen wurde auf Mandarin (mit Ausnahme einer kurzen Käuferinformation auf Englisch, die aber wegen des starken Akzents kaum zu verstehen war), und auch im Publikum, in dem von Männern im dunkelblauen Blazer bis zu Trainingsanzugträgern alle möglichen Bekleidungsstilebenen vertreten waren, gab es kaum einen Ausländer.

Mark Siemons Folgen:

Vor einem Jahr war die Firma durch ihr auf zehn Jahre geschlossenes Bündnis mit dem staatlichen Kulturindustrie-Konzern GeHua in Peking - dessen Motto passenderweise „Reichtum erzeugen mit Marken, Werte schaffen mit Kultur“ lautet - zum ersten westlichen Auktionshaus geworden, das auf dem Festland von China selbst - und nicht bloß in Hongkong - Geschäfte machen darf. Das Joint Venture „Sotheby’s (Beijing) Auction Co. Ltd.“, an dem das Mutterhaus einen Anteil von achtzig Prozent hält, soll zu der geplanten Kunst-Freihandelszone, die GeHua bei Peking errichten will, einen privilegierten Zugang haben.

Beklemmend beziehunglos, unnachahmlich chinesisch

Erst einmal aber wird in die Atmosphäre investiert; ein Teil der Erlöse dieser abendlichen Charity-Veranstaltung soll der Ai-You-Stiftung zugutekommen, die von chinesischen Unternehmern gegründet wurde. Die Stiftung kümmert sich um die medizinische Versorgung von Waisenkindern. Ort des Geschehens war der „China World Trade Center Tower III“, Pekings neuester und höchster Wolkenkratzer, und dort ein „Ballsaal“, dessen aus braunen Holzpaneelen und goldenen Lüstern zusammengesetzte Hässlichkeit natürlich auf europäische Vorbilder zurückgreift - in ihrer beklemmend beziehungslosen Mischung aber doch auch etwas unnachahmlich zeitgenössisch Chinesisches hat.

Von den Losen, die zum Verkauf standen, konnte man das allerdings nur mit Einschränkung sagen: Außer vier historischen Fotografien und zwei Digitaldrucken eines Hongkonger Künstlers handelte es sich sämtlich um Tuschebilder aus dem staatlich gesponserten Parallel-Kunstkosmos, der in China neben der international ausgerichteten, zeitgenössischen Kunstwelt existiert und völlig unabhängig von dieser seinen eigenen Markt findet.

Westliche Badende vor asiatischem Schilf

Den höchsten Preis mit 7,5 Millionen Yuan (rund 930.000 Euro) erzielte ein 2013 von Ren Zhong mit Tusche filigran auf Seide gezeichnetes Bild, das „Sieben Weise“ inmitten einer extrem stilisierten, vor allem durch ihre Auslassungen gekennzeichneten Fels- und Bambuslandschaft zeigt. Andere - offenbar auch hoch taxierte - Werke gingen weniger subtil bei der Aktualisierung der Tradition vor. Immerhin eine Million Yuan, geschätzt war sogar das Doppelte, erreichte „Mondschein und der Schrei des Raben“ von Xue Liang, eine plakativ hingetuschte Zusammenballung surrealistischer Elemente vor stimmungsvoller Seelandschaft. Der Künstler He Jiang plazierte eine westlich naturalistisch gemalte, badende Nackte vor traditionell chinesisches Schilfgewächs, mit einem Ergebnis von 650.000 Yuan.

Die international bekannten chinesischen Namen wie Zhang Xiaogang behält sich Sotheby’s vorerst weiter für seine Hongkonger Auktionen vor. In Peking scheint das Unternehmen zunächst den staatlich unterstützten chinesischen Parallelmarkt für sich gewinnen zu wollen.

Mehr zum Thema

Quelle: F.A.Z.

 
 ()
   Permalink
 
 
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Auktionen in New York Sotheby’s kommt mit Moderne gut an

Das zweithöchste Ergebnis des Hauses bei einer Auktion mit Impressionismus und Moderne hat Sotheby’s bei den diesjährigen Mai-Auktionen in New York eingefahren. Im Mittelpunkt? Spitzenreiter Van Gogh. Mehr Von Rose-Maria Gropp

11.05.2015, 12:06 Uhr | Feuilleton
Seegebietsstreit China um Entspannung bemüht

Der amerikanische Außenminister John Kerry hat den chinesischen Präsident Xi Jinping getroffen. Kerry erklärte in Peking, er habe die Sorgen der Vereinigten Staaten über den Umfang der chinesischen Territorialansprüche dargelegt. Dabei geht es um Hoheitsrechte im Südchinesischen Meer, unter anderem um die Spratly-Inseln. Mehr

17.05.2015, 11:30 Uhr | Politik
Mega-Projekt China will Bahnlinie quer durch Brasilien bauen

5300 Kilometer Gleise über den gesamten Kontinent: Mit einer Transozeanischen Eisenbahn wollen die Chinesen ihren Einfluss in Südamerika vergrößern. Hinter dem Milliardenprojekt steckt ein knallhartes politstrategisches Kalkül. Mehr Von Matthias Rüb, São Paulo

20.05.2015, 06:48 Uhr | Politik
Protest gegen Grenzhandel Polizei in Hongkong nimmt Demonstranten fest

Bei Zusammenstößen mit der Polizei sind in Hongkong 36 Demonstranten festgenommen worden. Sie hatten eine Straße in der Nähe der Grenze zwischen Hongkong und dem Rest von China blockiert. Mehr

02.03.2015, 10:34 Uhr | Politik
Höhenflüge und Abstürze Rätselhaftes Auf und Ab in China

Die Aktienbörse in China als Zockerparadies: Kuriose Kursbewegungen sind an der Tagesordnung, manche Bewertungen erscheinen aberwitzig. Mehr Von Hanno Mußler und Hendrik Ankenbrand, Peking

21.05.2015, 18:37 Uhr | Finanzen
   Permalink
 Permalink

Veröffentlicht: 13.09.2013, 16:12 Uhr

Welche Alternative?

Von Jasper von Altenbockum

Muss man von der Form, in der die Machtkämpfe in der AfD ausgetragen werden, auf den Inhalt schließen? Der Hang zur Destruktivität ist unverkennbar. Mehr 61 38