http://www.faz.net/-gyz-7fe3n

Christie’s begutachtet das DIA : Verkäufe nicht ausgeschlossen

Die Stadt Detroit ist pleite, aber immer noch reich an Kunstschätzen. Werden jetzt Werke aus dem Detroit Institute of Arts zum Schuldenabbau verkauft? Zwei Experten von Christie’s haben sich in den Ausstellungsräumen umgesehen.

          Vor zwei Monaten machten zwei Experten des Auktionshauses Christie’s einen Rundgang in den Ausstellungsräumen des Detroit Institute of Arts (DIA). Seit die Stadt Detroit im März vom Gouverneur des Staates Michigan unter Zwangsverwaltung gestellt wurde, steht die Möglichkeit eines Verkaufs von Kunstwerken zum Abbau der städtischen Schulden im Raum. Anders als bei vergleichbaren enzyklopädischen Museen ist die Sammlung des 1885 gegründeten DIA Eigentum der Stadt, obwohl diese nichts zu den laufenden Kosten beiträgt. Die beiden Besucher aus New York sahen davon ab, bei der Direktion vorzusprechen, und Christie’s wollte sich nicht dazu äußern, ob die informelle Begehung im Auftrag der Stadt oder eines Gläubigers erfolgte, oder ob man die Delegation aus eigenem Antrieb geschickt hatte, also mit dem acte de présence sozusagen eine Initiativbewerbung einreichte. Der Zwangsverwalter Kevin Orr ließ mitteilen, es gebe keinen Auftrag an Christie’s zur Begutachtung der Sammlung des DIA.

          Patrick Bahners

          Feuilletonkorrespondent in Köln und zuständig für „Geisteswissenschaften“.

          Anfang der Woche hat die Stadt nun bekanntgegeben, dass man dem Auktionshaus einen solchen Auftrag erteilt hat. Ein Honorar von 200.000 Dollar wurde vereinbart. Orrs Sprecher versichert, es gebe keinen „Plan“ für Kunstverkäufe. Andererseits will der Zwangsverwalter auch eine Liquidation der Sammlung ausdrücklich nicht ausschließen. Christie’s soll auch Alternativvorschläge zu einer Veräußerung von Beständen ausarbeiten. Offenbar ist daran gedacht, Spitzenstücke als Sicherheiten für neue Kredite einzusetzen. Orr, ein Rechtsanwalt aus Florida, der an der Universität von Michigan studierte, hat das DIA noch nicht besucht und möchte das Aufsehen vermeiden, das sein Erscheinen in diesen Tagen auslösen müsste. Gegenüber der Lokalpresse präsentiert er sich als Kunstliebhaber und Sammler. Er habe sogar vor vielen Jahren einen Kunstgeschichtskurs belegt, erzählt er, und er weiß, dass im DIA „das Zeug ist, von dem ich gelesen habe“.

          Das DIA besitzt Werke von Bruegel, Matisse und van Gogh

          Die Vorstellungen eines Laien sprechen aus Orrs Hinweis, viele Werke hätten die Besucher seit Jahrzehnten nicht zu Gesicht bekommen. Zuerst müsse man herausfinden, von welchen Werten überhaupt die Rede sei. Die Begutachtung durch Christie’s soll sich auf solche Werke beschränken, deren Veräußerung keine Verfügungen von Stiftern entgegenstehen. 35.000 der 60.000 Stücke der Sammlung sind nach Orrs Angaben in diesem Sinne unbeschränktes Eigentum der Stadt. In der Betriebsvereinbarung der Stadt mit dem Museum sind Verkäufe untersagt. Der Zwangsverwalter darf allerdings alle Verträge kündigen.

          Zu den mit städtischen Mitteln erworbenen Bildern gehören der „Hochzeitstanz“ von Pieter Bruegel d.Ä., ein Selbstporträt von van Gogh und „Das Fenster“ von Matisse, die alle in der goldenen Zeit der Automobilindustrie unter dem aus Deutschland gebürtigen Direktor Wilhelm Valentiner in die Sammlung gelangten. Die Regierungsbezirke des Umlands von Detroit, die erst im vergangenen Jahr durch Volksabstimmung eine Erhöhung der Grundsteuer zur Finanzierung des Museumsbetriebs beschlossen hatten, drohen für den Fall der Dezimierung der Sammlung mit der Streichung dieser Zuschüsse.

