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Tobias Meyer im Gespräch : Warum es keine Neureichen mehr gibt

Er ist einer der führenden Akteure im Kunstmarkt: Tobias Meyer, Direktor für zeitgenössische Kunst bei Sotheby’s. Ein Gespräch über neue Kunden, Larry Gagosians Telefon und persönliche Vorlieben.

          Herr Meyer, es ist schön, Sie hier in Frankfurt zu treffen.

          Rose-Maria Gropp

          Redakteurin im Feuilleton, verantwortlich für den „Kunstmarkt“.

          Ich bin gern hier, mein Bruder lebt auch hier. Ich habe Frankfurt gern, Europa. Mir tut das gelegentlich sehr gut, für meine eigene Seele, die Bodenhaftung.

          Vielleicht kommen Sie einmal zurück?

          Das weiß ich gar nicht. Es ist dieses Schwingen zwischen den Polen. Ich bin jetzt verheiratet mit meinem Lebensparter Mark, er ist Amerikaner. Wissen Sie, ich bin Amerika sehr dankbar. Ich fühle mich diesem System sehr nah: Amerika begrüßt den Erfolg. Amerika erlaubt den Neuankömmlingen, sich zu verwirklichen. Amerika kennt keinen Neid dem Erfolg gegenüber. Es gibt nicht dieses Verhangensein mit der Vergangenheit, wie ich es auch als Student in Wien erlebt habe, wo sie eher davon geredet haben, was die Großeltern erreicht haben, weniger davon, was sie selber erreichen könnten. Ich muss wirklich sagen: Ich habe beides in mir - und ich möchte beides nicht missen. Die gute Frage, ob ich zurückkomme, stellt sich mir vielmehr so: Wie verbinde ich beides in meinem Leben? Denn ich lebe gern in New York, ich bin gern in einer wachen Kultur. Ich mag die gebildete Tiefe unserer Gesellschaft.

          . . . jedenfalls in bestimmten Kreisen.

          . . . sagen wir einmal, in unserer Generation hat man da ein gewisses Bildungsniveau, das auch eine sehr große Geborgenheit gibt, ja. Diese Gespräche kann ich in Amerika nicht führen, sie sind nicht spannend für Amerikaner, so etwas liest man im „New Yorker“, darüber redet man aber nicht selber.

          Ich hätte gedacht, es könnte auch in Amerika so eine Community geben?

          Meine Generation ist auch gelegentlich sehr competitive, wissen Sie? Das Wissen wird dort eingesetzt, um etwas zu erreichen, nicht zur Kommunikation am Abendessentisch.

          Das muss man verstehen, sich in solcher Gesellschaft zu bewegen.

          Ja, natürlich . . . Bei meinem ersten Abendessen im Metropolitan Museum saß ich neben einer ehemaligen Kuratorin und sie sagte mir: „Tobias, In Manhattan if you leave your house, you are public. Do never forget it. And if you are home make sure, you have someone to come home to. Because if you don’t, it will eat you alive.“

          Sie sagen, der Markt für zeitgenössische Kunst steht unter dem Vorzeichen „Off the cliff and back“. Was bedeutet das?

          Was den Markt für zeitgenössische Kunst angeht, sind wir tatsächlich ja auch im Jahr 2008 das Cliff runtergesprungen - und zwar ordentlich.

          Sie erklären das?

          Es war zwischen 1997, als ich in New York anfing, und 2003 relativ stabil, und dann passiert schon sehr viel, zwischen 2006 und 2007. Vorher bezahlen die Top-Preise der zeitgenössischen Kunst vor allem Amerikaner: Samuel Newhouse, Paul Allen, Ronald Lauder, Eli Broad. Plötzlich 2006 ist der Käufer - ein Russe. Der Schätzpreis für den Willem de Kooning, den er kaufte, war neun bis zwölf Millionen Dollar, das war schon aggressiv. Das Bild machte aber 27,1 Millionen - 2001/ 02 verkauften wir solche für zwei Millionen Dollar. Ja, und das ist das neue Kapital, das sind die neuen Märkte, Russland, Hongkong und der Mittlere Osten.

          Und wie kommt es, dass 2006 diese Kunden mit jäher Plötzlichkeit auftauchen?

