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Theodor Ahrenberg im Porträt : Dabei sein in der Küche der Kunst

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Für ihn wollte Le Corbusier in Stockholm ein Museum bauen. Doch dann wurde der passionierte Sammler und Kunstförderer Ahrenberg wegen Steuerhinterziehung angeklagt und seine Sammlung zwangsversteigert.

          Stockholm wäre heute um eine Sehenswürdigkeit reicher: Vor nun fünfzig Jahren, 1961/62, plant und entwirft der Schweizer Architekt Le Corbusier - damals längst weltberühmt - ein Museum für die Kunstsammlung des schwedischen Unternehmers Theodor Ahrenberg. Sie sind seit Jahren eng befreundet und wollen Stockholm mit dem Neubau ein Forum für die Kunst der Moderne bieten. Es wäre die Begegnungsstätte für eine der interessantesten Privatsammlungen in ganz Europa geworden. Doch das Projekt scheitert zunächst am schwedischen Konservatismus - und dann an einer beinahe unglaublichen Beschlagnahmung.

          „Teto“, wie ihn seine Freunde später nennen, wird 1912 als Sohn einer erfolgreichen Reederfamilie geboren und kommt schon als Kind mit Theater, Musik und bildender Kunst in Berührung. Seiner Leidenschaft für Malerei, Graphik und Skulptur lässt er nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs freien Lauf: In nur wenigen Jahren wird Ahrenberg zum vehementen Förderer der zeitgenössischen Kunst in seiner Heimat Schweden. Parallel dazu baut er eine eigene Kollektion mit handverlesenen Werken der Klassischen Moderne auf und setzt Schwerpunkte bei Matisse, Picasso und Le Corbusier.

          Als Autodidakt profitiert er dabei von seinem unverstellten Blick auf die Kunst. Auch als Kunstkäufer bleibt Ahrenberg zeitlebens ein unabhängiger Geist. Das belegen die enormen Verästelungen seiner Sammlung, in der klingende neben nahezu unbekannten Namen stehen. Bevor die Idee für ein eigenes Museum entsteht, wächst dank Ahrenbergs zielgerichteter Suche und seiner finanziellen Möglichkeiten eine exquisite Sammlung heran. Durch Besuche bei Picasso in Cannes und Vallauris in den fünfziger Jahren oder Begegnungen mit dem alten Matisse, ebenso wie mit Chagall, wird aus dem Kunstkäufer der Connaisseur und Künstlerfreund Ahrenberg. Die prominenten Kontakte vermittelt ihm vor allem die Stockholmer Galeristin Agnes Widlund.

          Bald schon besitzt Ahrenberg mehr als tausend Werke von Picasso, ebenso 54 (von überhaupt nur 58 existierenden) Matisse-Skulpturen. Im Lauf weniger Jahre gesellen sich dazu Arbeiten von Fernand Léger, Alberto Giacometti und George Braque, außerdem mehr als 250 Zeichnungen und Collagen von Le Corbusier. Die illustre Künstlerliste geht weiter mit Man Ray, Lucio Fontana, Yves Klein, Robert Rauschenberg, Niki de Saint Phalle, Christo, Hans Hartung, Henry Moore, Marino Marini, Mark Tobey und vielen anderen.

          Vom Argwohn der Museumsleute

          Parallel zu diesem Querschnitt renommierter Künstler widmet sich Ahrenberg auch jungen Zeitgenossen aus Nordeuropa, die sich mit dem konkreten Realismus auseinandersetzen: Für Olle Bærtling, Robert Jacobsen oder Richard Mortensen macht er - zum Teil erstmalige - Einzelausstellungen möglich. Ahrenberg hat auch für die im Westen nahezu unbekannte Avantgarde Osteuropas einen Blick. So ermöglicht er dem polnischen Maler und Theatermann Tadeusz Kantor 1956 in der Stockholmer Galerie Samlaren einen internationalen Auftritt.

          Ahrenbergs Einfluss auf die aktuelle schwedische Kunstszene wächst - und er macht ihn mehr und mehr geltend. Seine schöpferische Unruhe und seine unkonventionelle Sicht auf zeitgenössische internationale Kunst reiben sich allerdings an den schwerfälligen Institutionen des Staates. So mancher Museumsmann sieht das engagierte Mitmischen des wohlhabenden Dilettanten mit großem Argwohn. Dabei schätzt Ahrenberg die mehr als 3000 Gemälde und Objekte seiner Sammlung ebenso sehr wie die Künstlerinnen und Künstler dahinter.

