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Tobias Meyer im Gespräch : Warum es keine Neureichen mehr gibt

Das leuchtet ein.

Das andere Thema, das mit dem zeitgenössischen Kunstmarkt entscheidend zu tun hat, ist the social-economic shift in taste. Die zeitgenössische Kunst war ja immer sehr billig. Warum? Weil sie nicht gemocht wurde vom reichen Bürgertum. Dieses Thema existiert seit 1863, dem „Salon des Refusés“ in Paris. Wo Manet ein Bild zeigt, das die Leute abstößt. Vorher waren die Künstler immer nah am Geld, sie wurden gefeiert von der Aristokratie, von den Päpsten. Von 1863 an machen die Künstler Dinge, die von der Bourgeoisie nicht mehr verstanden werden. Sie machen dann dieses Missverstehen zu einer Geste: Épater la bourgeoisie! Das macht Duchamp, im Endeffekt macht das auch Beuys: Der „Fettstuhl“ von 1964 ist ja genau das, was die Bourgeoisie nicht sehen kann - und eine kleine Gruppe von Sammlern kauft, für wenig Geld. Der Preis für zeitgenössische Kunst in den sechziger Jahren war der eines Autos. Das war das Bild der zeitgenössischen Kunst von 1863 an im Grunde genommen bis 1995 - am Kunstmarkt. Um 1995 beginnt ein gesellschaftlicher Umbruch. Während man früher, bloß weil man Geld hatte, so schnell wie möglich versuchte, wie ein Aristokrat zu leben, als hätte man alles geerbt. Dieses Phänomen gibt es mittlerweile nicht mehr. Es gibt nur noch erfolgreiche Leute, es gibt keine neureichen Leute mehr.

Na ja, bis auf ein paar Oligarchen . . .

Aber jetzt sieht die zeitgenössische Kunst eben anders aus - toll, nett, kreativ, freundlich. Und sie ist - genau wie der Rockefeller-Rothko - reproduzierbar. Das heißt: Das erste Mal, wenn die neue Kundschaft ein Objekt sieht, sieht sie es nicht im Original, sondern in einer Abbildung.

Lassen Sie mich das verstehen?

Als wir im Herbst 2007 dieses riesige „Hanging Heart“ von Jeff Koons bekamen, kam es direkt aus der Werkstatt von Koons. Sein Besitzer, der es ein paar Jahre zuvor für 1,9 Millionen Dollar kaufte, hatte es noch nie gesehen.

Das war doch Adam Lindemann, der das ziemlich unsägliche Buch Collecting Contemporary" geschrieben hat?

Genau. Koons’ „Herz“ brachte dann 23,6 Millionen Dollar im November 2007. Wir hatten es vorher bei uns aufgehängt in der Galerie in New York, das Foto für den Katalog entstand dort. Und es wurde aufgehängt, damit ich ein Video davon drehen konnte - und dieses Video hat diese Skulptur verkauft. Niemand hatte das Herz vorher gesehen.

Schönes Herz! Aber was ich wirklich interessant finde: dass nämlich Lindemann sein Koons-Herz" gar nie hatte - eher wie ein Termingeschäft.

Virtuell! Lindemann hatte die Skulptur vom Katalog gekauft, bevor sie überhaupt fabriziert wurde. Das war genau so virtuell, wie der Verkauf dann auch stattfand.

Weil Sie von Reproduzierbarkeit sprechen: Das gilt doch für Koons im doppelten Sinn. Er macht's ja mehrfach und farblich passend für jedes Wohnzimmer.

Er ist ein sehr geschickter Marketing-Mann.

Ja, und nach wie vor ein interessanter Künstler . . .

. . . er ist ein Genie. - Ich möchte aber noch über die Auktion im September 2008 sprechen, wo es grade noch geklappt hat, mit Damien Hirst in London.

Es war doch genau der Tag, an dem „Lehman Brothers“ bankrottging, ziemlich unglaublich.

Und dann wurde der Zenit überschritten: Im Mai 2009 ist es wirklich zu Ende. Pause. 47 Millionen Dollar Umsatz im Zeitgenossen-Markt bei einer Auktion, vorher hatten wir 315 Millionen. Das muss man klar sehen: Achtzig Prozent Umsatzverlust in einem Markt - das ist für eine Firma relativ viel. Okay, aber im November 2009 geht's schon wieder aufwärts. Der untere Schätzpreis für die gesamte Auktion liegt bei 67 Millionen Dollar, wir erzielen 134 Millionen.

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