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Tobias Meyer im Gespräch : Warum es keine Neureichen mehr gibt

Da ist genau meine Frage: Geht denn der Kunstmarkt mit der Ökonomie, mit den Börsen?

Teilweise ja, teilweise nicht. Wenn ein Börsenmarkt zusammenbricht, kommt das Spontanbieten des Mittelmarktes zu Schaden, das heißt: Jemand, der dann keine Million Dollar für etwas ausgibt, der gibt sie nicht aus, because I’m not rich today, because my stock is down. Aber das „hohe Niveau“ bleibt, die Kunden sagen: „I have the cash, the stocks are down, let me put it into art because I can move art around, and it’s good investment.“

Nun wird in diesem High-End-Markt gerade jetzt sehr teuer gekauft. Stimmt da die These: Es ist immer noch besser, sagen wir, achtzig Millionen Dollar zu bezahlen und davon vielleicht sechzig Millionen zu behalten - angenommen, die Preise für die Kunst gehen wieder runter -, als das Geld an der Börse zu verlieren?

Absolut, das ist die Kalkulation. Und niemand, der ein Bild für sechzig Millionen Dollar kauft, will es nicht für achtzig Millionen wieder verkaufen. Das alles hat dann noch mit den Binnenmärkten zu tun, die ihre Bedeutung haben. So kauft im Juli 2006 Ronald Lauder Klimts „Adele Bloch Bauer“. Und es ist ganz öffentlich, dass es 135 Millionen Dollar sind.

Stimmt das? Oder wird so etwas nicht einfach erzählt, um den Markt anzuheizen, die Preise hochzuschrauben . . .

Nein, nein!

Wenn Sie das sagen, dann glaube ich es von nun an auch.

Das ist absolut korrekt, der Preis war richtig, und das bedeutet, dass ein Kunstwerk der obersten Klasse einen Marktwert hat von 135 Millionen Dollar - im Jahr 2006. Und dann passiert das: Ich gehe wie jedes Jahr nach Patmos zum Baden. Dort schwimme ich gerade zum kleinen Boot eines Freundes, und er sagt: „Tobias, meinen Glückwunsch! Weil du grade den Klimt verkauft hast!“ Dann sage ich: „Das habe ich nicht gemacht, das hat Christie’s gemacht.“ Dann er: „Wieso? Ich habe gedacht, nur du machst die teuersten Bilder.“

Das ist ja auch nett . . .

Genau, da habe ich mich geärgert, bin wieder ins Wasser gesprungen und habe mir gedacht: Was könnte teurer werden als der Klimt?

Aha!

Das war dann der Jackson Pollock „No. 5“, im September 2006. Der ist auch durch die Weltpresse gegangen - für 140 Millionen Dollar.

Und der Preis hat auch gestimmt?

Er stimmt.

Weil ich immer denke: Solange niemand die Kerze dabei gehalten hat . . . Aber wenn Sie selbst es gewesen sind, dann glaube ich Ihnen auch das.

Und dadurch war eben klar, dass der Markt bis 140 Millionen Dollar für ein Nachkriegswerk bezahlt, nicht nur für einen Klimt.

Aber versteigert hatten Sie ja auch schon das erste Bild, das jemals mehr als hundert Millionen Dollar kostete, Picassos "Garçon à la pipe", im Mai 2004.

Da waren Sie dabei?

Ja, es war ein denkwürdiger Moment.

Das war nicht schlecht . . .

. . . und Sie wollten die hundert Millionen, unbedingt.

Ja, natürlich! Und da ist doch dem Larry Gagosian das Telefon ausgegangen. Das wussten Sie doch, oder?

Nein, das wusste ich nicht - nur, dass Gagosian im Saal mitgeboten hat.

Das war noch viel spannender: Larry kommt zu mir, vor der Auktion: „I got a bidder for that Picasso. You better give me good terms“, in dieser Art. Und ich sage: „Talk to the CEO, not to me, I’m taking the sale.“ Dann sind wir bei 72 Millionen Dollar. Larry fängt an zu bieten, auf einmal hört er auf und wird weiß im Gesicht: Sein Mobiltelefon ist leer. Ich sage: „Sir, you need more time . . .?“ Dann starrt er mich nur an, nimmt das Telefon seiner Nachbarin, das ist eine ehemalige Assistentin von mir, die für ihn arbeitet, wählt die Nummer wieder - und bietet weiter. Alles nur, weil er sein Telefon nicht aufgeladen hatte. Hätte ich nicht gewartet, wäre das Bild bei achtzig Millionen Dollar hängen geblieben. Das ist ja das i-Tüpfelchen an der Geschichte!

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