          Die Sammlung wird beschlagnahmt

          Er rückt ungewöhnlich nahe ans Ateliergeschehen heran, muss, wie er es formuliert, „in der Küche der Kunst“ dabei sein. Es wird kolportiert, dass Teto 24 Stunden am Tag telefoniert, um zu den befreundeten Künstlern Kontakt zu halten. Der aus Polen stammende Maler Heinrich Richter gehörte zu diesem Kreis und beschrieb die Symbiose so: „Was Künstler in der Kunst vermissten, fanden sie in Theodor Ahrenberg, weil Ahrenberg in den Künstlern und in den Kunstwerken fand, was er im Leben vermisste.“ Doch die Ahrenberg-Welt erfährt 1962 eine tragische Zäsur: Während einer Reise in die Schweiz wird der Sammler in Schweden wegen Steuerhinterziehung angeklagt.

          Der schwedische Staat beschlagnahmt die gesamte Ahrenbergsche Sammlung als Unterpfand für eine nie klar deklarierte Steuerschuld. Er selbst, seine Frau Ulla und die vier Kinder bleiben derweil in der Schweiz. In zwei Auktionen versteigert man die Kernstücke der Sammlung Ahrenberg - wohlgemerkt ohne Gerichtsbeschluss und zu Preisen weit unter ihrem Marktwert. Sogar das eigene Mobiliar muss Ulla Ahrenberg zurückkaufen, das in einer dritten Versteigerung angeboten wird. 3,5 Millionen Kronen Steuern sollen ausstehend gewesen sein; die Einnahmen aus den Auktionen summieren sich auf 4,5 Millionen.

          Seine zweite Sammlung setzte Trends

          Die einst behütete Kollektion wird auf diese Weise unwiederbringlich in alle Winde verstreut. Ahrenberg lässt danach seine nordische Heimat verärgert hinter sich und begräbt endgültig die Idee des von Le Corbusier entworfenen Museums in der schwedischen Hauptstadt. Sein zweites Leben verlegt er in die Weinhänge von Chexbres mit ihrem atemberaubenden Panorama des Genfer Sees. Dort kauft er die Villa „La Rocher“, die den Ahrenbergs als neue Lebensmitte dient. Sie wird zum Hort der Kunst; denn Ahrenberg bleibt auch in der Schweiz jener Impresario, der er in Schweden bis 1962 war.

          Künstler suchen ihn auf, um Kontakt zu Galeristen oder zur Presse zu erhalten. Er bietet ihnen im Atelier in Chexbres nicht nur Freiräume zum Arbeiten, sondern einen ebenso offenherzigen wie neugierigen Familienanschluss - manche von ihnen bleiben Monate. Seine zweite Sammlung mit Werken von Mark Tobey, der inzwischen selbst in der Schweiz lebte, Sam Francis, Arman, Christo, Meret Oppenheim, Heinrich Richter und vielen anderen zählt am Ende mehr als 6000 Objekte. Der ausgewanderte Schwede setzt besonders mit dieser zweiten Sammlung Trends: Oft kauft er, noch bevor der Kunstmarkt das Potential eines Künstlers erkennt, was zahlreiche Arbeiten Tinguelys, Yaacov Agams oder Vasarelys belegen.

          Tankstelle statt Museumsbau

          Theodor „Teto“ Ahrenberg stirbt im Sommer 1989 mit 77 Jahren in Vevey am Genfer See. Seine Witwe Ulla verwaltet bis heute den umfangreichen Nachlass des Sammlers und hält Kontakt zu den wenigen verbliebenen früheren Wegbegleitern, während der Sohn Staffan in den Vereinigten Staaten weiter Kunst zusammenträgt: Mit Tom Wesselmann, Man Ray oder Jim Dine setzt er die Tradition des Vaters fort. Mit dem Dokumentarfilm „In the Name of the Art“ setzte J. P. Friberg Teto Ahrenberg bereits ein Jahr nach dessen Tod ein Denkmal.

          Sucht man heute in Stockholm nach Spuren des legendären Sammlers und Mäzens, muss man ins Nationalmuseum gehen, um dort etwa den großen papiernen „Apollon“ von Matisse aus dem Jahr 1953 wiederzuentdecken: Man hatte ihn zwangsversteigert. An dem von Le Corbusier und Ahrenberg auserkorenen Bauplatz für das „Palais Ahrenberg“ - ganz in der Nähe des berühmten Stadshuset, mit Blick auf den Schärenarchipel der Ostsee - steht heute statt eines spektakulären Museumsbaus eine öde Tankstelle.

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