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Veröffentlicht: 09.08.2013, 15:59 Uhr

Christie’s begutachtet das DIA Verkäufe nicht ausgeschlossen

Die Stadt Detroit ist pleite, aber immer noch reich an Kunstschätzen. Werden jetzt Werke aus dem Detroit Institute of Arts zum Schuldenabbau verkauft? Zwei Experten von Christie’s haben sich in den Ausstellungsräumen umgesehen.

von , New York

Vor zwei Monaten machten zwei Experten des Auktionshauses Christie’s einen Rundgang in den Ausstellungsräumen des Detroit Institute of Arts (DIA). Seit die Stadt Detroit im März vom Gouverneur des Staates Michigan unter Zwangsverwaltung gestellt wurde, steht die Möglichkeit eines Verkaufs von Kunstwerken zum Abbau der städtischen Schulden im Raum. Anders als bei vergleichbaren enzyklopädischen Museen ist die Sammlung des 1885 gegründeten DIA Eigentum der Stadt, obwohl diese nichts zu den laufenden Kosten beiträgt. Die beiden Besucher aus New York sahen davon ab, bei der Direktion vorzusprechen, und Christie’s wollte sich nicht dazu äußern, ob die informelle Begehung im Auftrag der Stadt oder eines Gläubigers erfolgte, oder ob man die Delegation aus eigenem Antrieb geschickt hatte, also mit dem acte de présence sozusagen eine Initiativbewerbung einreichte. Der Zwangsverwalter Kevin Orr ließ mitteilen, es gebe keinen Auftrag an Christie’s zur Begutachtung der Sammlung des DIA.

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Anfang der Woche hat die Stadt nun bekanntgegeben, dass man dem Auktionshaus einen solchen Auftrag erteilt hat. Ein Honorar von 200.000 Dollar wurde vereinbart. Orrs Sprecher versichert, es gebe keinen „Plan“ für Kunstverkäufe. Andererseits will der Zwangsverwalter auch eine Liquidation der Sammlung ausdrücklich nicht ausschließen. Christie’s soll auch Alternativvorschläge zu einer Veräußerung von Beständen ausarbeiten. Offenbar ist daran gedacht, Spitzenstücke als Sicherheiten für neue Kredite einzusetzen. Orr, ein Rechtsanwalt aus Florida, der an der Universität von Michigan studierte, hat das DIA noch nicht besucht und möchte das Aufsehen vermeiden, das sein Erscheinen in diesen Tagen auslösen müsste. Gegenüber der Lokalpresse präsentiert er sich als Kunstliebhaber und Sammler. Er habe sogar vor vielen Jahren einen Kunstgeschichtskurs belegt, erzählt er, und er weiß, dass im DIA „das Zeug ist, von dem ich gelesen habe“.

Das DIA besitzt Werke von Bruegel, Matisse und van Gogh

Die Vorstellungen eines Laien sprechen aus Orrs Hinweis, viele Werke hätten die Besucher seit Jahrzehnten nicht zu Gesicht bekommen. Zuerst müsse man herausfinden, von welchen Werten überhaupt die Rede sei. Die Begutachtung durch Christie’s soll sich auf solche Werke beschränken, deren Veräußerung keine Verfügungen von Stiftern entgegenstehen. 35.000 der 60.000 Stücke der Sammlung sind nach Orrs Angaben in diesem Sinne unbeschränktes Eigentum der Stadt. In der Betriebsvereinbarung der Stadt mit dem Museum sind Verkäufe untersagt. Der Zwangsverwalter darf allerdings alle Verträge kündigen.

Zu den mit städtischen Mitteln erworbenen Bildern gehören der „Hochzeitstanz“ von Pieter Bruegel d.Ä., ein Selbstporträt von van Gogh und „Das Fenster“ von Matisse, die alle in der goldenen Zeit der Automobilindustrie unter dem aus Deutschland gebürtigen Direktor Wilhelm Valentiner in die Sammlung gelangten. Die Regierungsbezirke des Umlands von Detroit, die erst im vergangenen Jahr durch Volksabstimmung eine Erhöhung der Grundsteuer zur Finanzierung des Museumsbetriebs beschlossen hatten, drohen für den Fall der Dezimierung der Sammlung mit der Streichung dieser Zuschüsse.

Am 18. Juli hat die Stadt Detroit den Antrag auf Insolvenz gestellt. Herr des Verfahrens ist nun Richter Steven Rhodes vom U.S. Bankruptcy Court für den östlichen Teil von Michigan. Welches Gewicht er der vom Justizminister des Bundesstaates geäußerten Rechtsauffassung geben wird, die Sammlung sei unverkäuflich, da die Stadt sie als Treuhänderin der Öffentlichkeit besitze, ist ungewiss. Wichtiger dürfte sein, dass eine Gebietskörperschaft, die nach Kapitel 9 des amerikanischen Insolvenzrechts eine Reduzierung ihrer Verbindlichkeiten anstrebt, anders behandelt wird als ein zahlungsunfähiges Unternehmen. Da Bürgern im Unterschied zu Angestellten nicht gekündigt werden kann, scheidet eine Verteilung des Gemeindevermögens an die Gläubiger aus. Gemäß dem zehnten Zusatz zur Bundesverfassung finden die Anordnungen des Gerichts ihre Schranken in der Selbstverwaltung der Gemeinde, die nicht abgewickelt werden kann wie ein Firmenkonstrukt.

Für das Schicksal des Museums könnte sich diese Privilegierung des öffentlichen Schuldners als zweischneidig erweisen. Wenn die Stadt die Kunstsammlung dem Kernbestand der Besitztümer zuschlägt, die ihre Identität ausmachen, werden die Gläubiger vermutlich keinen Verkauf erzwingen können. Umgekehrt sähe sich der Richter aber womöglich daran gehindert, gegen eine erklärte Verkaufsabsicht der Stadt das Interesse der Bürgerschaft an der Fortexistenz der Sammlung zur Geltung zu bringen, auch wenn gegen den zu erwartenden Erlös mindestens die Nachteile für den Tourismus abzuwägen sind.

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