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Die „Guennol Löwin“ : Wildfein

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Die Altorientalische Raubkatze, um 3000 vor Christus entstanden, übertrifft alles. Die Schönheit aus Kalkstein ist ein einzigartiges Relikt mit Tiefenwirkung. Jetzt wird sie in New York versteigert.

          Tief ist der Brunnen der Vergangenheit: Mit diesem genial schlichten Satz leitet Thomas Mann seine Josephs-Tetralogie ein, eine Zeitreise bis an den Urgrund der Geschichte. Stellvertretend für den Leser spricht er darin von der Furcht, dort „Leuten mit Stirnaugen und Hornpanzern“ zu begegnen.Eines dieser Wesen wurde um 1930 bei Bagdad, möglicherweise aus dem Susa-Tempel von Tell-Agreb, aus der Tiefe geholt. Ein gerade 8,26 Zentimeter messendes Fabelwesen, eine stehende Raubkatze. Was lapidar als „Guennol Löwin“ benannt und als proto-elamitische, etwa 3000 vor Christus entstandene Kalkstein-Statuette identifiziert ist, bannt jeden Betrachter. Von dem berühmten Löwenmenschen, der 2003 in einer Höhle der Schwäbischen Alb gefunden wurde, trennen die Löwin nicht nur die 25 000 Jahre, die dieser älter ist.

          Das steinzeitliche Mischwesen nämlich betrachtet man mit neutralem Wohlgefallen, die elamitische Löwin dagegen lässt sofort eine gefährliche Frau assoziieren. Wir können nicht anders; denn ihre Herkunft weckt im kulturellen Gedächtnis die biblischen Mythen: Elam, ein östlich des Tigris gelegenes altorientalisches Reich, ist im Alten Testament Stätte des Menschheitsbeginns. Dort verortet die Bibel den Garten Eden. Wer vor diesem Hintergrund die Statuette anschaut, die einen nackten weiblichen Körper mit der Angriffslust eines Raubtiers aufreizend vereint, denkt unweigerlich an Lilith, die erste Frau Adams. Blutrünstige Mythen umgeben sie: Aus dem Paradies vertrieben, weil sie Adam nicht untertan sein wollte, wurde Lilith die Gefährtin von Dämonen und Männern, die der Liebesakt mit ihr zu willenlosen Werkzeugen machte. Rächend zerfleischte sie ihre Partner ebenso wie gebärende Frauen.

          Einen Attraktion in jeder Hinsicht

          Einen „Nachtspuk“, geboren aus virilen Albträumen, nennt Thomas Mann sie analytisch mildernd. Ganz im Sinne der „träumerischen Ungenauigkeit des Denkens“, die er der Frühgeschichte zuschreibt, bezieht er Lilith auf Ischtar, die Hauptgöttin des Zweistromlands. Damit kommen auch die Erkenntnisse der Archäologie ins Spiel: Sie weiß, dass Ischtar, die Göttin der Liebe und des Kriegs, Löwen als Wappentiere führte, ja gelegentlich selbst als Löwin auftrat. Rollsiegel und Reliefs des Zweistromlands zeigen Prozessionen aufrecht schreitender, göttlicher Bestien. Was uns darin als verfeinerte Endstufe eines Schamanismus entgegentritt, könnte in der „Guennol Löwin“ eine Zentralgestalt haben.

          Doch dieses zierliche Artefakt, das der erste Blick spontan mit der Raffinesse des Art déco gleichsetzt, ist ungleich freier gestaltet. Die Tierprozessionen aus Babylon und Elams Hauptstadt Susa kombinieren kanonisch Profil- und Frontalansicht. Kopf, Bauch, Unterleib und Beine werden von der Seite, Schultern, Brustkorb und Arme von vorn gezeigt. Dem heutigen Blick erscheinen sie oft ungelenk, wenn nicht gar unfreiwillig komisch - Idolatrie, die befremdete Distanz erzeugt. Die Löwin dagegen zeigt ein sublimes Spiel mit den Perspektiven, kein Standpunkt ist fixiert, jeder gleitet in den anderen über, was strenges Profil ist, kann gleich darauf Frontalstellung sein. Die Haltung der Arme, respektive Vorderpranken, lässt vermuten, dass sie ein Attribut oder eine Opfergabe gehalten hat. Die Gliedmaßen sind extrem muskulös wiedergegeben und rufen doch den Eindruck geschmeidiger Weiblichkeit hervor.

          Rätselhafte Schulterpartie

          Vier Bohrungen über den Pobacken belegen, dass ein Schweif aus anderem Material eingesetzt war, zwei Löcher im hinteren Schädelbereich dürften zum Fixieren eines Kopfputzes gedient haben. Die Beine - Hinterläufe - enden unterhalb des Kniegelenks. Sie wurden ebenfalls in anderem Material fortgesetzt. Zu den Rätseln dieses Kunstwerks zählt der Übergang von Kopf und Nacken zur Schulter. Zwei einwärts gerollte Spiralen überschneiden dort eine gebogene Kerbung. Eine Perücke? Ein Tuch? Eine Mähne? In Schrägsicht scheinen die Spiralen das Gehörn und die breiten Oberarme das Gesicht eines Widders zu formen.

          Die Löwin, so vermuten Experten, könnte zum Ornat eines Stammesfürsten oder Priesters gehört haben, als Ausweis übernatürlicher Kräfte, bannend und apotrophäisch. Über den Abstand von 5000 Jahren hinweg fesselt uns ein Kultgegenstand aus der Frühzeit unserer Zivilisation. Seine eigentliche Magie aber beruht auf der zeitlosen psychischen Grundausstattung des Menschen, die, schwankend zwischen Begehren und Furcht, in der Löwin ihren Ausdruck gefunden hat. Am 5. Dezember wird die „Guennol Löwin“ bei Sotheby's in New York versteigert: Vierzehn bis achtzehn Millionen Dollar fordert sie.

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