          Das kommt darauf an, wie alt die Finanzmärkte in diesen neuen Wirtschaftsbereichen sind, es ist eine parallele Entwicklung. Der Fall der Sowjetunion brauchte sechs, sieben Jahre, bis diese Leute lang genug Geld haben, so dass sie Kunst kaufen. Dasselbe gilt für China. Das kam genau zusammen. Und in einer Auktion braucht es immer zwei Leute, und diese zwei Leute - aus Russland und China - tauchten damals zum ersten Mal auf.

          Da ist genau meine Frage: Geht denn der Kunstmarkt mit der Ökonomie, mit den Börsen?

          Teilweise ja, teilweise nicht. Wenn ein Börsenmarkt zusammenbricht, kommt das Spontanbieten des Mittelmarktes zu Schaden, das heißt: Jemand, der dann keine Million Dollar für etwas ausgibt, der gibt sie nicht aus, because I’m not rich today, because my stock is down. Aber das „hohe Niveau“ bleibt, die Kunden sagen: „I have the cash, the stocks are down, let me put it into art because I can move art around, and it’s good investment.“

          Nun wird in diesem High-End-Markt gerade jetzt sehr teuer gekauft. Stimmt da die These: Es ist immer noch besser, sagen wir, achtzig Millionen Dollar zu bezahlen und davon vielleicht sechzig Millionen zu behalten - angenommen, die Preise für die Kunst gehen wieder runter -, als das Geld an der Börse zu verlieren?

          Absolut, das ist die Kalkulation. Und niemand, der ein Bild für sechzig Millionen Dollar kauft, will es nicht für achtzig Millionen wieder verkaufen. Das alles hat dann noch mit den Binnenmärkten zu tun, die ihre Bedeutung haben. So kauft im Juli 2006 Ronald Lauder Klimts „Adele Bloch Bauer“. Und es ist ganz öffentlich, dass es 135 Millionen Dollar sind.

          Stimmt das? Oder wird so etwas nicht einfach erzählt, um den Markt anzuheizen, die Preise hochzuschrauben . . .

          Nein, nein!

          Wenn Sie das sagen, dann glaube ich es von nun an auch.

          Das ist absolut korrekt, der Preis war richtig, und das bedeutet, dass ein Kunstwerk der obersten Klasse einen Marktwert hat von 135 Millionen Dollar - im Jahr 2006. Und dann passiert das: Ich gehe wie jedes Jahr nach Patmos zum Baden. Dort schwimme ich gerade zum kleinen Boot eines Freundes, und er sagt: „Tobias, meinen Glückwunsch! Weil du grade den Klimt verkauft hast!“ Dann sage ich: „Das habe ich nicht gemacht, das hat Christie’s gemacht.“ Dann er: „Wieso? Ich habe gedacht, nur du machst die teuersten Bilder.“

          Das ist ja auch nett . . .

          Genau, da habe ich mich geärgert, bin wieder ins Wasser gesprungen und habe mir gedacht: Was könnte teurer werden als der Klimt?

          Aha!

          Das war dann der Jackson Pollock „No. 5“, im September 2006. Der ist auch durch die Weltpresse gegangen - für 140 Millionen Dollar.

          Und der Preis hat auch gestimmt?

          Er stimmt.

          Weil ich immer denke: Solange niemand die Kerze dabei gehalten hat . . . Aber wenn Sie selbst es gewesen sind, dann glaube ich Ihnen auch das.

          Und dadurch war eben klar, dass der Markt bis 140 Millionen Dollar für ein Nachkriegswerk bezahlt, nicht nur für einen Klimt.

          Aber versteigert hatten Sie ja auch schon das erste Bild, das jemals mehr als hundert Millionen Dollar kostete, Picassos "Garçon à la pipe", im Mai 2004.

          Da waren Sie dabei?

          Ja, es war ein denkwürdiger Moment.

          Das war nicht schlecht . . .

          . . . und Sie wollten die hundert Millionen, unbedingt.

          Ja, natürlich! Und da ist doch dem Larry Gagosian das Telefon ausgegangen. Das wussten Sie doch, oder?

          Nein, das wusste ich nicht - nur, dass Gagosian im Saal mitgeboten hat.

