Der Blick auf die höchstbezahlten Werke in den internationalen Auktionen demonstriert jedenfalls eines: Es ist unerhört viel Kapital unterwegs, das sich in Kunst ergießen kann und will. Die Summen für die Top Ten 2009 werden haushoch übertroffen. Dort führte eine in London verkaufte Kopfstudie von Raffael für umgerechnet 42,7 Millionen Dollar; das entspricht ungefähr dem Turner-Gemälde auf Platz zehn in diesem Jahr. Natürlich sind solche direkten Vergleiche schief. Denn erstens hängt dieses Ranking vom Angebot ab, das derartige Preise überhaupt generieren kann, und zweitens spielt da eine gehörige Portion Irrationalität mit.
In der aktuellen Liste manifestiert sich das so, dass allein drei Auflagen-Objekte vertreten sind; das gab es noch nie. Giacomettis von der Commerzbank in den Markt geworfener „Homme qui marche I“, für unfassbare (zum Tageskurs umgerechnete) 92,6 Millionen Dollar zugeschlagen, existiert in sechs Güssen wie auch seine gerade 65 Zentimeter hohe „Grande tête mince“, die immerhin noch 47,5 Millionen Dollar netto brachte, und der, zugegeben imposante, bronzene „Nu de dos“ von Matisse ist im vierten Zustand gar zwölffach in der Welt. Ob der Reiz des Unikats verblasst ist? Wohl eher bewirkt die Verknappung der autorisierten Exemplare auf dem freien Markt das Ihre: Da ist sie doch wieder, die alte Idee vom Museum, das dem Werk wahren Adel verleiht.
Interessant ist die Wiederkehr von Picassos hinreißendem blauen Porträt seines Freunds Angel Fernández de Soto auf Rang acht: Das Bildnis wurde 1995 mit 26,5 Millionen Dollar, die Andrew Lloyd Webber bei Sotheby's in New York dafür bewilligte, zum bis dato teuersten Werk. Die (umgerechnet) 46,2 Millionen Dollar, die es im Juni bei Christie's in London erlöste, sprechen für sich - und sind nicht einmal die Hälfte des Preises für den echten Schmachtfetzen an der Spitze 2010: Er kommt auch von Picasso, und obendrein gebührt dieser Phantasie unter dem Philodendron seit Mai das Etikett des höchstbezahlten Kunstwerks in einer Auktion jemals überhaupt.
Abgelöst ist damit, was die Allzeitrechnung angeht, Picassos (wessen auch sonst!) herrlicher „Garçon à la pipe“ von 1905, der 2004 bei Sotheby's für 93 Millionen Dollar zugeschlagen wurde. Und zu lernen ist obendrein, dass auch wer bis zu dreistellige Millionenbeträge in Kunst investiert (das Käuferaufgeld kommt dazu) - das sind maßgeblich Privatleute, die unerkannt bleiben wollen -, affiziert und abhängig ist von den Volten des Geschmacks. Es ist keine arg riskante Prognose, dass es nur eine Frage der Zeit ist, bis in der Gunst der Klienten die, ja unbedingt attraktive, Marie-Thérèse Walter der Dreißiger von Picassos jähen Bildfindungen der späten Jahre abgelöst wird.
Dieser Warhol ist eigentlich längst ein Alter Meister
Wo aber sind die Impressionisten geblieben? Die Antwort muss wahrscheinlich lauten: Wer einen richtig tollen Monet im privaten Stall stehen hat, den hat auch die Finanzkrise nicht zur Veräußerung zwingen können. Oder falls doch, dann wird das in einer privaten Transaktion geschehen sein, hinter hermetisch verriegelten Türen und nicht in einer öffentlichen Versteigerung. Völlig aus dem Millionenspiel ausgeschlossen bleiben die Zeitgenossen.
Was Wunder? Der umwerfende Warhol auf Rang fünf, den sich Simon de Pury für sein unternehmungslustiges Haus Phillips de Pury angeblich aus dem Fundus der Händlerfamilie Mugrabi geangelt hat, ist eigentlich längst ein Alter Meister. Übrigens bleibt seit 2007 bis auf weiteres „Green Car Crash“ mit 64 Millionen Dollar der teuerste Warhol; um 7,5 Millionen verfehlten die „Men in Her Life“ diese Marge. Endlich wird die Echtheit von Modiglianis „Tête“ auf Rang sieben gesichert sein, wie auch die seines hübschen Akts auf Rang vier: Wofern wasserdicht abgesichert, wird Modigliani immer gehen.
Herausforderungen für den alten Westen
Bleibt noch anzumerken, dass der entscheidende Faktor für das Jahr 2010 die weitere Globalisierung und fortschreitende Diversifizierung des Markts ist. Für diese steht, als nur ein Symbol, die Qianlong-Vase auf Rang drei. Es ist auch keineswegs mehr sicher, dass sich das Auktionsgeschehen im Hochpreis-Segment ausschließlich in den uns vertrauten Gefilden abspielt.
Der alte Westen wird sich da noch auf weitere Herausforderungen einstellen müssen. Schon vor dem krisenhaften Geschehen auf dem internationalen Finanzmarkt 2008 war sichtbar, dass der Eintritt neuer Käuferschichten, vor allem aus dem weiten asiatischen Raum, unsere geschätzten Usancen beeinflussen würde. Die gegenwärtige Lage ließe sich so zusammenfassen: Sie scheint überschaubar - gerade noch.