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Die Sammlung von Lehman Brothers Lieber Kunst als Derivate

23.09.2010 ·  Zur Insolvenzmasse der Lehman-Bank gehört auch ihre Sammlung zeitgenössischer Kunst, die sie teilweise von Neuberger Berman übernahm. In New York kommen die Spitzen dieser Kollektion unter den Hammer. Sie zeigen die avantgardistische Offenheit der Ankäufer.

Von Lisa Zeitz
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Als vor zwei Jahren Lehman Brothers, eine der größten Investmentbanken der Welt, Insolvenz erklären musste, zogen Schockwellen über den Globus, deren Nachbeben bis heute zu spüren sind. Zur Liquidierung der firmeneigenen Vermögenswerte tragen nun auch die Auktionshäuser bei. Sotheby's versteigert am 25. September in New York Filetstücke der New Yorker Kunstsammlung; Christie's in London hält am 29. September eine Lehman-Brothers-Auktion mit Objekten aus den dortigen Büros ab, die den vielsagenden Untertitel „Artwork and Ephemera“ trägt. Unter dieser Kategorie sind Firmenschilder, Uhren, Spiegel, Schiffsmodelle und historische Landkarten vereint mit chinesischem Porzellan, einem Art-déco-Humidor und den gesammelten Werken von Charles Dickens, in Leder gebunden.

Aber auch Seestücke und Pferdebilder des 19. Jahrhunderts und zeitgenössische Kunst, etwa Druckgraphik von Lucian Freud und Georg Baselitz, sind zu finden - und als Spitzenlos Gary Humes abstrakte „Madonna“ auf grüner Lackfarbe von 1994 (Taxe 80.000/ 120.000 Pfund). Andreas Gurskys „New York Mercantile Exchange“ ist zwar auf dem Cover des Christie's-Katalogs abgebildet, wird aber erst während der Londoner Abendauktion mit Zeitgenossen am 14. Oktober versteigert werden; die Schätzung liegt bei 100.000 bis 150.000 Pfund.

Mitglieder der Lehman-Dynastie gehören zu den größten Kunstsammlern und Mäzenen der Vereinigten Staaten, allen voran der ehemalige Bankdirektor Robert Lehman (1891 bis 1969), nach dem heute ein ganzer Flügel des Metropolitan Museum mit Meisterwerken der Renaissance und des Impressionismus benannt ist. In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts waren drei jüdische Brüder aus der Nähe von Würzburg nach Alabama ausgewandert, wo sie zuerst einen kleinen Kurzwarenladen eröffneten. Das Geschäft weitete sich bald zum lukrativen Baumwollhandel aus. Nach einigen Jahren schon machten sie ihr New Yorker Büro zum Hauptquartier; von dort aus schuf man aus dem Unternehmen im Lauf der nächsten 150 Jahre die einst viertgrößte Investmentbank der Welt mit mehr als 25.000 Angestellten.

Nicht nur stiftete die Firma bis zuletzt regelmäßig hohe Summen für Kunstausstellungen und andere Kulturprojekte - allein im Jahr 2007 soll Lehman Brothers 39 Millionen Dollar gespendet haben -, sondern sie legte auch eine Sammlung an, die zuletzt mehr als 3000 Werke umfasste. In den achtziger Jahren prägte die Kunstberaterin Janice Oresman die Sammlung mit Ankäufen von Arbeiten Louise Nevelsons, Wayne Thiebauds, Frank Stellas und Jasper Johns'. Junge, qualitätsvolle Zeitgenossen stießen hinzu, als Lehman Brothers im Jahr 2003 die Firma Neuberger Berman kaufte und sich deren prominente Sammlung von rund 600 Werken zeitgenössischer Kunst einverleibte.

Frühe Atelierankäufe

Der heute 107 Jahre alte Gründer dieser Firma, Roy Neuberger, ist selbst ein großer Kunstsammler und war schon früh ein Fan von Jackson Pollock. Nach ihm ist das Neuberger Museum an der Universität des Staats New York in Purchase benannt, dem er mehr als 500 Werke schenkte, darunter Gemälde von Edward Hopper, Helen Frankenthaler und vielen anderen. Neubergers Kollege Arthur Goldberg hatte in den neunziger Jahren für die Firma Werke von damals noch wenig bekannten Künstlern wie Damien Hirst und Marlene Dumas gekauft, deren Preise seitdem gen Himmel schossen.

