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Tobias Meyer im Gespräch : Warum es keine Neureichen mehr gibt

Er ist einer der führenden Akteure im Kunstmarkt: Tobias Meyer, Direktor für zeitgenössische Kunst bei Sotheby’s. Ein Gespräch über neue Kunden, Larry Gagosians Telefon und persönliche Vorlieben.

          Herr Meyer, es ist schön, Sie hier in Frankfurt zu treffen.

          Rose-Maria Gropp

          Redakteurin im Feuilleton, verantwortlich für den „Kunstmarkt“.

          Ich bin gern hier, mein Bruder lebt auch hier. Ich habe Frankfurt gern, Europa. Mir tut das gelegentlich sehr gut, für meine eigene Seele, die Bodenhaftung.

          Vielleicht kommen Sie einmal zurück?

          Das weiß ich gar nicht. Es ist dieses Schwingen zwischen den Polen. Ich bin jetzt verheiratet mit meinem Lebensparter Mark, er ist Amerikaner. Wissen Sie, ich bin Amerika sehr dankbar. Ich fühle mich diesem System sehr nah: Amerika begrüßt den Erfolg. Amerika erlaubt den Neuankömmlingen, sich zu verwirklichen. Amerika kennt keinen Neid dem Erfolg gegenüber. Es gibt nicht dieses Verhangensein mit der Vergangenheit, wie ich es auch als Student in Wien erlebt habe, wo sie eher davon geredet haben, was die Großeltern erreicht haben, weniger davon, was sie selber erreichen könnten. Ich muss wirklich sagen: Ich habe beides in mir - und ich möchte beides nicht missen. Die gute Frage, ob ich zurückkomme, stellt sich mir vielmehr so: Wie verbinde ich beides in meinem Leben? Denn ich lebe gern in New York, ich bin gern in einer wachen Kultur. Ich mag die gebildete Tiefe unserer Gesellschaft.

          . . . jedenfalls in bestimmten Kreisen.

          . . . sagen wir einmal, in unserer Generation hat man da ein gewisses Bildungsniveau, das auch eine sehr große Geborgenheit gibt, ja. Diese Gespräche kann ich in Amerika nicht führen, sie sind nicht spannend für Amerikaner, so etwas liest man im „New Yorker“, darüber redet man aber nicht selber.

          Ich hätte gedacht, es könnte auch in Amerika so eine Community geben?

          Meine Generation ist auch gelegentlich sehr competitive, wissen Sie? Das Wissen wird dort eingesetzt, um etwas zu erreichen, nicht zur Kommunikation am Abendessentisch.

          Das muss man verstehen, sich in solcher Gesellschaft zu bewegen.

          Ja, natürlich . . . Bei meinem ersten Abendessen im Metropolitan Museum saß ich neben einer ehemaligen Kuratorin und sie sagte mir: „Tobias, In Manhattan if you leave your house, you are public. Do never forget it. And if you are home make sure, you have someone to come home to. Because if you don’t, it will eat you alive.“

          Sie sagen, der Markt für zeitgenössische Kunst steht unter dem Vorzeichen „Off the cliff and back“. Was bedeutet das?

          Was den Markt für zeitgenössische Kunst angeht, sind wir tatsächlich ja auch im Jahr 2008 das Cliff runtergesprungen - und zwar ordentlich.

          Sie erklären das?

          Es war zwischen 1997, als ich in New York anfing, und 2003 relativ stabil, und dann passiert schon sehr viel, zwischen 2006 und 2007. Vorher bezahlen die Top-Preise der zeitgenössischen Kunst vor allem Amerikaner: Samuel Newhouse, Paul Allen, Ronald Lauder, Eli Broad. Plötzlich 2006 ist der Käufer - ein Russe. Der Schätzpreis für den Willem de Kooning, den er kaufte, war neun bis zwölf Millionen Dollar, das war schon aggressiv. Das Bild machte aber 27,1 Millionen - 2001/ 02 verkauften wir solche für zwei Millionen Dollar. Ja, und das ist das neue Kapital, das sind die neuen Märkte, Russland, Hongkong und der Mittlere Osten.

          Und wie kommt es, dass 2006 diese Kunden mit jäher Plötzlichkeit auftauchen?

          Das kommt darauf an, wie alt die Finanzmärkte in diesen neuen Wirtschaftsbereichen sind, es ist eine parallele Entwicklung. Der Fall der Sowjetunion brauchte sechs, sieben Jahre, bis diese Leute lang genug Geld haben, so dass sie Kunst kaufen. Dasselbe gilt für China. Das kam genau zusammen. Und in einer Auktion braucht es immer zwei Leute, und diese zwei Leute - aus Russland und China - tauchten damals zum ersten Mal auf.

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