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Londoner Ergebnisse Die Erfolgsformel heißt Marktfrische

08.02.2008 ·  Londoner Spitzen: Die Ergebnisse für Impressionismus und Moderne zeigen strenge Kriterien der Käufer, und ähnlich steht es bei den Zeitgenossen. Die neue europäische Marke für Kunstwerke setzte ein monumentales Triptychon von Francis Bacon.

Von Anne Reimers, London
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Ein merklicher Seufzer der Erleichterung schien durch das Auktionshaus Christie's zu gehen, als die Abendveranstaltung mit Impressionismus und Moderne zu Ende gegangen war und man verkünden konnte, dass doch 75 Prozent - das heißt hundert der 131 Lose - bei einem Umsatz von etwa 105,4 Millionen Pfund verkauft worden seien. Zuvor war bei der Auktion mehrfach ein nervöses Raunen durch den wie stets überfüllten Saal gegangen, wenn einmal zwei Lose nacheinander abgelehnt wurden. Bei Sotheby's am folgenden Abend war man dagegen nach der Abendauktion geradezu in Festtagslaune, und die Sorgen, welche die Auktionshäuser und den Handel in den vergangenen Monaten nach leicht schwächelnden Ergebnissen und mit Blick auf die amerikanische Wirtschaft bei den New Yorker Moderne-Auktionen geplagt hatten, schienen wie weggeblasen.

Sotheby's erreichte einen Umsatz von mehr als 116 Millionen Pfund mit 67 verkauften von 76 Losen - der höchste Umsatz des Hauses bei einer Auktion in Europa jemals. Die Erfolgsformel „herausragende Qualität plus Marktfrische und einwandfreie Provenienz“ rief weiter Sammler auf den Plan, die offenbar über solche finanziellen Mittel verfügen, dass weltwirtschaftliche Turbulenzen nur eine untergeordnete Rolle spielen. Bei diesen Auktionen kamen öffentliche Museen so gut wie gar nicht, der Handel kaum zum Zug: Die Spitzenlose gingen fast alle in private Sammlungen, und mehr als achtzig Prozent der Lose bei beiden Auktionen wurden innerhalb von Europa (inklusive Großbritannien und Russland) vermittelt, obwohl europäische Sammler als preisbewusst gelten.

Russische Sammler heben das Niveau

Die Moderne-Auktionen waren, wie auch Olivier Camu von Christie's sagte, „very private“ und „very European“ - Letzteres gilt für die Einlieferer, für die Künstler und die Käufer. Die Konkurrenz durch russische Sammler, die in der letzten Zeit sehr aktiv geworden sind und mittlerweile oft professionelle Kunstberater haben, hat nach Angaben von Simon Shaw von Sotheby's dem Kunstmarkt einen belebenden Schub gegeben. Die Spezialisten beider Häuser geben zu, man habe hart daran gearbeitet, sich die hochwertigen Lose der Auktionen von den Sammlern zu sichern: Langjährige Beziehungspflege und beeindruckende Ergebnisse 2007 machen sich bezahlt. Teuerstes Los bei Christie's wurde, wie erwartet, eine in unattraktiven Brauntönen gemalte „Femme au chapeau“ von Picasso mit einem Hammerpreis von 5,1 Millionen Pfund (Taxe 2,5/3,5 Millionen).

Nachbericht: Impressionismus, Moderne und Zeitgenossen in London

Nach einem zähen Wechselspiel setzte sich ein Herr im Saal gegen seine beiden Mitstreiter durch. Die Schönheitskönigin des Abends, die herausragende „L'Ouled Naïl“ von Kees van Dongen aus der Sammlung Wohl fand mehr Interesse: Der Hammer fiel zugunsten eines Schweizer Privatsammlers am Telefon des Christie's-Spezialisten Thomas Seydoux, der dafür fünf Millionen Pfund (2/3 Millionen) bewilligte. Jawlenskys „Mädchen mit roter Schleife“ für 2,6 Millionen (1,8/2,5 Millionen) und seine „Hélène“ für 1,4 Millionen Pfund (1,7/ 2,5 Millionen) wurden beide von einem europäischen Privatsammler, der sich am Telefon vertreten ließ, ersteigert; vier kleinere und weniger spektakuläre Arbeiten von Jawlensky wurden abgelehnt. So erging es auch zwei der drei wenig interessanten Landschaften von Soutine und einem Chagall - dies bezeugt, dass russische Käufer auch bei ihren Landsleuten wählerischer geworden sind. Eine kleine „Danseuse espagnole“ von Picasso, die mit drei bis vier Millionen Pfund wohl zu hoch angesetzt war, und zwei Porträts von Gabriele Münter fanden ebenso keinen Käufer.

