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Gegenwartskunst : Letzte Lockerung der Lehman Brothers

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Der Bruttoerlös für die Lehman-Auktion in New York beläuft sich auf respektable 12,3 Millionen Dollar. Besonders erfolgreich waren Werke von Gerhard Richter, aber das Hauptlos von Damien Hirst fiel durch.

          Rund 150 Kunstwerke aus der New Yorker Filiale der bankrotten Investmentbank Lehman Brothers hat Sotheby's unter den Hammer gebracht. Die Auktion verlief zu allgemeiner Zufriedenheit, weil sich 83 Prozent der Lose verkauften; viele Werke übertrafen ihre Schätzungen, und siebzehn Rekordpreise wurden erzielt. Der Gesamtumsatz beläuft sich auf rund 12,3 Millionen Dollar und liegt damit knapp über der oberen Gesamttaxe (diese ohne Aufgeld). Doch zum Ladenhüter wurde das Los mit den höchsten Erwartungen: Damien Hirsts mit verschiedener Keramik bestücktes Regal „We've Got Style (The Vessel Collection - Blue/Green)“ aus dem Jahr 1993, das 800.000 bis 1,2 Millionen Dollar einspielen sollte. So blieben alle Hammerpreise unter der Millionengrenze.

          Innerhalb dieses Rahmens gab es jedoch einige beachtliche Bietgefechte, zum Beispiel für Gerhard Richter. Die pudrig zarte Lithographie mit seiner sich vom Betrachter abwendenden Tochter Betty aus dem Jahr 1991 basiert auf einem Ölbild von 1988, das wiederum eine Fotografie von 1978 zur Vorlage hat. Für das 96,5 mal 66 Zentimeter große Blatt, Auflage 25, mit dem bekannten Motiv erfolgte der Zuschlag erst bei 380.000 Dollar, weit jenseits der Taxe von 100.000 bis 150.000 Dollar - ein neuer Höchstpreis für Druckgraphik von Richter. Auch die anderen Werke Richters übertrafen ihre Schätzungen, etwa „Misty Self Portrait“ in Öl auf Fotografie von 1990 mit 45.000 Dollar (Taxe 25.000/35.000) oder ein 36 mal 41 Zentimeter messendes „Abstraktes Bild (763-5)“, das auf 420.000 Dollar (200.000/300.000) kletterte.

          Den höchsten Preis überhaupt - nämlich 850.000 Dollar - bewilligte ein Privatsammler für Julie Mehretus abstrakten Farb- und Formenwirbel „Untitled, 2001“ (600.000/ 800.000), ein Rekord für diese Künstlerin: Noch im Jahr seiner Entstehung hatte dieses Gemälde Eingang in die Firmensammlung Neuberger Berman gefunden. Im Jahr 2003 übernahm Lehman Brothers Neuberger Berman und verleibte sich dadurch auch rund 600 Werke dieser zeitgenössischen Sammlung ein. Auch Neo Rauchs mehr als zwei Meter hohe, von Rot dominierte Arbeit „Einbruch“ in Öl auf Papier von 1999 wurde bereits im Jahr 2000 von Neuberger Berman angekauft; jetzt spielte sie 450.000 Dollar (400.000/600.000) ein.

          Liu Ye, der als Kind die chinesische Kulturrevolution miterlebte, malte „The Long Way Home“ im Jahr 2005, und dass sein Vater Kinderbuchillustrator war, verwundert bei diesem märchenhaft verschneiten Motiv nicht. Es kostete 800.000 Dollar (500.000/700.000). Mit 650.000 Dollar innerhalb der Schätzung blieb der in Los Angeles beheimatete Mark Grotjahn mit seinem besonders rasanten und bunten Bild „Untitled (Three-tiered Perspective)“ aus dem Jahr 2000 (600.000/ 800.000). Olafur Eliassons „Waterfall Series“, eine fünfzigteilige Reihe unterschiedlich gefärbter, monochromer Fotografien von Wasserfällen, Auflage 3, vervielfachte ihre Erwartung von 60.000 bis 80.000 Dollar und schraubte sich bis auf 380.000 Dollar hoch.

          Eine New Yorker Straßenecke in fotorealistischer Manier

          Als ebenso populär erwies sich Glenn Ligons Buchstabengeflimmer in seiner zweiteiligen Arbeit „Invisible Man“ von 1991: mit 360.000 Dollar (100.000/150.000) hat nun auch der New Yorker Konzeptkünstler einen Auktionsrekordpreis. Der amerikanische Fotorealismus der siebziger und achtziger Jahre ist wieder populär: Janet Fishs 168 Zentimeter hohe, monumentale Darstellung von vier glänzenden Honiggläsern aus dem Jahr 1971 kostete die Firma 1992, im Nachverkauf bei Christie's, wahrscheinlich weniger als 25.000 Dollar.

          Jetzt waren 25.000 bis 35.000 Dollar dafür anvisiert, aber der Hammer fiel erst bei 110.000 Dollar. Rackstraw Downes fotografisch wirkende New Yorker Straßenecke „110th and Broadway“ von 1978/80 wurde ebenfalls ein Hit, als das Bild bei 70.000 Dollar seine obere Taxe verdoppelte; 1992 hatte es bei Sotheby's gerade einmal 14 300 Dollar gekostet.

          „Lehman Brothers: Artwork and Ephemera“ in South Kensington

          Einige Tage nach der Kunst bei Sotheby's in New York fand bei Christie's in South Kensington die Liquidation kleinerer Vermögenswerte aus den europäischen Firmenbüros von Lehman Brothers statt. In einer mehr als sechsstündigen Marathon-Auktion verkauften sich sämtliche 308 Lose, bis auf zwei. Sie übertrafen damit die Erwartungen und summierten sich auf gut 1,6 Millionen Pfund. Mehr als 1100 Kunden hatten sich als Bieter registriert, davon 330 über das Online-Programm „Christie's Live“.

          Unter „Lehman Brothers: Artwork and Ephemera“ waren nicht nur Bücher, Vasen, Lampen und Schiffsmodelle versammelt, sondern auch Kunstwerke, Kleinbronzen, Seestücke und Pferdebilder aus dem 19. Jahrhundert und vor allem Druckgraphik namhafter Künstler des 20. Jahrhunderts. Zum Spitzenlos avancierte Gabriel Orozcos vom Fußball inspiriertes Bild „Atomists: Jump Over“ mit 82.000 Pfund. An einem extremen Fall von Nostalgie muss der anonyme Käufer leiden, der das metallene Firmenschild von Lehman Brothers erwarb, das einst in der Filiale in Canary Wharf angebracht war. Er setzte sich gegen einen chinesischen Interessenten durch - bei endlich 34.000 Pfund (2000/3000).

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