          Das war noch viel spannender: Larry kommt zu mir, vor der Auktion: „I got a bidder for that Picasso. You better give me good terms“, in dieser Art. Und ich sage: „Talk to the CEO, not to me, I’m taking the sale.“ Dann sind wir bei 72 Millionen Dollar. Larry fängt an zu bieten, auf einmal hört er auf und wird weiß im Gesicht: Sein Mobiltelefon ist leer. Ich sage: „Sir, you need more time . . .?“ Dann starrt er mich nur an, nimmt das Telefon seiner Nachbarin, das ist eine ehemalige Assistentin von mir, die für ihn arbeitet, wählt die Nummer wieder - und bietet weiter. Alles nur, weil er sein Telefon nicht aufgeladen hatte. Hätte ich nicht gewartet, wäre das Bild bei achtzig Millionen Dollar hängen geblieben. Das ist ja das i-Tüpfelchen an der Geschichte!

          Ach! Ich kann mich an dieses Zögern erinnern. Aber Sie verraten mir jetzt nicht auch, ob die Käuferin Lily Safra war?

          Nein, das kann ich Ihnen nicht verraten. - Gehen wir zum Mai 2007. Das war eine spannende Auktion. Da war auch dieser Rothko, von dem alle sagten, das Bild wäre nie zwanzig Millionen Dollar wert.

          Sie sprechen von dem „Rockefeller-Rothko“, der dann berühmt wurde?

          Ja! Und das war ein Bild, das völlig am etablierten Rothko-Markt vorbeiging. Die wollten es alle dunkel - deprimierend, emotional . . . Unsere Mitbewerber sagten, es würde vielleicht dreißig Millionen Dollar erzielen. Aber wir haben eine Garantie von vierzig Millionen Dollar gegeben, weil ich sagte: Das ist der neue Markt! Wir produzierten einen weißen Katalog, rein weiß, ohne Farbe, weißer Ledereinband, nur dieses eine Werk abgebildet. Damit bin ich nach Hongkong gereist, habe das potentiellen Kunden gezeigt, und dann auch nach Russland - und von den fünf Bietern, die in der Auktion darauf geboten haben, hatte nur eine Person das Bild wirklich gesehen! Aber weil es reproduzierbar war, schöne Farben hatte, weil es die Provenienz von Rockefeller hatte, waren alle Kunden davon überzeugt. Und dann bringt das Bild 72,8 Millionen Dollar, das war bis dahin der höchste Preis für zeitgenössische Kunst in einer Auktion. Das können Sie jetzt noch auf Youtube finden, gehen Sie rein bei Sotheby's und Rockefeller.

          Es ist ein wunderschönes Bild . . .

          . . . ein irres Bild. Und jetzt, witzigerweise im Nachhinein, hat Yves Saint-Laurent einen Lidschatten herausgegeben, mit genau den Farben.

          Ach!

          Im Mai 2008 wird es wieder interessant: Da sieht man, dass der neue Markt sehr sophisticated wird, sehr schnell. Da ist es schon dünn in der Luft, mit einem monumentalen Triptychon von 1976 von Francis Bacon. Das Bild bringt 86,3 Millionen Dollar. Es ist eines von Bacons besten Bildern. Der Schätzpreis war unglaublich hoch, siebzig bis neunzig Millionen Dollar. Ich hatte aber erst „Estimate on Request“ gesagt, weil ich nicht wollte, dass publik wird, dass es der bisher höchste Schätzpreis für ein Kunstwerk war. Und - es gab eine leichte Marktresistenz. Denn es waren eigentlich nur zwei Bieter, wir haben da hart an der Grenze gearbeitet. Worum es hier auch geht, ist: zu erkennen, warum der Markt so schnell agiert. Der Markt agiert so schnell wegen der Preislisten im Internet. Herr Neuendorf aus Frankfurt hat „Artnet“ gemacht. Das ist einer der wichtigsten Marktveränderer, die es überhaupt gibt.

          Das erklären Sie bestimmt?

          Vor „Artnet" hatten auf solche Informationen nur Händler, die die Kataloge hatten, Zugriff. Jetzt kann jeder, in Hongkong, irgendwo in Russland sagen: Rothko-prices, tell me what? Und prompt ist alles da! Und damit wird der Markt mobil. Weil Sie damit den Leuten, die das Geld haben, auch das Wissen geben. Früher waren das Wissen und das Geld getrennt.

          Es ist auch ein gefährliches Instrument, weil da alle Willkür aufgezeichnet ist.

          Ja, absolut.