Blätter von Schiele

Überzeugende Ergebnisse brachten die, wohl von Ronald Lauder, zugunsten der New Yorker „Neuen Galerie“ eingereichten Schiele-Arbeiten auf Papier: Ein Agent im Saal erwarb beide Selbstporträts des Künstlers für je 1,8 Millionen Pfund weit über der Schätzung, und „Stehender Mann (recto); Liebespaar (verso)“ für 1,5 Millionen Pfund. Krönender Abschluss des Abends war der Verkauf von „Akte im Freien (Drei badende Frauen)“ von 1913 - ein Werk von Karl Schmidt-Rottluff, wie es nur selten bei einer Auktion auftaucht - aus der Sammlung des Hamburger Kunsthistorikers Wilhelm Niemeyer. Ein europäischer Privatsammler am Telefon von Thomas Seydoux bewilligte dafür 2,7 Millionen Pfund (1/1,5 Millionen); das ist Auktionsrekord für Schmidt-Rottluff. Zuvor hatte der qualitätsbewusste Käufer bereits Gabriele Münters attraktives „Gelbes Haus mit Apfelbaum (recto)“ für 460.000 (300.000/400.000) und Pissarros „Statue d'Henri IV, Matin, Soleil“ für 1,4 Millionen Pfund (1,5/ 2,5 Millionen) erworben. Doris Amman bewilligte je 2,2 Millionen für Schieles „Liegende Frau mit roter Hose und stehender weiblicher Akt“ (2/3 Millionen) und für Munchs „Badende“ (1,5/2 Millionen).

Auch Schmidt-Rottluffs Skulptur „Grüner Kopf“ (250.000/ 350.000) aus der Niemeyer-Sammlung überstieg die Millionen-Grenze und erzielte 1,3 Millionen Pfund. Die anschließende Surrealismus-Auktion mit vielen Losen von Picabia erzielte stabile Ergebnisse.Der Abend bei Sotheby's hatte mehr Leichtigkeit; Qualitätsbewusstsein bei der Auswahl sicherte einen Durchschnittspreis von 1,74 Millionen Pfund (brutto) pro Los. Den Löwenanteil trug dazu der Verkauf von Franz Marcs Spitzenlos „Weidende Pferde III“ mit einem Hammerpreis von elf Millionen Pfund bei: Das Gemälde verdoppelte beinah die untere Schätzung von sechs Millionen - und ging von Applaus begleitet an einen Bieter am Telefon des Direktors von Sotheby's Russland, Mikhail Kamensky. Damit wurde der im November von Sotheby's in New York aufgestellte Marc-Auktionsrekord gebrochen.

Moderne bei Sotheby's

Nach diesen Bestätigungen war die Stimmung gelöst. Zuvor war ein neuer Nolde-Aquarell-Rekord mit 380.000 Pfund (180.000/250.000) für „Das Meer“ aufgestellt worden. Auch für Kirchners „Gruppe Badender am Strand“ zahlte ein unbekannter Sammler am Telefon der Spezialistin in der Schweiz, Caroline Lang, mit 4,3 Millionen Pfund (2,7/3,5 Millionen) mehr als erwartet. Derselbe Sammler hatte bereits die Nummer zwei des Abends, Jawlenskys „Schokko“, für 8,4 Millionen (6,5/8,5 Millionen) gekauft - noch ein neuer Rekord; das Porträt konnte damit seinen erst 2003 erzielten Preis verdoppeln. Caroline Lang ersteigerte für ihren Klienten außerdem Pechsteins „Zirkus mit Dromedaren“ für 1,7 Millionen Pfund (600.000/900.000) aus der Webster-Williams-Kollektion. Mehr Lose konnte nur die in Russland geborene, für Sotheby's in London arbeitende Spezialistin Alina Davey für ihre Sammler am Telefon sichern: Man Ray, René Magritte, Pissarros „Maison des Paysans“ für 2,1 Millionen Pfund (800.000/ 1,2 Millionen) und Signacs „Terrasse de Meudon“ für 2,8 Millionen (2/3 Millionen) gingen an denselben Sammler - und Monets „La route de la ferme Saint-Simeon en hiver“ für 3,8 Millionen (3/4 Millionen) an einen weiteren Klienten an ihrem Telefon.

