27.01.2008 · Sotheby's und Christie's bieten in London Moderne Kunst und Impressionisten. Das Sammlerpaar Wohl hat ebenso eingeliefert wie die August-Macke-Stiftung aus Bonn. Schon die kapitalen Werke Picassos zeigen: Dieses Frühjahr hat Niveau.
Von Anne Reimers, LondonWährend die Highlights der Londoner Auktionswoche Anfang Februar von ihrer Tour durch New York, Florida, Paris, Wien und Zürich eintrudeln, steigt die Spannung vor dem jährlichen Schlüsseltermin mit Impressionismus und Moderne bei Christie's und Sotheby's in London. Zeigte sich der Markt mit Gegenwartskunst in Europa und New York weiter auf Hochtouren, so schienen die Moderne-Auktionen in New York im November mit einigen Rückgängen zu kämpfen. Überzogene Erwartungen bei den Einlieferern und dementsprechend zu hoch angesetzte Taxen und Garantien sorgten besonders bei Sotheby's für eine überraschende Anzahl an Ablehnungen.
Bei den Abendauktionen in London scheint jedoch die Qualität der eingereichten Werke die anhaltende Stärke des Kunstmarkts zu untermauern und soll so die anspruchsvollen Sammler locken - allerdings wird nicht das durchschnittliche Preisniveau des Vorjahrs erreicht. Garantien wurden kaum vergeben. Besonders viele Lose aus deutschen Sammlungen sind dabei, interpretiert man Provenienz und Ausstellungsgeschichte; einige dieser Werke waren seit mehr als dreißig Jahren nicht mehr auf dem Markt.
Werke aus der Sammlung Wohl
Den Auftakt macht Christie's am 4. Februar. Der Katalog führt 97 Lose auf; 35 Werke des Surrealismus mit eigener Publikation sollen folgen. Unter den ersten Losen der Auktion sind acht Spitzenwerke aus der Sammlung des verstorbenen Londoner Sammlerpaars Maurice und Vivienne Wohl, deren Verkauf ihrer Stiftung zugutekommt. Dazu gehört ein charaktervolles "Mädchen mit roter Schleife" (Taxe 1,8/2,5 Millionen Pfund) von Jawlensky, welches das Paar ebenso wie dessen melancholische "Hélène" 1968 bei Sotheby's in London erwarb. Für "Hélène" zahlten die Wohls damals 25 500 Pfund; nun liegt die obere Schätzung bei 2,5 Millionen. Mysteriös und anmutig ist eine 1970 von den Wohls erworbene tunesische Tänzerin, "L'Ouled Naïl" (2/3 Millionen) von Kees van Dongen. Spitzenlos des Abends ist Picassos später "Homme assis au fusil" von 1969 (5/7 Millionen); insgesamt ist Picasso achtmal vertreten.
Vorschau: Londoner Auktionen mit Impressionismus und Moderne
Attraktiv ist auch seine frühe "Danseuse espagnole" (3/4 Millionen) von 1901; sie erzielte 1992 bei Christie's in New York 1,32 Millionen Dollar. Auch ein Signac aus einer New Yorker Sammlung - die Stadtansicht "Pont des Arts (Paris)" von 1925 - belegt die Qualität der Auswahl (3,5/4,5 Millionen). Ins Angebot sind alte Rückgänge gemischt: Christie's versucht erneut, einen Käufer für Schads süßliches "Fräulein Mulino von Kluck" zu finden; wie im Februar 2007 liegt die Taxe bei 450.000 bis 600.000 Pfund.
Premiere für eine Gemälde Caillebottes
Ronald Lauder ist wohl der Sammler, welcher sieben Schieles bei Christie's eingereicht hat, deren Verkauf seinem Museum "Neue Galerie" in New York zugutekommen soll. Heraus ragen "Liegende Frau mit roter Hose und stehender weiblicher Akt" (2/3 Millionen), ein Blatt mit Selbstbildnissen auf Vorder- und Rückseite (700.000/1 Million) und eine "Mutter und Kind" (1,5/2 Millionen). Erbschaften beleben den Markt: Eine gelb blühende Landschaft Caillebottes, gemalt 1884, ist zum ersten Mal mit einem Preis versehen: Der Maler schenkte sie einst Emile Billard; einige Generationen später sind 280.000 bis 350.000 Pfund dafür zu erwarten. Faszinierender ist Caillebottes kühl beleuchtetes "Portrait de Georges Roman" (1/1,5 Millionen), das zuletzt 1997 den Besitzer wechselte.
