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Jahresrückblick Österreich Von Schiele bis nach China

01.02.2011 ·  Der Erfolg verteilt sich auf alle Schultern: Die Bilanz von Österreichs Auktionshäusern für das vergangene Jahr offenbart Spitzenergebnisse und historische Rekorde für einzelne Künstler.

Von Nicole Scheyerer, Wien
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Für die Wiener Auktionshäuser war 2010 nicht nur ein ungeheuer erfolgreiches, sondern auch ein sehr spannendes Jahr. Sowohl das Traditionshaus Dorotheum als auch die Konkurrenz Im Kinsky erzielten die höchsten Umsätze in ihrer Unternehmensgeschichte. Und jedes der beiden großen Häuser hatte ein Spitzenlos als Trumpf im Ärmel, für das es die Werbetrommel kräftig rührte.

Als Überraschung kam das herrliche Tableau „Der Mensch zwischen Tugend und Laster“ des Alten Meisters Frans Francken II auf den Markt. Von seinem deutschen Besitzer arg unterschätzt, erkannte das Dorotheum in dem verschollenen Bild dennoch seine Chance und inszenierte seine Altmeister-Auktion im Frühling entsprechend. Anstatt der taxierten 400.000 bis 500.000 Euro trat das hervorragend erhaltene Ölbild einen Siegeszug an, der erst beim Meistgebot von 6,1 Millionen Euro durch den britischen Kunsthändler Johnny Van Haeften stoppte.

Wenngleich weniger marktfrisch, so wurde doch auch dem Auktionshaus Im Kinsky ein rares Meisterwerk anvertraut: Ein Gemälde von Egon Schiele in der Qualität des quadratischen Ölbilds „Prozession“ war in Österreich zuletzt 1998 zu haben. Der Ankauf von Gustav Klimts Goldbild „Adele Bloch-Bauer I“ 2006 hatte es für Ronald Lauders Neue Galerie in New York notwendig gemacht, sich von einigen Sammlungsstücken zu trennen.

Schieles düstere Darstellung von drei Frauen wurde bereits 2007 bei Christie's in London erfolglos angeboten. Mit einer kräftig zurechtgestutzten Taxe wagte man nun in Wien einen zweiten Anlauf, und die bescheideneren Hoffnungen wurden nach wenigen Geboten erfüllt. Der Hammer fiel bei 3,5 Millionen Euro, was zwar nur die untere Taxe einlöste, aber immerhin den nationalen Künstlerrekord überbot, den der Sammler Rudolf Leopold einst mit Schieles „Mädchen“ aufstellte.

Auf internationalem Expansion aus

Mit einem Jahresumsatz von 143 Millionen Euro, den das Dorotheum mit seinen mehr als vierzig Sparten erzielte, reiht sich das bis zu seiner Privatisierung 2001 als Staatsbetrieb geführte Unternehmen heute unter die fünf erfolgreichsten Auktionshäuser weltweit ein. Der Umsatz von 113 Millionen Euro im schwierigen Jahr 2009 konnte weit abgehängt werden, und auch das Spitzenresultat von 2007 mit 123 Millionen ist Geschichte.

Schon allein rechnerisch wird klar, dass nicht nur ein Haupttreffer für dieses Spitzenergebnis verantwortlich sein kann. Im Frühjahr liefen auch die Segmente 19. Jahrhundert, Klassische Moderne, Design und Silber zu historischen Rekordauktionen auf. Außerdem wird die Geschäftsführung schon seit längerer Zeit nicht müde, ihrem internationalen Expansionskurs einen maßgeblichen Anteil an der jüngsten Erfolgsgeschichte zuzuschreiben.

Die Akquisitions- und Absatzkanäle nach Italien funktionieren dank mehrerer Filialen exzellent, und 2010 machte sich auch die verstärkte Konzentration auf Frankreich bezahlt. So bot dem Dorotheum seine Pariser Repräsentanz einen würdigen Rahmen, um die Highlights der Wiener Versteigerungen dort auszustellen.

Zwei Schieles für Österreich

Ein Plus von 37 Prozent im Vergleich zu 2009 bedeuten die 28 Millionen Euro, die bei Im Kinsky erwirtschaftet wurden. Das Anfang der neunziger Jahre von einer Gruppe von Kunsthändlern gegründete Auktionshaus bemüht sich von Anfang an am stärksten um die österreichische Kunstgeschichte. In seiner Jahresbilanz kann sich Im Kinsky über so viele sechsstellige Zuschläge wie noch nie freuen, nämlich nicht weniger als 55 solche hohen Verkäufe. Stattlich ist auch die Liste der letztjährigen Künstlerrekorde, wobei neben nationalen Höchstpreisen für Fixstarter wie Adolf Loos, Arnulf Rainer oder Hundertwasser auch für bisher weniger hoch gelistete Namen Aufwertungen verbucht wurden.