Renoirs nur 27 mal 21 Zentimeter messende „Loge ou l'avant-scène“ erzielte 6,6 Millionen Pfund (2,5/3,5 Millionen) - vermittelt von dem amerikanischen Spezialisten Charles Moffat - und Picassos „Tête de femme (La lectrice - Dora Maar)“ aus der Sammlung Berggruen die mindestens erwarteten 6,6 Millionen. Kirchners „Sägemühle in Königstein“ blieb unverkauft. Doch mit fünf Losen für mehr als fünf Millionen Pfund (inklusive Aufgeld) und mit fünfzehn Prozent Kunden, die zum ersten Mal bei Sotheby's kauften, konnte sich das Haus zum Jahresauftakt stark positionieren. Zwar setzten sich nur dreizehn Prozent Käufer aus den Vereinigten Staaten durch, neben 67 Prozent aus Europa und drei Prozent aus Asien; der Verlust amerikanischer Sammler wurde jedoch mit fünfzehn Prozent aus Russland ausgeglichen.

Zeitgenossen bei Christie's

Ein etwas anderes Bild bot sich bei der Zeitgenossen-Auktion von Christie's am folgenden Abend: Trotz des aufwendigen Katalogs mit einer Auswahl von 54 Losen fanden nur 37 einen neuen Besitzer. Pilar Ordovás bemühte sich nach der Auktion, die Erfolge herauszustellen: Bacons „Triptych“ wurde mit einem Hammerpreis von 23,5 Millionen Pfund - bei einer Erwartung von 25 Millionen allerdings - zum zweitteuersten Gemälde Francis Bacons in einer Auktion und zum teuersten in Europa jemals versteigerten Kunstwerk überhaupt; das Triptychon überholte damit auch Van Goghs „Sonnenblumen“. Es trug etwa ein Drittel zum Gesamtumsatz von 72,9 Millionen Pfund bei, dem zweithöchste Ergebnis für einen contemporary sale in London bisher. Der unbekannte Käufer des Spitzenwerks, das nur wenige Gebote im Saal fand, tauchte nur kurz im Türrahmen auf und verließ, nachdem der Hammer gefallen war, hastig das Gebäude. Auch der angestrebte Auktionsrekord für Gerhard Richter wurde mit den marktfrischen „Zwei Liebespaaren“ - für die auch Larry Gagosian ein Gebot abgab, nachdem sich zunächst kein Interessent zu rühren schien - mit 6,5 Millionen Pfund (Taxe mehr als 6 Millionen) erreicht; erfolgreich war hier ein ungenannter Privatsammler aus den Vereinigten Staaten am Telefon von Brett Gorvy.

Gagosian hatte sich zuvor Richard Princes „Settlement Nurse“ für 1,9 Millionen Pfund (2/3 Millionen) gesichert. Er wurde aber im Bietgefecht um Cy Twomblys „Untitled (Rome)“, das sich seit den sechziger Jahren in einer Privatsammlung befand, mit 3,5 Millionen Pfund (1,5/2 Millionen) von Karsten Greve überboten. Drittteuerstes Los wurde Basquiats „Palm Springs Jump“ mit 5,8 Millionen Pfund (Taxe um 6 Millionen), das an eine nordamerikanische Privatkollektion geht. Andy Warhols „Judy Garland“ wurde für 1,9 Millionen Pfund von dem New Yorker Warhol-Sammler José Mugrabi gekauft. Besorgnis erregen könnten die siebzehn abgelehnten Lose: Zu ihnen gehören vier der sieben Richter-Bilder, alle drei sämtlich mit Garantien versehenen Lose von Rudolf Stingel, der in New York im November vielversprechend versteigert worden war, außerdem ein Hirst, Rothko, Kiefer und Warhol. Auch hier gilt also: Während das Topsegment weiterhin Rekorde erreicht, wird das mittlere Segment nun immer häufiger als zu hoch bewertet zurückgewiesen. Mit Spannung erwartet man nun die Zeitgenossen-Auktionen bei Sotheby's und Phillips de Pury Ende Februar.

Quelle: F.A.Z., 09.02.2008, Nr. 34 / Seite 43
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