Die Stars des Schweizer Auktionsjahrs 2011 waren einmal mehr Altbekannte: Albert Anker und Ferdinand Hodler standen wenig überraschend an der Spitze der Resultate. Auffällig sind die teils rekordhohen Zuschläge. Um Anker entwickelte sich vor allem im Herbst ein regelrechtes Wettbieten, bis in bisher unerreichte Höhen. Den Schlusspunkt - zugleich das Toplos des Jahres - markierte das Zürcher Haus Koller, das im Dezember Ankers Genrebild „Die ältere Schwester“ für 6,4 Millionen Franken an einen Schweizer Sammler vermittelte. Erst zehn Tage zuvor hatte sich Sotheby’s über einen Anker-Rekord gefreut, für das „Strickende Mädchen, Kleinkind in der Wiege hütend“, bei 5,4 Millionen Franken.
In derselben Auktion erreichte Ankers „Alter Mann beim Znüni (Gyp)“ beachtliche 1,76 Millionen Franken, was ihn in die Schweizer Top-Ten brachte. Bereits im Juni hatte Koller ein aus zwei verschiedenen Quellen eingeliefertes Bildnispaar anbieten können. Die Porträts eines Mädchens und eines Knaben, wohl Geschwister, wurden einzeln versteigert; ein Schweizer Privatmann vereinigte sie nach fünfzig Jahren wieder, gegen Gebote von 3,3 und drei Millionen Franken. Auch der Markt für Zeichnungen Albert Ankers zog an, symptomatisch ist der bei Koller erzielte Rekordzuschlag von 420.000 Franken für ein „Strickendes Mädchen“ in Kohle auf Papier. Cyrill Koller sieht in der Entwicklung der Anker-Preise eine Logik: Die in den letzten Jahren angebotenen Spitzenwerke erzielten Höchstpreise, was rare Stücke auf den Markt zog, die wieder neue Rekordmarken setzten. Auch hier gelte, dass marktfrische Einzelstücke mit hervorragender Provenienz jederzeit Käufer finden.
Ein Selbstbildnis von Jacques de Rousseaux
Zweiter Gewinner 2011 war fraglos Hodler, dessen kapitale Landschaften erneut Millionenzuschläge verbuchten: Den Einsatz von 6,3 Millionen Franken erforderte Ende des Jahres in Zürich bei Sotheby’s der „Genfersee von Chexbres aus“. Das Ölbild von 1904 ließ alle anderen Hodler-Werke hinter sich, auch die von Kornfeld in Bern verkaufte „Vue de Montana vers le Val d’Hérens et le Val d’Hérémens“, die bei hohen vier Millionen Franken landete, und die ganzfigurige „Femme Joyeuse“ von 1909, mit 2,5 Millionen Franken, wieder bei Sotheby’s.
Dem Markt für Alte Meister fehlten die spektakulären Zuschläge, die Millionenmarke rückte in weite Ferne. Einen Höhepunkt gab es dennoch: Im März entfachte sich bei Koller ein Bietgefecht um Jacques de Rousseaux’ Selbstbildnis im Phantasiekostüm, das der Rembrandt-Zeitgenosse 1635 malte. Ein Sammler aus Norwegen investierte 440.000 Franken, um das aus Liechtensteiner Privatbesitz eingelieferte Bild zu erwerben - ein Auktionsrekord, zugleich Beleg für die Besonderheiten des Altmeistermarktes: Mangels Museumsstücken fokussieren sich die Käufer auf die Trouvaillen aus der zweiten Reihe.
Ein Familienunternehmen an der Spitze
Das Resümee der vier großen Auktionshäuser fällt mehrheitlich positiv aus: Christie’s meldet im zwanzigsten Jahr in der Schweiz und mit zwanzig Millionen Franken Umsatz die Verdopplung seiner Einnahmen für Schweizer Kunst im Vergleich zum Vorjahr. Akzente setzen konnte man jedoch nur im Mittelfeld, Giovanni Giacomettis reizvolles Gemälde „Sotto il sambuco“ von 1911 war mit einem Hammerpreis von 1,6 Millionen Franken das Spitzenlos bei Christie’s. François Curiel von Christie’s Zürich misst der Schweiz als Akquise-Markt besondere Bedeutung bei und erwähnt - neben dem in London versteigerten Nachlass von Ernst Beyeler - millionenschwere Werke von André Derain und Kees van Dongen, die den Weg aus Schweizer Sammlungen auf die internationalen Märkte fanden. Gleicher Meinung ist Marc Michel-Amadry, Geschäftsführer von Sotheby’s in der Schweiz, der mit einem Umsatz von 29,8 Millionen Franken für Schweizer Kunst ebenfalls auf ein erfolgreiches Jahr zurückblickt.
Auch Koller blickt auf eines der besten Jahre seit Bestehen zurück und eroberte Rekordmarken für einzelne Künstler. Das Familienunternehmen führt den Markt für bildende und angewandte Kunst aus der Schweiz an und zählt mit einer Jahresbilanz von rund hundert Millionen Franken inzwischen auch europaweit zu den umsatzstärksten Kunstversteigerern. Kornfeld in Bern hat seine Juni-Auktionen mit einer Bilanz von etwas mehr als 26 Millionen Franken abgeschlossen - spürbar weniger als erwartet. Das sehr internationale Publikum reagierte offenbar doch auch auf den zu dieser Zeit besonders starken Franken.