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Einkaufszettel vom Komponisten : War Beethovens Metronom krank?

  • -Aktualisiert am

Ludwig van Beethoven gehörte zu den allerersten Komponisten, die dem Metronom vertrauten. Auch auf einem Laufzettel für seine Dienerschaft findet sich das Gerät an erster Stelle. In Köln wurde das Blatt versteigert.

          Das Ding war der Traum - man könnte auch sagen: die Ausgeburt - eines zutiefst rationalistisch gestimmten Zeitalters. Mit seinem enervierenden „Tick-tack-tick-tack“ drangsaliert es freilich noch heute so manchen Klavierschüler, der es mit dem musikalischen Gleichmaß nicht allzu genau nehmen mag.

          Zweihundert Jahre ist es demnächst her, dass Johann Nepomuk Mälzel das berüchtigte „Metronom“ erfand. Von 1817 an wurden die ersten dieser Ungetüme in Serie gefertigt; aber schon 1815 hatte sich Mälzel den Mechanismus des mechanischen Zeit- und Taktgebers, eigentlich konstruiert von dem Niederländer Dietrich Nikolaus Winkel, als „sein“ geistiges Eigentum schützen lassen.

          Mälzel war nicht nur sehr findig im Erfinden und erdachte Automaten mit so eigentümlichen Namen wie „Panharmonikon“ oder Puppen, die angeblich „Mama“ und „Papa“ sagen konnten - er wusste diese Errungenschaften auch unter die Leute zu bringen. Seine bis ins Jahr 1792 zurückreichende Freundschaft mit dem fast gleichaltrigen Ludwig van Beethoven nützte ihm dabei besonders; denn auch der Vollender der musikalischen Klassik ließ sich - wie schon Mozart und Haydn - von der epochentypischen Begeisterung für mechanische Instrumente und Chronometer gefangennehmen.

          Kein Wunder, dass Beethoven gleich 1817 zu den allerersten Komponisten gehörte, die ihre Werke mit „Metronomzahlen“ versahen und obendrein öffentliche Empfehlungen für Mälzels Erfindung abgaben. Beethoven versprach sich von dem Wunderticker - und viele bedeutende Komponisten sollten ihm bis in die Gegenwart darin folgen - eine rational messbare und vor allem jederzeit exakt reproduzierbare Bestimmung des musikalischen Tempos.

          Irritiert durch Beethovens Metronomzahlen

          Sie sollte die seit dem 17. Jahrhundert gebräuchlichen Bezeichnungen wie „Allegro“ oder „Adagio“ präzisieren, da diese die gewünschte Ausführungsgeschwindigkeit eines Musikstücks allenfalls vage umrissen. Die Sache hatte nur einen Haken: die Metronome selbst. Im frühen 19. Jahrhundert erwiesen sich die Taktgeber nämlich immer wieder als ausgesprochen störanfällig. Beethoven bemängelt in einem Brief, sein Metronom sei „wankend“, und 1826 ist sein Vertrauen in Mälzels Erfindung sogar so weit gesunken, dass er flucht: „Hohl' der Teufel allen Mechanismus!“

          Tatsächlich schlagen sich Musikwissenschaftler und Interpreten bis heute mit Beethovens originalen Metronomzahlen herum: Viele wirken irritierend schnell, einige - wie die zum Kopfsatz der großen „Hammerklaviersonate“ op. 106 - sind technisch kaum ausführbar oder erscheinen musikalisch widersinnig. Wiederholt wurde deshalb vermutet, Beethoven habe sein Metronom falsch abgelesen, habe die Angaben, bedingt durch den Verlust seines Gehörs, nicht überprüfen können oder sich beim Umrechnen der Werte auf größere oder kleinere Schlageinheiten vertan. Daneben standen aber naturgemäß immer auch die Geräte selbst unter Verdacht.

          „Neue Liebe, neues Leben“

          Diese Diskussion, die für die werk- und stilgetreue Interpretation der Musik von hoher Bedeutung ist, erhält nun neue Nahrung durch einen handschriftlichen Einkaufszettel, der bei den Auktionen mit Büchern und Graphik bei Venator & Handstein in Köln zur Versteigerung gelangte. Der Spickzettel mahnt nicht nur den Erwerb einer „MäuseFall“, einer „ZündMaschine“ sowie „WaschSeife“ und drei „BalbierMeßer“ an, sondern enthält an oberster Position auch den Vermerk „Bejm Met Uhrmacher / ihr / Metronom“ - was sich leicht als Hinweis für den beauftragten Diener deuten lässt, in der Nähe des (stets reichlich frequentierten) Bierhandels gleich noch das Metronom des Meisters aus der Reparatur zu holen.

          Dies passt wiederum zu einem Brief an den Mainzer Schott-Verlag vom März 1825, in dem Beethoven beklagt, sein Metronom sei „krank“ und müsse „vom Uhrmacher wieder seinen gleichen stäten Puls erhalten“. Bei Venator & Hanstein erzielte der brisante Zettel mit 74.000 Euro deutlich mehr als die Taxe von 60.000 Euro. Auch ein weiteres Beethoven-Autograph mit einer frühen Skizze zum Goethe-Lied „Neue Liebe, neues Leben“ (op. 75 Nr. 2) war erfolgreich mit 110.000 Euro (Taxe 90.000) und bestätigte den anhaltenden Trend beim Handel mit Musikerhandschriften.

          Quelle: F.A.Z.

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