          Es ist verzeichnet, dass zwei Leute etwas haben wollten, aber das sagt ja nichts über den Wert.

          Es sagt nichts darüber aus, aber es ist doch eine Auswahl für die Leute, die das benutzen. Die sagen sich: Klar kann eine verrückte Person dabei gewesen sein, aber es gab auch einen Unterbieter. - Sie gehen also 2008 ins Artnet. Sie haben dort für einen Rothko 72 Millionen Dollar verzeichnet, dann vielleicht für einen anderen 34 Millionen Dollar. Der Kunstinvestor sagt sich, 72 Millionen ist der Höchstpreis, irgendwo muss der reale Preis zwischen den Ergebnissen liegen.

          Das leuchtet ein.

          Das andere Thema, das mit dem zeitgenössischen Kunstmarkt entscheidend zu tun hat, ist the social-economic shift in taste. Die zeitgenössische Kunst war ja immer sehr billig. Warum? Weil sie nicht gemocht wurde vom reichen Bürgertum. Dieses Thema existiert seit 1863, dem „Salon des Refusés“ in Paris. Wo Manet ein Bild zeigt, das die Leute abstößt. Vorher waren die Künstler immer nah am Geld, sie wurden gefeiert von der Aristokratie, von den Päpsten. Von 1863 an machen die Künstler Dinge, die von der Bourgeoisie nicht mehr verstanden werden. Sie machen dann dieses Missverstehen zu einer Geste: Épater la bourgeoisie! Das macht Duchamp, im Endeffekt macht das auch Beuys: Der „Fettstuhl“ von 1964 ist ja genau das, was die Bourgeoisie nicht sehen kann - und eine kleine Gruppe von Sammlern kauft, für wenig Geld. Der Preis für zeitgenössische Kunst in den sechziger Jahren war der eines Autos. Das war das Bild der zeitgenössischen Kunst von 1863 an im Grunde genommen bis 1995 - am Kunstmarkt. Um 1995 beginnt ein gesellschaftlicher Umbruch. Während man früher, bloß weil man Geld hatte, so schnell wie möglich versuchte, wie ein Aristokrat zu leben, als hätte man alles geerbt. Dieses Phänomen gibt es mittlerweile nicht mehr. Es gibt nur noch erfolgreiche Leute, es gibt keine neureichen Leute mehr.

          Na ja, bis auf ein paar Oligarchen . . .

          Aber jetzt sieht die zeitgenössische Kunst eben anders aus - toll, nett, kreativ, freundlich. Und sie ist - genau wie der Rockefeller-Rothko - reproduzierbar. Das heißt: Das erste Mal, wenn die neue Kundschaft ein Objekt sieht, sieht sie es nicht im Original, sondern in einer Abbildung.

          Lassen Sie mich das verstehen?

          Als wir im Herbst 2007 dieses riesige „Hanging Heart“ von Jeff Koons bekamen, kam es direkt aus der Werkstatt von Koons. Sein Besitzer, der es ein paar Jahre zuvor für 1,9 Millionen Dollar kaufte, hatte es noch nie gesehen.

          Das war doch Adam Lindemann, der das ziemlich unsägliche Buch Collecting Contemporary" geschrieben hat?

          Genau. Koons’ „Herz“ brachte dann 23,6 Millionen Dollar im November 2007. Wir hatten es vorher bei uns aufgehängt in der Galerie in New York, das Foto für den Katalog entstand dort. Und es wurde aufgehängt, damit ich ein Video davon drehen konnte - und dieses Video hat diese Skulptur verkauft. Niemand hatte das Herz vorher gesehen.

          Schönes Herz! Aber was ich wirklich interessant finde: dass nämlich Lindemann sein Koons-Herz" gar nie hatte - eher wie ein Termingeschäft.

          Virtuell! Lindemann hatte die Skulptur vom Katalog gekauft, bevor sie überhaupt fabriziert wurde. Das war genau so virtuell, wie der Verkauf dann auch stattfand.

          Weil Sie von Reproduzierbarkeit sprechen: Das gilt doch für Koons im doppelten Sinn. Er macht's ja mehrfach und farblich passend für jedes Wohnzimmer.

          Er ist ein sehr geschickter Marketing-Mann.

          Ja, und nach wie vor ein interessanter Künstler . . .

