16.01.2012 · Das noch junge Auktionsjahr 2012 hebt kraftvoll an in London, wenn dort Impressionismus und Moderne ihren Auftritt haben. Hier zwei prominente Beispiele dafür.
Von Rose-Maria GroppDas bemerkenswerteste Werk dieser Londoner Frühjahrsveranstaltungen kommt am Abend des 8. Februar bei Sotheby’s zum Aufruf. Denn das Schicksal von Ernst Ludwig Kirchners Gemälde „Das Boskett: Albertplatz in Dresden“ steht für die politische Geschichte seit einem Jahrhundert so gut wie für die Markthistorie, bis in unsere unmittelbare Gegenwart.
Kirchner malte dieses, mit 120 mal 151 Zentimetern ungewöhnlich große Bild 1911; es ist übrigens dasselbe Jahr, in dem Kandinskys Programmschrift „Über das Geistige in der Kunst“ erscheint. Seine Stadt-Landschaft verweist, mit der palmenbestückten Insel des Bosketts, auf Exotik und Natur so gut wie auf jene Urbanität, die den Maler in seiner expressionistischen Hochphase, seinen Berliner Straßenszenen zumal, bald darauf reizen wird. Und aus heutiger Sicht, da inzwischen der „späte“ Kirchner der dreißiger Jahre - nicht zuletzt durch die große Retrospektive vor zwei Jahren im Frankfurter Städel - in den Blick gekommen ist, erkennt man nicht nur den Anklang an die Palette der Fauvisten darin, sondern man mag darüber hinaus, vor allem in der Farbigkeit, genauso auch schon einen Hinweis auf des Künstlers Vorlieben in Davos identifizieren, wenn er sein Spektrum der Pink- und Lilatöne so eigenwillig gegen Grün- und Blautöne einsetzt.
Joseph Feinhals (1867 bis 1947) erwarb bereits im Jahr 1912 das Bild direkt von Kirchner. Feinhals war der Erbe des von seinem Vater 1861 gegründeten Kölner Zigarren-Importhauses, ein Bibliophiler, Kunstsammler und Mäzen. Er schenkte das eminente Werk schon 1927 dem Wallraf-Richartz-Museum in Köln. Nur zehn Jahre später beschlagnahmten es dort die Nationalsozialisten im Zuge ihrer Aktion „Entartete Kunst“. Es kommt am 30. Juni 1939 bei der Galerie Fischer in Luzern in jener Auktion mit dem zynischen Titel „Gemälde und Plastiken moderner Meister aus deutschen Museen“ zur Versteigerung. Dort erwarb es der Schweizer Bildhauer Alexander Zschokke (1894 bis 1981) für sich selbst; Zschokkes, des Faschismus unverdächtige Brunnenfigur der „Drei Lebensalter“ von 1937/38 steht bis heute in seiner Heimatstadt Basel. Sein Erbe Peter Zschokke lieferte Kirchners Bild dann ein zur Auktion bei der Galerie Kornfeld in Bern am 21. Juni 1991: So weit ist die Herkunft auch im aktuellen Sotheby’s-Katalog verzeichnet, der letzte Eintrag zur Provenienz lautet dort Purchased at the above sale by the present owners.
Nun hilft das Gedächtnis einer anderen Chronik des Kunstmarkts weiter, wie sie ein Artikel vom 29. Juni 1991 in dieser Zeitung aufgezeichnet hat: Dort steht auch, dass Zschokke Kirchners Gemälde 1939 in Luzern schon für 300 Franken bekam; die Schätzung hatte bei 600 Franken gelegen. Und mehr als fünfzig Jahre später, nun bei der Kornfeld-Auktion, war der Rang von „Das Boskett am Albertplatz in Dresden“ (so der damalige Titel) durchaus bekannt: „Am Nachmittag des 21. Juni erreichte Kirchners Gemälde mit drei Millionen Franken den zehntausendfachen Preis gegenüber dem Zuschlag vom 30. Juni 1939.
