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Museum Weserburg verliert Hauptwerk : Gerhard Richters „Matrosen“ gehen von Bord

Ein weiteres dramatisches Warnsignal aus der Museumslandschaft: Das Museum Weserburg in Bremen lässt ein kapitales Gemälde von Gerhard Richter aus seinem Besitz in New York versteigern.

          Das Neue Museum Weserburg in Bremen trennt sich von einem kapitalen Werk der zeitgenössischen Kunst: Im November wird bei Sotheby's in New York Gerhard Richters Gemälde „Matrosen“ aus dem Jahr 1966 versteigert, versehen mit einer Schätzung von sechs bis acht Millionen Dollar. Das Museum Weserburg wurde 1991 eröffnet, als erstes Sammlermuseum in Europa.

          Rose-Maria Gropp

          Redakteurin im Feuilleton, verantwortlich für den „Kunstmarkt“.

          Damals stellten dem Haus elf Sammler Teile ihrer Bestände mit zeitgenössischer Kunst als Dauerleihgaben zur Verfügung, darunter international beachtete Sammler wie Ingvild Goetz und Thomas Olbricht oder Reinhard Onnasch, der allerdings seinen Bestand 2005 nach Berlin abzog; andere kamen dafür hinzu. Werke aus diesen Sammlungen werden präsentiert, begleitet von Wechselausstellungen, die sie sinnvoll ergänzen.

          Die Weserburg funktioniert als „Public-Private-Partnership“, das bedeutet, Bremen fördert das Haus aus seinem Kulturetat, künftig sollen das noch jährlich 1,2 Millionen Euro für Gehälter, Sachmittel und Erhaltung sein. Alle anderen Kosten - darunter für die wechselnden Ausstellungen - müssen privat aufgebracht werden. Diese Konstruktion brachte das Haus schon seit geraumer Zeit zunehmend in finanzielle Schwierigkeiten, deren Erbe nun Carsten Ahrens, der seit November 2005 als Direktor amtiert, abzuarbeiten hat. Trotz mancher großzügiger mäzenatischer Zuwendungen der jüngsten Zeit steht die Weserburg in den roten Zahlen.

          Daher rührt der Entschluss, jetzt Gerhard Richters Bild auf dem Auktionsmarkt zu verkaufen, später wird dann noch „Luciano I“, ein Gemälde von Franz Gertsch aus dem Jahr 1976, folgen. Beide kamen 2004 in die Weserburg, als die Bremer Stiftung Ludwig-Roselius-Museum insgesamt 53 Werke der Gegenwartskunst aus ihrem Besitz dem Haus übereignete. Sie stehen nun im Eigentum der Stiftung Neues Museum Weserburg, die gleichzeitig mit dem Sammlermuseum begründet wurde. Tatsächlich hatte es in den ersten drei Jahren, so Ahrens, auch einen Ankaufsetat für die Weserburg gegeben, hinter dem der Plan stand, ein klassisches Museum für moderne Kunst aufzubauen.

          Dem Höchstpreis verpflichtet

          Dieser Idee mag selbst noch die großzügige Zuwendung der Roselius-Stiftung geschuldet sein. Dass die Weserburg aber den Status einer geschlossenen Sammlung nicht wird realisieren können, das hat ihr jetziger Direktor feststellen müssen. Und auf Nachfrage kann er immerhin bestätigen, dass der Verkauf dieser Filetstücke von Richter und Gertsch einvernehmlich mit der Roselius-Stiftung stattfindet - und auch, dass die anderen Werke aus dieser Schenkung dank einer Stiftungsinitiative von Bremer Bürgern für die Stadt erhalten und ihren Ort in der Bremer Kunsthalle unter der Leitung von Wulf Herzogenrath finden werden. Soweit die Vorgeschichte.

          Doch da bleibt ein starkes Unbehagen. Zunächst: Gerhard Richters „Matrosen“, dieses große Bild im Format 1,5 mal zwei Meter mit der Nummer 126 im Catalogue Raisonné, gehört zu dessen wichtigen Werken der sechziger Jahre, die am internationalen Kunstmarkt extrem begehrt sind. Niemand lässt so etwas freiwillig und gern gehen. Die Entscheidung übrigens, das Bild in den Auktionsmarkt einzuspeisen, resultiert auch aus der Verpflichtung, dass Bestand aus Stiftungskapital nicht zu einem Preis unter Wert veräußert werden darf; eine Versteigerung in New York ist tatsächlich als der Gradmesser für den Höchstpreis zu betrachten.

          Vergleichbare Gemälde von Richter

          Nach Auskunft von Ahrens ist das Gemälde nicht mit einer Garantie versehen, was bedeuten würde, dass das Auktionshaus dem Einlieferer eine bestimmte, zuvor ausgehandelte Mindestsumme bezahlt, unabhängig vom Ausgang der Versteigerung, also auch bei einem Rückgang. Es ist keine Prophetie, hier zu sagen, dass dieser Fall nicht eintreten wird; Sotheby's wird seine Kundschaft kennen.

          Prognosen zur Höhe des Kaufpreises sind diffiziler. Als Vergleich können drei Gemälde Richters, ebenfalls große Formate aus den sechziger Jahren, dienen, die in den vergangenen vier Jahren in London und New York versteigert wurden: der „Düsenjäger“ im November 2007 für zehn Millionen Dollar, die „Zwei Liebespaare“ im Februar 2008 für 12,8 Millionen Dollar (jeweils ohne das Aufgeld, das an das Auktionshaus beim Kauf zu entrichten ist) und zuletzt „Neger (Nuba)“ im Juni dieses Jahres für immer noch fast fünf Millionen Dollar, selbst für dieses sehr schwierige Sujet.

          Ein Warnsignal aus der Museumslandschaft

          Das Museum Weserburg wird also voraussichtlich finanziell durchatmen können.
          Vor allem aber gilt dieses: Auch wenn die Weserburg nicht funktioniert wie ein klassisches, von der öffentlichen Hand zu pflegendes Museum, wenn also der direkte Vergleich mit den Problemen, wie sie zuletzt in Hamburg skandalös öffentlich wurden durch eine demonstrative Teilschließung der dortigen Kunsthalle, nicht ganz stimmt, so ist der Bremer Vorgang doch ein weiteres dramatisches Warnsignal aus der gesamten Museumslandschaft.

          Aufgrund der spezifischen Konstruktion des Museums Weserburg darf man den Vorgang nicht als einen deutschen Dammbruch in Sachen „Deaccessioning“ bezeichnen - der etwa in Amerika üblichen Praxis, dass Museen Werke aus ihren Beständen veräußern können, um Schieflagen abzufangen. Aber ein weiteres Alarmzeichen ist damit gesetzt. Der Direktor Carsten Ahrens verkauft Gerhard Richters Bild, um sein Haus zu retten, sehr überlegt und kühl, ohne marktschreierisches Aufhebens. Doch es geht an unser aller Eingemachtes. Der gefräßige Markt nimmt‘s gern.

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