Viele der Arbeiten, die am 25. September bei Sotheby's aufgerufen werden und insgesamt rund zehn Millionen Dollar einspielen sollen, stammen aus der von Lehman Brothers übernommenen Sammlung Neuberger Berman. Sie wurden meist schon kurz nach ihrem Entstehen in den Ateliers angekauft und belegen die avantgardistische Offenheit ihrer Sammler. Im Jahr 2009 hat sich die Firma Neuberger Berman übrigens als Vermögensverwaltungsunternehmen neu formiert und ist immer noch im Besitz eines Teils ihrer Kollektion.

Monumentaler Farb- und Formenwirbel von Julie Mehretu

Sotheby's wird insgesamt 147 Lose unter den Hammer bringen von Sigmar Polke, Fred Tomaselli, Andreas Gursky, Dirk Skreber, Stephan Balkenhol, Kara Walker, Richard Artschwager, Cindy Sherman und vielen anderen. Die höchsten Erwartungen weckt ein fast zwei Meter breites blaues Kabinett von Damien Hirst mit dem Titel „We've Got Style“ aus der Serie „Vessel Collection“ des Jahres 1993. Schon ein Jahr später gelangte das Werk, in dem verschiedene zerbrechliche Keramikgefäße nebeneinander geordnet sind, für einen Bruchteil der nun angesetzten Taxe aus der Londoner White Cube Gallery in die Neuberger Berman Collection; jetzt steht die Schätzung bei 800.000 bis 1,2 Millionen Dollar.

Ebenfalls kurz nach ihrer Fertigstellung im Jahr 2001 kam das mehr als zwei Meter breite Acrylgemälde „Untitled 1“ von Julie Mehretu in die Sammlung und ging gleich darauf mit ihr auf Tournee durch Museen von Seattle im Nordwesten bis Tampa im Südosten der Vereinigten Staaten. Der dreidimensional und fragil wirkende Farb- und Formenwirbel ist auf 600.000 bis 800.000 Dollar geschätzt.

„Einbruch“ von Neo Rauch

Paul Pfeiffers kleiner Bildschirm mit dem Video „Long Count III (Thrilla in Manila)“ stammt aus seiner eindrucksvollen Serie von Werken, auf denen er Sportveranstaltungen bildtechnisch manipuliert hat, so dass die doch entscheidenden Protagonisten fehlen: Bei Muhammad Alis und Joe Fraziers letztem Titelkampf gehen nun unsichtbare Geister aufeinander los. Auge und Ohr des Betrachters nehmen die aufgeladenen Reaktionen des mitfiebernden Publikums umso stärker wahr. Die Arbeit, aus einer Auflage von sechs, ist aus der Zeit um 2000/01 und kam schon ein Jahr später in die Firmensammlung: Mit der oberen Schätzung von 150.000 Dollar wird ein neuer Rekord für den Künstler angepeilt.

Mark Grotjahn, einer der erfolgreichsten Künstler der jüngsten Zeit aus Los Angeles, ist mit seinem mehr als zwei Meter hohen, besonders bunten „Untitled (Three-Tiered Perspective)“ aus dem Jahr 2000 vertreten, das mit 600.000 bis 800.000 Dollar angesetzt ist. Von John Currin stammt das beige getönte Porträt einer „Shakespeare Actress“ von 1991 (Taxe 500.000/700.000 Dollar) und das für ihn ungewöhnliche Stillleben mit zwei Turnschuhen aus dem Jahr 1990 (60.000/80.000). Neo Rauchs hauptsächlich in pompejanischem Rot gehaltene Figurenkonstellation „Einbruch“ aus dem Jahr 1999, in Öl auf Papier in den Maßen 225 mal 195 Zentimeter, soll 400.000 bis 600.000 Dollar kosten.

Von Gerhard Richter finden sich zwei abstrakte Bilder (300.000/400.000 und 200.000/300.000) in der Sammlung, die von den Bankiers in der New Yorker Galerie von Marian Goodman erworben wurden. Auch bei Auktionen kauften sie zuweilen ein: Für John Baldessaris vierteilige Arbeit „Stares (with Lamps)“, eine Collage, die von Stehlampen gerahmt wird, musste man bei Sotheby's 1991 nur knapp 30.000 Dollar investieren; jetzt liegt die Schätzung dafür bei 350.000 bis 450.000 Dollar. Der Erlös der Versteigerung wird den Gläubigern der Lehman Brothers zugutekommen.

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