          Am 18. Juli hat die Stadt Detroit den Antrag auf Insolvenz gestellt. Herr des Verfahrens ist nun Richter Steven Rhodes vom U.S. Bankruptcy Court für den östlichen Teil von Michigan. Welches Gewicht er der vom Justizminister des Bundesstaates geäußerten Rechtsauffassung geben wird, die Sammlung sei unverkäuflich, da die Stadt sie als Treuhänderin der Öffentlichkeit besitze, ist ungewiss. Wichtiger dürfte sein, dass eine Gebietskörperschaft, die nach Kapitel 9 des amerikanischen Insolvenzrechts eine Reduzierung ihrer Verbindlichkeiten anstrebt, anders behandelt wird als ein zahlungsunfähiges Unternehmen. Da Bürgern im Unterschied zu Angestellten nicht gekündigt werden kann, scheidet eine Verteilung des Gemeindevermögens an die Gläubiger aus. Gemäß dem zehnten Zusatz zur Bundesverfassung finden die Anordnungen des Gerichts ihre Schranken in der Selbstverwaltung der Gemeinde, die nicht abgewickelt werden kann wie ein Firmenkonstrukt.

          Für das Schicksal des Museums könnte sich diese Privilegierung des öffentlichen Schuldners als zweischneidig erweisen. Wenn die Stadt die Kunstsammlung dem Kernbestand der Besitztümer zuschlägt, die ihre Identität ausmachen, werden die Gläubiger vermutlich keinen Verkauf erzwingen können. Umgekehrt sähe sich der Richter aber womöglich daran gehindert, gegen eine erklärte Verkaufsabsicht der Stadt das Interesse der Bürgerschaft an der Fortexistenz der Sammlung zur Geltung zu bringen, auch wenn gegen den zu erwartenden Erlös mindestens die Nachteile für den Tourismus abzuwägen sind.

          Weitere Themen

          Wenn der kleine Prinz wartet

          Pariser„Aristophil“-Sammlungen : Wenn der kleine Prinz wartet

          Sie hätten Investoren viel Geld einbringen sollen: In Paris kommen die ersten Handschriften und Bücher aus den „Aristophil“-Sammlungen unter den Hammer. Darunter finden sich Notizen und Briefe von Strawinsky und Bach über Gauguin und Manet bis zu Antoine de Saint Exupéry.

          „Land unter" in Michigan Video-Seite öffnen

          Heftige Regenfälle : „Land unter" in Michigan

          Heftige Regenfälle hatten dazu geführt, dass Straßen völlig überflutet wurden. Und obwohl die Behörden Warnmeldungen herausgaben, hielten sich einige Fahrer nicht an die Hinweise, die Hauptverkehrswege zu meiden.

          40 Jahre Haft für Autofahrer Video-Seite öffnen

          Nach Drogen-Unfall : 40 Jahre Haft für Autofahrer

          Das hat ein amerikanisches Gericht in Michigan nun entschieden. Für einen Unfall mit vier Todesopfern. Der 52-Jährige ist vor zwei Jahren unter Drogeneinfluss in eine Gruppe Fahrradfahrer gerast. Ein Überlebender zeigt sich sichtlich erleichtert.

          Topmeldungen

          Asyl und Euro : Merkel spaltet die Europäische Union

          Die Bundeskanzlerin pocht darauf, mit ihrem Alleingang in der Flüchtlings- und Euro-Rettungspolitik alles richtig gemacht zu haben. Die Folgen sind gewaltig – für Deutschland, die EU, Arabien und Afrika. Ein Kommentar.

          DSGVO : Selbst Anwälte sind ratlos über die neuen Datenschutzregeln

          Die DSGVO lässt selbst Juristen ratlos zurück: Welche Datenschutz-Pflichten haben Konzerne jetzt? Die Unsicherheit dürfte ein Grund dafür sein, dass die befürchtete Abmahnwelle bisher ausgeblieben ist.

          Blogs | Schlaflos : Immer diese stolzen Eltern

          Babyfüße hier, schlaue Kindersprüche da: Die sozialen Medien quellen über vor Familien-Beiträgen. Interessieren die überhaupt jemanden – außer der Familie selbst?

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.