http://www.faz.net/-gyz-78k06

Porzellan-Auktion : Dieser Zoo ist sehr zerbrechlich

  • -Aktualisiert am

Für Kurfürst August den Starken modellierte Johann Joachim Kändler eine Menagerie aus Porzellan. Nun wird in London eine Kollektion mit 140 der Meissener Tiere auktioniert.

          Den Rekord hält ein Paar lebensgroßer Reiher: Für 5,6 Millionen Euro wurden die Vögel aus Meissener Porzellan 2005 bei Christie’s in Paris versteigert. Ihr Schöpfer Johann Joachim Kändler (1706 bis 1775) ist der berühmteste Modelleur der Sächsischen Porzellanmanufaktur, die Kurfürst August der Starke 1710 begründete. Kändler wirkte 45 Jahre lang in Meissen: erst als Modellmeister, später als Arkanist, als Geheimnisträger also, der um die genaue Zusammensetzung der Porzellanmasse wusste.

          In den dreißiger Jahren des 18. Jahrhunderts sind lebensechte Tierplastiken typisch für Kändlers Werk. Gemeinsam mit Gottlieb Kirchner schuf der Hofbildhauer eine rund fünfhundert Stücke umfassende Menagerie aus Porzellan, die der Kurfürst für sein Japanisches Palais am Dresdner Elbufer in Auftrag gegeben hatte. Sie sollte ein westliches Pendant zu Augusts ostasiatischer Porzellansammlung bilden und in einem fünfzig Meter langen Saal ausgestellt werden.

          Auch wenn die Gesamtvision vom Porzellanschloss unvollendet blieb, hatten Kändlers elegante Tierplastiken einen kaum zu überschätzenden Einfluss auf die europäische Porzellankunst. In ihrer Leichtigkeit ähneln sie der Formensprache des französischen Rokoko. Darüber hinaus beeindruckt Kändlers genaue Beobachtungsgabe, die von intensiven Naturstudien zeugt. Gelegenheit dazu bot sich dem Modelleur vielleicht in den Dresdner und Moritzburger Tiergärten, die mit Exoten wie Löwen, Tigern oder Straußen aufwarten konnten.

          Heute befinden sich nur noch knapp hundert Tierplastiken aus der kurfürstlichen Porzellanmenagerie in Dresden. Im 19. Jahrhundert wurden zahlreiche sogenannte „Doppelstücke“ verkauft; in den zwanziger Jahren kostete dann die Abfindung für die entthronten Wettiner die Museen viele Objekte. Auf dem Kunstmarkt bringen Kändlers Tierdarstellungen Höchstpreise. Vor den eingangs erwähnten Reihern hielt ein Truthahn den Weltrekord für das teuerste europäische Porzellanobjekt: Umgerechnet rund 1,3 Millionen Euro bezahlte das Getty Museum 2002 bei Christie’s in London für Kändlers Modell. Vor knapp zwei Jahren versteigerte Lempertz in Köln eine sitzende Löwin von Gottlieb Kirchner für 1,1 Millionen Euro; 2006 brachte ein Kirchner-Löwenpaar gar 2,8 Millionen Pfund bei Christie’s in London.

          Am 1. Mai werden nun bei Sotheby’s in London rund 140 Meissener Porzellantiere zum Aufruf kommen. Die Objekte stammen aus der Sammlung von Sir Gawaine und Olive Lady Baillie, einer anglo-amerikanischen Erbin. Auch wenn das Spitzenstück, ein Affe mit Schnupftabaksdose, mit einer Schätzung von 200.000 bis 400.000 Pfund nicht unbedingt weltrekordverdächtig scheint, hat die Auktion einen besonderen Stellenwert: Es handelt sich um eines der größten Konvolute von Meissener Tierplastiken des 18. Jahrhunderts, die je versteigert wurden. Olive Lady Baillie (1899 bis 1974) begann ihre Porzellansammlung mit Fokus auf Kändlers Tiere in den dreißiger Jahren. Ihr Sohn, Sir Gawaine, und dessen Frau Margot erweiterten die Kollektion zu einer der größten Meissen-Menagerien in privaten Händen.

          Prunkstück der Sammlung ist der bereits erwähnte, knapp fünfzig Zentimeter große Affe, modelliert von Kändler. Er ist dabei, genüsslich eine Prise Schnupftabak einzunehmen - ein Motiv, das dem Genre der „singerie“ entlehnt ist: Im französischen Rokoko erfreuten sich Darstellungen von Affen, die menschliches Benehmen imitieren, großer Beliebtheit besonders in der dekorativen Malerei.