Für seinen kapitalen Schiele veranstaltete das Im Kinsky im März eine zusätzliche Auktion „Meisterwerke“, deren Akquise blendend lief. Die „Prozession“ wurde schließlich von einem heimischen Bieter erworben, und auch bei Schieles Gouache „Akt mit Strümpfen“, die mit 350.000 Euro (Taxe 100.000/ 200.000) Platz sieben der Bestenliste belegt, konnte sich ein Österreicher - sogar gegen Konkurrenz aus China - durchsetzen. Mit dreizehn Millionen Euro lieferte die Klassische Moderne das beste Spartenergebnis; die höchsten Zuwächse erfuhr 2010 jedoch die zeitgenössische Kunst, die sich um 31 Prozent auf 7,5 Millionen Euro verbesserte. In die heimische Bestenliste konnte sich das Haus Im Kinsky aber nur mit den beiden Schieles einreihen.

Die Klassische Moderne bleibt beliebt

Die großartig bestückte Jubelauktion im April, bei der das Dorotheum seinen Frans Francken II zum teuersten jemals in Kontinentaleuropa versteigerten Altmeister krönte, brachte auch für Werke von Guido Gagnacci und Lavinia Fontana hohe Preise. Auf der Liste von Österreichs Top Ten belegt Giovanni Francesco Barbieris Gemälde „Rinaldo hält Armida ab, sich mit einem Pfeil zu töten“ mit beachtlichen 900.000 Euro (400.000/ 600.000) Platz drei. Begeisterte Abnahme fand auch eine Markusplatz-Vedute von Giuseppe Bernardino Bison, die jetzt mit dem Zuschlag bei 280.000 Euro (80.000/ 100.000) den zehnten Rang einnimmt.

Werke der Klassischen Moderne waren ebenfalls sehr gefragt, was Giorgio Morandis „Paesaggio“ auf siebter Stelle mit 340.000 Euro (330.000/380.000) beweist - und auch Paula Modersohn-Beckers spätimpressionistisches „Sitzendes Mädchen mit Strohhut und Kind auf dem Schoß“ mit 320.000 Euro (170.000/ 220.000) auf Rang acht. Bei den Werken des 19. Jahrhunderts war abermals auf hohe Qualität bei Ferdinand Georg Waldmüller Verlass, dessen „Kranzljunger“ mit dem Gebot von 360.000 Euro (300.000/400.000) auf Platz sechs tanzte.

Hassfurther steigerte den Umsatz deutlich

Das Einmann-Unternehmen Hassfurther hatte jedoch die Nase gegenüber dem Auktionstanker vorn: Sein Waldmüller „Zuflucht am Bildstock beim Nahen des Gewitters“ rangiert mit 380.000 Euro (150.000/250.000) an fünfter Stelle im österreichischen Ranking. Noch beachtlicher nehmen sich jedoch die 550.000 Euro (500.000/700.000) für Albin Egger-Lienz' „Totentanz“ auf Platz vier aus. Die drei Versteigerungen 2010 liefen für das kleine Auktionshaus insgesamt sehr gut, so dass ein Jahresumsatz von knapp über sechs Millionen Euro zustande kam.

Das bedeutet eine Steigerung von 56 Prozent gegenüber dem schwachen Jahr 2009. Überraschenderweise liegt Hassfurthers Stammkünstler Alfons Walde in der - hausinternen - Bestenliste nur auf Platz sechs, während Rudolf von Alts Aquarell „Eisengießerei Kitschelt“ Anfang Dezember für gute 235.000 Euro (130.000/ 170.000) wegging. Vor Waldes „Bergweiler“ punkteten auch noch Egger-Lienz' Ölbild „Sämann und Teufel“ mit 205.000 Euro (80.000/120.000) und Frans Snyders Stillleben „Knabe in der Vorratskammer“ mit 200.000 Euro (150.000/300.000).

Spürbare Internationalisierung

Waldmüller, Rudolf von Alt, Schiele, Klimt, Hoffmann: Es mögen diese Namen sein, auf die sich der österreichische Auktionsmarkt immer wieder verlassen kann, und doch ist eine erfreuliche Ambition spürbar, bisher weniger geschätzte Künstler einem kunstsinnigen Publikum näherzubringen.

Neben den österreichischen Stammkunden, die auch in der Krise die Treue gehalten haben, betonen Dorotheum und Im Kinsky die zunehmende Internationalisierung ihres Kundenstamms. So verwundert es nicht, dass das Dorotheum 2010 eine erfolgreiche Spezialauktion für russisches Silber abhielt und 2011 sein Angebot auf Orientteppiche, Textilien und Tapisserien sowie Außereuropäische Kunst und Stammeskunst erweitert.

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