Gewinner war der Düsseldorfer Kunsthändler Wolfgang Wittrock, der große Verlierer waren die Kölner Museen. Diese hatten noch in einer Blitzaktion versucht, durch öffentliche und private Spenden einen Rückkauf zu organisieren. Aber es stand letztlich deutlich weniger zur Verfügung als die rund vier Millionen Mark, die das Gemälde mit Aufpreis jetzt gekostet hat; ein Auktionsrekord für Kirchner.“ Weiter merkt dieser Artikel vor nun mehr als zwanzig Jahren, mit allem Recht, an, dass sich die Kölner Museen schon längst zuvor um ihr verlorenes Meisterwerk hätten bemühen können - schließlich war bekannt, wo es sich seit 1939 befand.
Bei Kornfeld indessen musste Köln schon bei 2,3 Millionen Franken aussteigen, und Wittrock schlug auch noch einen höher bietenden süddeutschen Privatmann aus dem Feld. Umgerechnet entsprechen die drei Millionen Franken netto damals, laut der Internet-Datenbank Artprice, heute gut 1,8 Millionen Euro. Die aktuelle Taxe von fünf bis sieben Millionen Pfund, also etwa sechs bis 8,5 Millionen Euro, ist freilich auch keine schlechte Rendite.
Der Kunsthändler Wolfgang Wittrock, inzwischen von Berlin aus agierend, sagt jetzt im Gespräch mit dieser Zeitung, dass „Das Boskett am Albertplatz in Dresden“ 1937 in der „Großen Deutschen Kunstausstellung“ in München ausgestellt war, mit der Inventarnummer 16137. Er sagt weiter, dass hinter der „Private European Collection“, die als Provenienz im Auktionskatalog firmiert, eine deutsche Privatsammlung aus dem Rheinland steht, in deren Auftrag er schon bei Kornfeld bot. Diese außerordentlich diskrete Sammlung hat niemals eines ihrer kapitalen Werke für öffentliche Gruppen- oder Einzelausstellungen ausgeliehen (eben auch nicht für die Kirchner-Retrospektive im Städel; deren Kurator Felix Krämer hatte sich um das Bild bemüht).
Man kann das eine Strategie der Verknappung nennen, im Feld eines hoch animierten Markts. Denn nun wird aus derselben Sammlung ein weiterer Kirchner auktioniert, der „Galgenberg in Jena“ von 1915/16, ein eher untypisches, aber explosives Bild im Mittelformat (Taxe 800.000/1,2 Millionen Pfund). Und für die Exklusivität dieser ungenannten Sammlung spricht zum Beispiel auch, dass aus ihr Franz Marcs „Weidende Pferde III“ von 1910 stammen, die vor vier Jahren bei Sotheby’s einen Hammerpreis von umgerechnet gut 14,6 Millionen Euro erzielten, bis heute der Auktionsrekord für Marc.
Das „Boskett“ hält Wolfgang Wittrock entschieden für ein Museumsbild, als das Dokument eines Umbruchs in Kirchners Schaffen. Dass er selbst es 1991 - gegen ein Museum für Privat - ersteigerte, begründet er damit, dass der damalige Preis schlicht angemessen war. Betrachtet man die Preisentwicklung für Kirchner seither, wird man ihm Recht geben. Inzwischen verzeichnet die Artprice-Liste das Bild auf Rang neunzehn, gemessen an der Zuschlagssumme. Es wäre schon zu wünschen, dass sich Wittrocks Einschätzung jetzt in London durchsetzen könnte - und so möglichem musealem Interesse Raum geben. Manchmal muss es eben die zweite Chance sein.