          . . . er ist ein Genie. - Ich möchte aber noch über die Auktion im September 2008 sprechen, wo es grade noch geklappt hat, mit Damien Hirst in London.

          Es war doch genau der Tag, an dem „Lehman Brothers“ bankrottging, ziemlich unglaublich.

          Und dann wurde der Zenit überschritten: Im Mai 2009 ist es wirklich zu Ende. Pause. 47 Millionen Dollar Umsatz im Zeitgenossen-Markt bei einer Auktion, vorher hatten wir 315 Millionen. Das muss man klar sehen: Achtzig Prozent Umsatzverlust in einem Markt - das ist für eine Firma relativ viel. Okay, aber im November 2009 geht's schon wieder aufwärts. Der untere Schätzpreis für die gesamte Auktion liegt bei 67 Millionen Dollar, wir erzielen 134 Millionen.

          Wie kommt das, nach Ihrer Meinung?

          Das ist das Antizyklische, von dem ich Ihnen vorhin erzählt habe. Dass unsere Kunden gesagt haben: "Hey, everything goes down, I'm gonna buy art."

          Das ist sehr verständlich.

          Auch der Markt 2010 existiert wunderbar. Und im November 2011 wird es wieder interessant: Immer wenn Sie an die obere Gesamtschätzung einer Auktion nah herankommen, ist sie ein großer Erfolg. Wenn der Gesamtbetrag darüber hinausgeht, dann bedeutet das, dass der Markt hervorragend ist.

          Nur zur Klärung: Sie verrechnen immer den oberen Schätzpreis ohne Käuferaufgeld gegen den Umsatz mit Käuferaufgeld - also in diesem Fall 270,8 Millionen Dollar netto gegen 315,8 Millionen brutto. Das Käuferaufgeld liegt ja im Schnitt bei mindestens zwanzig Prozent.

          Ja, das ist schon klar. Aber speziell bei dieser Auktion wurde ich vorher gefragt: „Why do you put so many abstract paintings by Gerhard Richter in the same auction?“ They are all Rothkos! In zwanzig Jahren werden Sie sich fragen: Warum habe ich nicht alle gekauft.

          Das glauben Sie wirklich?

          Natürlich!

          Und dieser große, teuerste Gerhard Richter jemals, den Sie da für 20,8 Millionen Dollar verkauft haben?

          Er geht in ein phantastisches Museum. Ich habe eine Freundin vor der Auktion gefragt, sie sagte: „I can’t hang it.“ Ich sagte: „But, what about the museum?“ Sie sagte: „You’re right!“ Darauf bin ich sehr stolz. Das werden Sie verstehen, dass mir das viel bedeutet hat. (Anmerkung der Redaktion: Lily Safra hat das Bild gekauft für das Israel-Museum in Jerusalem.) Und die Gerhard-Richter-Bilder sind unter ihrem Marktpotential geblieben. Deshalb sind es intelligente Käufe. Ein Meisterwerk des 20. Jahrhunderts für zwanzig Millionen Dollar zu erwerben ist im heutigen Markt kaum noch möglich. Ein Meisterwerk kostet vierzig Millionen!

          Jetzt habe ich natürlich die eine Frage: Ihre Prognose? Ich meine, Sie können sich da nicht festlegen.

          Nein, ich kann mich nicht hundertprozentig festlegen.

          Geht das so weiter?

          Das geht so weiter, absolut.

          Es ist doch endlich. Es ist doch auch das Material endlich.

          Aber wenn Sie sich bewusst werden, wie viele Richter-Bilder es in Privathand gibt: Sie können potentiell irgendwann auch zum Verkauf kommen.

          Vielleicht, aber wie viele Spitzenbilder von Richter?

          Ja, es wird immer schwieriger. Das ist schon richtig. Aber wir sind doch in dieser Situation: Jeff Koons macht Arbeiten, Gerhard Richter malt weiter. Die Ikonen? Also, einen großen Pollock heute zu bekommen wie den, den ich für 140 Millionen Dollar verkauft habe? Dazu kann ich nur sagen, dass ich jetzt ein Gebot habe, das Bild für einen anderen Sammler zu kaufen.

          Die Leute wenden sich also wieder an Sie für einen weiteren Privatverkauf?

