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Kanzler-Uhr wird versteigert : Konrad Adenauers Bling-Bling

Sie kam mit Pflegetipps des Firmenchefs direkt ins Haus: Die goldene Rolex des ersten deutschen Bundeskanzlers wird jetzt in der Schweiz versteigert.

          Konrad Adenauer, Jahrgang 1876, musste 79 Jahre alt werden, bis er seine goldene Rolex bekam. Dass sie ihm ganz besonders gut gefallen haben muss, beweist aus den Archiven ein Agenturfoto vom 19. April 1957, das den damaligen Kanzler der Bundesrepublik Deutschland an seinem Schreibtisch zeigt. Der Ärmel des grundseriösen Anzugs ist über der blütenweißen Hemdmanschette genau so weit zurückgerutscht, dass die Uhr gut sichtbar wird: Es ist eine „Oyster Perpetual Datejust“ in achtzehnkarätigem Gelbgold - der Klassiker schlechthin. Ob das ein Zufall war, diese Sichtbarmachung, sei dahingestellt. Wenn es nur ein bisschen Absicht war, dann zeigt es den ein wenig verschämten Stolz des ersten Bundeskanzlers dieser Republik, eines Mannes mit immensen Verdiensten um sein Land, auf das Gewicht der Zeit an seinem Handgelenk.

          Rose-Maria Gropp

          Redakteurin im Feuilleton, verantwortlich für den „Kunstmarkt“.

          Jedenfalls ist die goldene Rolex des Konrad Adenauer, ein ganz kleines Stück Kulturgeschichte, allemal der Erwähnung wert - nicht bloß in einem Auktionskatalog.

          Die „Ewige Auster“ mit Seife waschen

          Hans Wilsdorf selbst hat den Begleitbrief unterschrieben, mit dem ein Mitarbeiter seiner Firma dem prominenten Empfänger „die Uhr an den Arm zu legen“ hatte. Denn Wilsdorf - 1881 im fränkischen Kulmbach geboren, ausgezogen, um woanders sein Glück zu machen, und dann 1960 gestorben in Genf - ist ja kein anderer als der Gründer der schweizerischen Rolex-Uhren AG. Für Wilsdorf schien die Oyster Perpetual - was genaugenommen nichts anderes heißt als „Ewige Auster“ - am Arm ihres Eigners gewissermaßen festgewachsen zu sein (zweifelsohne vernünftig; denn ihre Automatik braucht das ja, will man nicht extra ein Gerät anschaffen, das ihren feinen Organismus in beständiger Schwingung hält).

          Deshalb erklärt er dem Kanzler: „Sie können auch Ihr tägliches Bad mit der Uhr am Arm nehmen, ohne dadurch Schwierigkeiten zu empfinden“ - und weiter: „Hie und da soll man die Uhr mit Armband ruhig mit Seife und Bürste waschen, denn sie wird dadurch immer frisch erhalten und leidet ganz und gar nicht durch die Feuchtigkeit.“ Das leuchtet direkt ein. Austern werden vor dem Verzehr schließlich auch gut gespült und gebürstet.

          Die Uhr macht Karriere

          Die freundlichen Hinweise, die Wilsdorf dem „Hochwohlgeborenen Herrn Bundeskanzler“ in seinem Anschreiben gibt, sind von nachgerade entwaffnender Einfachheit - und damit überhaupt eine ungemein witzige Pointe. Wenn man nämlich bedenkt, welcher Aufwand heutzutage gerade mit einer Uhr dieser Marke betrieben werden muss - nicht zuletzt finanziell -, soll sie die entsprechend verordnete Hege und Pflege erhalten, dann kann man von einer Badezimmerbürste nur träumen.

          Dass die Inspektion dieser Uhr heute, ein gutes halbes Jahrhundert später, ein halbes Vermögen kostet, hat sich also herumgesprochen. Nun ja, wie die goldene Rolex überhaupt so ihre spezielle Karriere gemacht hat. Sie gilt konkurrenzlos als favorisiertes Accessoire neureicher Kleinbürger, um nur das Mindeste zu sagen.

          Sie ist der Armschmuck, den auch der französische Staatspräsident ablegte, als es ernst wurde mit dem seriösen Regieren und der neuen première dame Carla. Und selbst James Bond musste seine Rolex eintauschen und bekennt neuerdings auf Nachfrage: „It’s an Omega.“ Aber diesen Gang durch die Fährnisse von Angebertum, Banalität und Neid hat die goldene Rolex erst viel später gemacht. Das alles konnte noch nicht Adenauers Freude an ihr trüben, die an seinem Arm wirkt wie das genuine Emblem des deutschen Wirtschaftswunders.

          Persönliches Wappen mit Rose

          Im Katalogtext des Auktionshauses steht: „Diese liebevoll gehütete Uhr, die Adenauer 1955 erhielt und die stets an seinem Handgelenk war in den letzten Jahren seines Lebens, wurde von seinen Nachkommen sorgfältig aufbewahrt, samt dem Original des Briefs, der von Hans Wilsdorf unterzeichnet ist, und dem Lederetui von damals.“ Auf der Rückseite des Gehäuses ist „Konrad Adenauer“ eingraviert, unter seinem persönlichen Wappen mit der stilisierten Rose: Das spricht doch für ein erhebliches Maß an emotionaler Investition in dieses Schmuckstück.

          Nicht ganz sicher ist, ob der Kanzler seine Uhr selbst gekauft hat und Wilsdorf sich deshalb so geehrt fühlte, oder ob es ebendem Firmenchef eine Ehre war, Adenauer so großzügig zu beschenken. Anzunehmen ist, dass Adenauers Erben sie nun zur Versteigerung eingeliefert haben, versehen mit der für den Auktionsbetrieb notorischen Feststellung, dass sie „zum ersten Mal auf dem Markt erscheint“. Sie trägt die Referenznummer 6305/1 und wurde wohl 1955 gebaut. Am 13. November kommt sie bei Sotheby’s in Genf unter den Hammer, im Rahmen einer Uhren-Auktion mit dem vielsagenden Titel „Pieces of World History“. Ihre, im gegebenen Umfeld, recht bescheidene Schätzung liegt bei 60.000 bis 80.000 Franken.

          Eines sei noch angemerkt: Was für eine hübsche Petitesse wäre die goldene Rolex Konrad Adenauers gewesen als eine Gabe ans Volk, zu seinem Gedächtnis. Im Deutschen Historischen Museum würde sie ihm alle Ehre machen; denn diese Rolex ist doch viel mehr - als einfach eine wunderschöne Uhr.

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