© Christie‘s
Es ist nicht leicht zu entscheiden, ob in Untersicht oder von oben: Robert Delaunays kühnes farbenprächtiges, beinah zwei Meter hohes Gemälde „Tour Eiffel“ von 1926. Das Bild kommt aus der Sammlung des Unternehmers Hubertus Wald, eines Wohltäters der Stadt Hamburg. Taxiert ist es nun auf 1,5 bis 2,5 Millionen Pfund
Christie’s macht den Auftakt in London, mit seiner Abendauktion. Das Haus konnte eine interessante europäische Privatsammlung gewinnen, die auch namentlich gemacht ist: die des deutschen Unternehmers Hubertus Wald. Einige Spitzenstücke daraus werden am 7. Februar versteigert. Hinter dieser Kollektion steht eine Erfolgsgeschichte aus Nachkriegsdeutschland, die in der Persönlichkeit des Sammlers das Wirtschaftswunder mit Wohltaten für die Allgemeinheit verbindet.
Hubertus Wald, geboren 1913 in Berlin als Sohn eines Majors und Kunstmalers, machte nach dem Zweiten Weltkrieg zunächst sein Glück mit Kinos; sein erstes hieß „Kurbel“ und stand in Karlsruhe. Er erweiterte sein cinematographisches Imperium, zu dem das Geschäft mit Immobilien kam. Seit Ende der fünfziger Jahre residierten seine „Süddeutschen Filmbetriebe Hubertus Wald“ dann im Salzhaus an Frankfurts Rossmarkt, dem neu errichteten Nachfolger eines im Krieg zerstörten historischen Gebäudes. Im Jahr 1966 zog Wald nach Hamburg um, führte von dort aus seine Geschäfte und ein glänzendes gastfreies Haus, das Leute von Andy Warhol bis Gunter Sachs oder auch Axel Springer sah. Von den Siebzigern an ließ er sich in Sachen Kunst von dem französischen Galeristen Sami Tarica beraten, der unter anderen auch für Yves Saint Laurent und Pierre Bergé tätig war.
Im Jahr 1992 gründete er dann die „Hubertus Wald Stiftung“, die sich philanthropischen Zwecken für Hamburgs Gesundheitswesen und Kultur widmet. So trägt das „Hubertus-Wald-Forum“ der Hamburger Kunsthalle seiner Großzügigkeit Rechnung. In seinem Testament legte er, der im Alter von 92 Jahren 2005 starb, fest, dass nach dem Tod seiner zweiten Frau Renate die Gemälde aus seinem Eigentum zugunsten der Stiftung verkauft werden sollten. Nachdem seine Witwe im April 2011 gestorben ist, geschieht dies nun.
Der Vorstand der Stiftung verspricht sich von der Versteigerung der Bilder in London den maximalen finanziellen Zufluss für die Stiftung. Wohl zu Recht; denn jedenfalls die Spitzenwerke erfüllen alle Kriterien, die der gegenwärtige globalisierte Markt begehrt - Erlesenheit und Marktfrische, das heißt vor allem keine Auktionskarrieren, verbunden mit einer guten Provenienz. Für dieses Erfolgsrezept standen in jüngerer Zeit etwa die Zero-Sammlung Lenz Schönberg oder die Dürckheim-Kollektion. Während Sotheby’s die beiden sehr konsequenten Sammlungen geschlossen optimal vermarktete, teilt Christie’s die knapp neunzig Stücke des Hubertus-Wald-Bestands auf sechs Auktionen auf; das ist gewiss deren Heterogenität geschuldet, von der Nachkriegskunst bis hin zu Antiquitäten.
Herausragend am 7. Februar ist jedenfalls im Wortsinn Robert Delaunays fast zwei Meter hohe „Tour Eiffel“ von 1926. Geschätzt ist diese prächtige kühne Version seines Lieblingsmotivs auf 1,5 bis zwei Millionen Pfund, also 1,7 bis 2,9 Millionen Euro. Dass sich für Delaunays orphisch-kubistischen Farbzauber - ein Vergleichsbild befindet sich in Paris im Centre Pompidou - bestimmt auch die Kundschaft aus Asien erwärmen lässt, könnte ihm durchaus ein Rekordergebnis bescheren.
Kunst
RAQUEL SARANGELLO (ARTFOREXPORT)
- 16.01.2012, 14:10 Uhr
Rose-Maria Gropp Jahrgang 1956, Redakteurin im Feuilleton, verantwortlich für den „Kunstmarkt“.
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