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Schmuck und Memorabilia : Familienzwist im Hause Orléans

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Souvenirs der Könige von Frankreich: Die einst mächtige Dynastie lässt in Paris ihre letzten Andenken versteigern.

          Die Schwarzweißaufnahme des Grafen und der Gräfin von Paris inmitten ihrer acht Kinder (später waren es elf) zeigt wie so viele Familienfotos ein momentanes, weit zurückliegendes Glück. Kann man sich, umgeben von blühender Natur, ein schöneres Paar vorstellen als den Grafen mit schneidigem Oberlippenbart mit der Gräfin, schlank wie ein junges Mädchen im hellen Sommerkleid, und eine adrettere Kinderschar? Die zusammengezogenen Brauen des Grafen verraten eine leise Ungehaltenheit, und der ernste Blick des ältesten Sohns, der als Einziger in die Kamera schaut, lässt auf eine schon nicht mehr ganz unbeschwerte Kindheit schließen.

          An Sorgen hat es der Familie aus dem Hause Orléans, Nachfahren der französischen Könige seit Hugo Capet, der im Jahr 987 den Thron bestieg, nicht gefehlt. Henri Robert Ferdinand Marie d’Orléans und seine Gemahlin Isabelle d’Orléans et Bragance verbrachten die Zeit von 1926 bis 1950 im Exil; 1986 trennten sie sich, ohne sich jedoch scheiden zu lassen. Der Graf von Paris galt als offizieller Bewerber auf den französischen Thron. Die „Legitimisten“, die den Thronverzicht von Philippe d’Anjou beim Frieden von Utrecht 1713 als ungültig ansehen, fechten diesen Anspruch seit je an.

          Streitigkeiten mit Tradition

          Es hat durchaus Stil, Familienzwist über einen so langen Zeitraum pflegen zu können. Weniger stilvoll war das Engagement des Grafen für Pétain zu Beginn des Kriegs; doch diese Verirrung relativierte er später durch die Unterstützung für Charles de Gaulle, der ihn angeblich als Monarchen einsetzen wollte, und 1988 rief er sogar zur Wahl des Sozialisten Mitterrand auf. Der Titel des 1999 hochbetagt gestorbenen Grafen von Paris ist ebenso wie der Thronanspruch auf seinen ältesten Sohn Henri übergegangen. Vom einst immensen Besitz der Maison de France ist allerdings nach seinem Ableben so wenig übriggeblieben, dass Henri d’Orléans, das neue Familienoberhaupt, ein paar Jahre später versuchte, vor Gericht den Verbleib des Vermögens zu klären.

          Der Graf hatte 1975 vorsorglich die höchsten Güter des königlichen Besitzes – dazu gehört auch das Schloss von Amboise an der Loire – in die Stiftung „Fondation Saint-Louis“ eingebracht, die das Erbe seither verwaltet. Die gerichtlichen Ermittler konnten zumindest feststellen, hieß es seinerzeit in der Zeitung „Le Monde“, dass der Graf in seinem letzten Lebensjahrzehnt vom restlichen Vermögen knapp elf Millionen Franc (rund 1,6 Millionen Euro) in bar abgehoben hat und dass ein Teil dieser Summe vermutlich in Zuwendungen an seine Haushälterin geflossen ist.

          Auktionsverbot in den neunziger Jahren

          Schon im Sommer 1993 hing der Familiensegen schief, als der Graf und die Gräfin einen Teil des Inhalts ihrer ehemaligen Exilresidenz in Portugal bei Sotheby’s in Monaco versteigern lassen wollten. Ihre neun noch lebenden Kinder erwirkten vor Gericht ein Auktionsverbot, da es sich bei den rund 450 Losen – darunter ein Porträt der Briefschreiberin Liselotte von der Pfalz von Hyacinthe Rigaud und das Schmuckensemble der letzten französischen Königin Marie-Amélie – nicht um das persönliche Eigentum des Grafenpaars, sondern das der Familie und ihrer Geschichte handelte. Drei Jahre später und ein Berufungsurteil weiter konnte die Versteigerung jedoch wie geplant bei Sotheby’s in Monaco stattfinden und spielte fünfzehn Millionen Franc ein. Im Oktober 2000 kamen bei Drouot in Paris noch einmal 300 Lose historischer Souvenirs der Bourbonen zum Aufruf, die 10,6 Millionen Franc erbrachten.

          Im Jahr 2003 ist Isabelle d’Orléans et Bragance ihrem Gemahl in die Familiengruft der „Chapelle Royale Saint-Louis“ in Dreux in der Normandie gefolgt. Nun hat Christie’s angekündigt, dass die „Prinzen und Prinzessinnen der Maison de France“ die elterliche Wohnung in der Rue de Miromesnil in Paris auflösen und die „letzten direkt überlieferten familiären Zeugnisse einer Dynastie, die fast tausend Jahre über Frankreich herrschte“, zwecks Aufteilung unter den Erben versteigern werden. Am 14. Oktober kommen also 600 Lose zum Aufruf: Schmuck, Silber, Gemälde, Möbel und ein Ensemble „intimster und kostbarster Souvenirs der königlichen Familie“, deren Schätzwerte mangels Vergleichsmöglichkeiten nur schwer festzulegen sind.

          Marie-Antoinette stickte selbst

          Eine Haarlocke Ludwigs XVI. in einer Perlmuttschatulle zum Beispiel wird mit 2000 bis 3000 Euro veranschlagt, das Rasiermesser des Königs Louis-Philippe im schwarzen Maroquinetui mit 150 bis 200 Euro. Für den Clou der Auktion, eine von Marie-Antoinette in der Gefangenschaft im Turm des Templerordens bestickte Brieftasche, gibt es noch keine Preisvorstellung: Solche Objekte haben keinen etablierten Marktwert, erklärt der in königlichen Stammbaumfragen sattelfeste Experte Vincent Meylan. Die Provenienz dieser Handarbeit der Königin ist ohne jeden Zweifel in einem Begleitbrief belegt: Madame Royale, die Tochter Marie Antoinettes, schenkte die Brieftasche 1795 ihrer Gouvernante Madame de Tourzel, eine der wenigen Personen, die mit der Königsfamilie die Haft teilte.

          Jedes Objekt erzählt ein Stück Geschichte: Eine kleine Dose mit dem Miniaturporträt des jungen Ludwig XVII. aus dem Besitz seiner Schwester ist auf den 24. Dezember 1794 datiert und eines der raren Bildnisse des jungen Königs im Templerturm, weniger als ein Jahr vor seinem Tod im Alter von zehn Jahren (Taxe 6000/8000 Euro). Eine Brosche aus emailverziertem und diamantbesetztem Gelbgold mit den Miniaturporträts des Bürgerkönigs Louis-Philippe und seines ältesten Sohns gehört mit einer Schätzung von 20.000 bis 30.000 Euro zu den teuersten Losen des historischen Konvoluts. Doch für den Federkiel, mit dem Louis-Philippe am 24. Februar 1848 seine Abdankung unterzeichnete und das Ende der französischen Monarchie besiegelte, veranschlagt man vorsichtig gerade einmal 300 bis 500 Euro.

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