          Anhand der Arbeitsberichte, die Kändler verfasste, lässt sich rekonstruieren, dass er im Februar 1732 „einen großen Affen von besonderer Arth“ schuf. In den Inventaren der Dresdner Porzellansammlung von 1770 und 1779 ist insgesamt von vier Affen die Rede, von denen drei noch heute erhalten sind: Einer befindet sich nach wie vor in der sächsischen Hauptstadt, ein anderer im Rijksmuseum in Amsterdam. Dass der dritte Affe seit 1947 zur Sammlung Baillie gehörte, wurde erst kürzlich entdeckt. Eine unsachgemäße Restaurierung hatte Kändlers feine Modellierung verdeckt und vermuten lassen, das Stück stamme aus dem 19. Jahrhundert. Fünf kleine Löcher beweisen aber eindeutig: Der Meissener Affe entstand im 18. Jahrhundert. Um zu vermeiden, dass beim Brennen Risse im Porzellan entstehen, wurden die Figuren zu jener Zeit in Meissen mit Löchern versehen. Durch diese konnte die heiße Luft entweichen, die sich im Inneren der Plastik während des Brennvorgangs sammelte. Die Kändler-Affen in Dresden und Amsterdam weisen Löcher an den gleichen Stellen auf.

          Von Rohrdommeln und Perlhühnern

          Auf 150.000 bis 200.000 Pfund taxiert sind zwei lebensgroße Perlhühner, die Kändler um 1735 ebenfalls für das Japanische Palais modellierte. Anders als der Affe sind sie farbig gefasst: Weiß belassene Partien bilden reizvolle Kontraste zum purpurfarbenen Hals und dem roten Kamm. Weniger exotisch, aber ebenso lebensecht sind zwei Rohrdommeln, die rund 36 Zentimeter in der Höhe messen und um 1750 datiert werden (Taxe 40.000/60.000 Pfund).

          Neben den Porzellantieren kommen auch Möbel und Dekorationsgegenstände aus dem West Sussex House von Sir Gawaine und Lady Baillie zum Aufruf, darunter ein achtbeiniger französischer Schreibtisch mit vergoldeten Bronzebeschlägen aus dem frühen 18. Jahrhundert (200.000/300.000) und eine Pendeluhr aus der Zeit des Directoire, bekrönt mit der Personifikation Afrikas (20.000/30.000).

          Quelle: F.A.S.

          Weitere Themen

          Trump als Wachsfigur in Berlin Video-Seite öffnen

          Ein Präsident zum Anfassen : Trump als Wachsfigur in Berlin

          Der amerikanische Präsident Donald Trump ist die neuste Attraktion im Berliner Wachsfigurenkabinett. 16 Spezialisten in London haben vier Monate an der Wachsfigur modelliert und gestaltet. Am Dienstag wurde der polarisierende Politiker erstmals in Berlin präsentiert.

          Auch mit Frankreich

          Frankfurter Antiquariatsmesse : Auch mit Frankreich

          Parallel zur Frankfurter Buchmesse präsentieren 37 Aussteller aus dem In- und Ausland Bücher, Graphiken und Autographen auf der Antiquariatsmesse. Das Gastland der Buchmesse wird dabei auch bedacht.

          Schumachers Ferrari wird versteigert Video-Seite öffnen

          Weltmeisterauto : Schumachers Ferrari wird versteigert

          Bei der Herbstauktion von Sotheby`s steht der rote Ferrari, mit dem Michael Schumacher 2001 Formel-1- Weltmeister wurde, zur Versteigerung. Doch im Vergleich zu anderen Artikeln, scheint der Rennwagen ein echtes Schnäppchen zu sein.

          Topmeldungen

          Cyber Valley : Warum Amazon ins Schwäbische zieht

          Bei Stuttgart entsteht eine große Forschungskooperation für schlaue Computer. Angesagte Unternehmen machen mit – nun auch der weltgrößte Internethändler. Und nicht nur mit einer jährlichen Millionen-Überweisung.

          Streamingdienst : So analysiert Netflix seine Nutzer

          Die Online-Videothek gibt Milliarden für Eigenproduktionen wie „Stranger Things“ aus. Deshalb wird der Erfolg dieser Serien minutiös geplant. Und der Geschmack der Zuschauer ganz genau durchleuchtet.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.