Nur vier Jahre lang hat sich der namenlose Liebhaber von Tim und Struppi an dem Original des Titelbilds zu „Tim in Amerika“ erfreut, das er im Auktionshaus Artcurial in Paris für einen Zuschlag von 650.000 Euro erworben hatte: Weltrekord für eine Comiczeichnung. Jetzt, nach der Wiederversteigerung im selben Auktionshaus, ist der Rekord geknackt - und die Millionengrenze überschritten. In der Auktion mit Sammlerstücken aus dem „Universum des Schöpfers von Tim“ lag der Verkaufspreis für die 32 Zentimeter im Quadrat messende farbige Gouache bei 1,12 Millionen Euro; das bedeutet eine Wertsteigerung von 75 Prozent.
Eigenhändige Zeichnungen von Georges Remi alias Hergé sind selten. Vollständige Seiten aus einem der 23 langen Abenteuer von Tim und Struppi sind eine außerordentliche Rarität, da die meisten Originale Eigentum der Stiftung sind, die Hergés Erbe verwaltet. Gelegentlich werden herausgeschnittene Einzelbilder offeriert, die Hergé verschenkte. Unter den dreißig Originalzeichnungen der jüngsten Auktion war kein solches Fragment; bei der großen Mehrzahl der Stücke handelte es sich um Nebenarbeiten für Werbezwecke.
Flug 714 nach Sydney
Aus der Unerreichbarkeit der eigentlichen Comic-Originale erklärt sich, dass mit dem Bleistiftentwurf für Seite 26 des Albums „Flug 714 nach Sydney“ ein hammerpreis von 135.000 Euro erzielt wurde. Zum Vergleich: Die Bleistiftskizzen, die Carl Barks, als Donald-Duck-Zeichner für die amerikanischen Comics so bedeutend wie Hergé für die französisch-belgische Schule, für Geschichten mit Tick, Trick und Track zeichnete, sind für weniger als tausend Euro pro Seite zu bekommen. Das Blatt aus den Skizzen zum vorletzten Tim-Album von 1968 zeigt eine putzige Szene mit Struppi, der seinem Herrchen die Fesseln durchbeißt, und erfreut mit mehreren Nahaufnahmen von Kapitän Haddock. Auch die Rückseite hat der Meister für Studien der Hauptfiguren in verschiedenen Zuständen der Verrenkung genutzt.
Graphisch interessant ist diese Werkstattreliquie eigentlich nicht: Es fehlen die ungerührt durchgezogene Linie und die Objektivität der Konstruktion. Ein prächtiges Beispiel für diese Wesenszüge von Hergés Stil ist die Vorlage für ein Sammelbild aus dem Bildungsprogramm der Zeitschrift „Tintin“: ein assyrisches Kriegsschiff, jetzt versteigert für 17.000 Euro. Die Idealporträts von Tim und Struppi im antiken Kostüm spielen mit den hieratischen Konventionen des zweidimensionalen Abbilds; die perspektivisch exakte Schiffszeichnung hat Edgar P. Jacobs angefertigt, der Bauingenieur unter den Comickünstlern und Erfinder von „Blake und Mortimer“. Eine perfekte Hergé-Zeichnung muss also gar nicht (vollständig) eigenhändig sein.
Ungelenk wirkt dagegen der angeblich eigenhändige Entwurf für eine runde Käseschachtel; das ganze Konvolut von Skizzen zu diesem Projekt von 1977 brachte bei Artcurial erstaunliche 45.000 Euro ein. Herrlich in der Schlichtheit der linearen Erfindung das Titelbild zur Neujahrsausgabe 1938 der Zeitungsbeilage „Le petit vingtième“: Hergés Helden an Bord eines Segelschiffs, dessen Rumpf die Jahreszahl bildet, wurde nun für 52.000 Euro vermittelt. Das Einfache macht auch den Zauber des (ersten) Titelbilds von „Tim in Amerika“ aus: ein graphisches Äquivalent der Unschuld des Helden. Dieses teuerste Werk der Comickunst steht sozusagen jenseits der Kunst: ein Stück naiver Malerei. Die Tuschelinien, die die leuchtenden Farbflächen einschließen, lassen an ein Kirchenfenster denken.