Krönender Abschluss sind fünf Werke von Schmidt-Rottluff und Radziwill, welche der Hamburger Kunsthistoriker Wilhelm Niemeyer von den Künstlern erwarb und die von den Erben eingereicht wurden. Christie's erwartet für sämtliche Februar-Auktionen mit moderner Kunst einen Gesamtumsatz von mehr als 120 Millionen Pfund. Noch im Juni 2007 stellte das Haus mit 121 Millionen allein für die 63 Lose bei der Abendveranstaltung einen europäischen Auktionsrekord auf.
Picassos Porträt Dora Maars
Auch der Abendtermin bei Sotheby's am 5. Februar mit insgesamt 77 Losen - davon nur 31 mit einer oberen Taxe von mindestens einer Million Pfund - bietet mit 28 Losen eine beachtliche Gruppe deutscher und österreichischer Kunst. Im Gegensatz zu Christie's wird hier der fünffach vertretene, in Russland geborene Alexej von Jawlensky, welcher derzeit aufgrund seiner russischen Abstammung besonders bei seinen Landsleuten geschätzt ist, bei Sotheby's weiter unter deutscher Kunst aufgeführt. Er stellt eines der Spitzenlose, geschätzt auf 6,5 bis 8,5 Millionen Pfund: Seine in Rottönen schwelgende "Schokko mit Tellerhut" von 1910 war erst 2003 bei Sotheby's in New York zum Hammerpreis von 7,4 Millionen Dollar (derzeit umgerechnet fast 3,8 Millionen Pfund) an einen unbekannten Bieter verkauft worden. Zweites Spitzenlos ist ein Picasso-Porträt der Dora Maar, "Tête de femme (La lectrice - Dora Maar)", bisher Leihgabe im Berliner Museum des 2007 verstorbenen Heinz Berggruen.
Im November stellte Sotheby's in New York mit 20,2 Millionen Dollar für Franz Marcs "Wasserfall" einen Auktionsrekord auf: London bietet nun Marcs braungelbe "Weidende Pferde III" von 1910 - die letzten noch in privater Hand befindlichen aus einer Serie von vier - zur Taxe von sechs bis acht Millionen an; der Einlieferer erwarb das Bild 1990 bei Wolfgang Wittrock in Düsseldorf. Mehrere Szenen badender Frauen sind dabei: von Kirchners "Gruppe Badender am Strand" (2,7/3,5 Millionen) zu Heckels doppelseitigem "Badende (Siddi) am abendlichen Strand an der Flensburger Förde" (1913)/ "Leuchtturm" (1917) (350.00/550.000), das zuletzt 1997 bei Hauswedell & Nolte in Hamburg, geschätzt auf 100.000 Mark, für 80.000 Mark versteigert wurde. Badende von Picasso kommen aus dem Bestand von Sotheby's selbst: "Baigneur et Baigneuses" von 1920/21 (2,5/3,5 Millionen) fand 2004 in New York keinen Bieter, bei einer Taxe von umgerechnet vier bis sechs Millionen Pfund.
Eine Macke aus Bonn
Ebenso erging es Picassos "Jeux de plage, clair" im Mai 2007, dessen Taxe nun um eine Million auf 2,5 bis 3,5 Millionen Pfund gesunken ist - zwei Schnäppchen? Die Bonner August-Macke-Stiftung hat sich von dessen "Stillleben mit Äpfelschale und japanischem Fächer" getrennt und hofft dafür auf 600.000 bis 900.000 Pfund. Odilon Redons ebenso vom Japonismus beeinflusste "Vase au Guerrier Japonais" soll zwei bis drei Millionen Pfund einspielen; 2004 war sie bei Christie's in New York für (inklusive Aufgeld) 3,8 Millionen Dollar verkauft worden.
Die Taxierung von Renoirs "La loge ou L'avant-scène" - eine kleinere, weniger ausgearbeitete Version des berühmten Gemäldes in der Courtauld Gallery in London - zeigt, dass der Preis, den mancher im Bietgefecht aufgehende Liebhaber zahlt, nicht automatisch den künftigen Wert bestimmt: Der Kasinomogul Stephen Wynn aus Las Vegas bot 1989 bei Christie's in New York 12,1 Millionen Dollar dafür (die Taxe lag bei 2,5/3,5 Millionen); das Werk wurde dann im Jahr 2002 über die Acquavella Galleries in New York an den jetzigen Besitzer vermittelt; nun schätzt es Sotheby's auf 2,5 bis 3,5 Millionen Pfund. Insgesamt erwartet Sotheby's für die Auktionswoche mit Impressionismus und Moderne etwa hundert Millionen Pfund. Im vergangenen Juni wurden achtzig Millionen Pfund allein mit den 37 verkauften Losen des Abendtermins erreicht.