          Wie gesagt, das Preisniveau für diese großartigen Werke hat angezogen. Aber der Besitzer des Pollock verkauft nicht. Ich weiß, dass es vielleicht zehn Bilder in Privathand gibt, die ich, hätte ich sie, für 180 bis 200 Millionen Dollar verkaufen könnte, allein in meinem Bereich.

          Ein Beispiel . . .?

          Das kann ich nicht. Das darf ich auch nicht, weil es die Privatsphäre dieser Leute ist. Aber das Geld ist auch immer weniger wert, das sehen Sie ja selber. Was haben die Häuser unserer Eltern gekostet? Und was kosten die Häuser jetzt?

          Das ist jetzt ganz altmodisch: Lieben diese Leute die Kunst überhaupt noch?

          Ja! Sie können niemandem etwas verkaufen, was er nicht mag. Meine Antwort auf diese sehr gute Frage ist, dass in der ganzen Zeit, in der ich das mache - und das mache ich jetzt zwanzig Jahre -, nie jemand etwas gekauft hat, das ihn nicht angesprochen hat. Alle wollen natürlich wissen, dass sie es gut verkaufen können, wenn sie es mal wieder verkaufen müssen. Aber wenn sie keinen Zugang zur Kunst haben, dann kaufen sie sich ein Schiff oder ein Flugzeug. Viele Menschen sind eher misstrauisch, sie brauchen so ein bisschen, ich sage jetzt mal: the emotional hook, dieses wow, beautiful!

          Und leben die Leute dann auch damit?

          Jaja, die leben absolut damit. Sie sind sehr stolz darauf.

          Wenn ich Ihren Ausführungen folge, stellt sich die Bricht denn nicht einem Haus wie dem Ihren alles von unten her weg? Wird es nur noch ein High-End-Markt, mit dem Geld zu machen ist, also mit Juwelen, teuren Uhren - mit Ihren ikonischen Bildern? Vielleicht noch mit Spitzenstücken des Impressionismus und der Klassischen Moderne?

          Wenn Sie ein Hauptwerk des Impressionismus bekommen könnten, würde das wahnsinnig viel bringen!

          Klar!

          Schauen Sie, das Problem des Marktes, in dem ich agiere, ist, dass der Wettbewerb so stark ist, dass die Margen alle gedrückt werden. Das heißt, Business ist relativ schwierig: Wie verkaufen Sie diese teuren Bilder und verdienen noch Geld, wenn sie einen Mitbewerber haben, der versucht, Ihre Margen konstant zu unterbieten? Das heißt, Sie brauchen diese wichtigen Bilder, aber Sie brauchen auch den mittleren Markt. Ich hoffe, das klingt nicht so arrogant, aber der mittlere Markt ist für uns von 100.000 bis zwei Millionen Dollar. Der ist uns sehr wichtig, und der sorgt für den wichtigen Umsatz. Um den müssen wir uns sehr kümmern. Einen Einbruch erlebt derzeit das Kunstgewerbe des 18. Jahrhunderts: deutsche Möbel, deutsches Silber, deutsches Porzellan. Wissen Sie, wer das kauft?

          . . .?

          Ich! Einen Becher von Höroldt kann ich für 2000 Euro kaufen, das ist ein schönes Kunstwerk, ein wunderschöner deutscher Silberleuchter ist für 4000 Euro zu haben. Dieser Markt hat sich völlig verändert.

          Weil die Leute sich damit nicht mehr identifizieren können?

          Absolut!Sie kaufen sich keine Herkunft mehr. Die Kultur des 18. Jahrhunderts ist nicht mehr zeitgemäß. Wenn Sean Penn auftaucht, ist das viel spannender, als wenn Friedrich der Große kommen würde.

          War diese Art Kunstgewerbe je teurer?

          Die war sehr teuer. In den sechziger und siebziger Jahren gab es zum Beispiel Porzellanfiguren von Franz Anton Bustelli, die für 20.000 oder 30.000 Dollar verkauft wurden: damals der gleiche Preis wie für ein Stillleben von Matisse. Da gab es 1963 auch einen Tisch des Ebenisten Johann Franz Oeben, der 500.000 Dollar kostete. Es gab damals nichts aus dem 20. Jahrhundert, was auf dem Kunstmarkt für 500.000 Dollar verkauft wurde.

          Herzlichen Dank, Herr Meyer.

          Das Gespräch führte Rose-Maria Gropp.

          Quelle: F.A.Z.

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