14.01.2012 · Wo kauft ein Schweizer seinen Sammelband von Marx und Engels? Im Berliner Auktionshaus Bassenge - und auch britische und russische Buchliebhaber boten dort erfolgreich.
Von Camilla Blechen, BerlinWenn es um den vergötterten Nationaldichter Alexander Puschkin geht, ignoriert der passionierte russische Literaturliebhaber jede finanzielle Hürde. Im Rahmen der Buchauktion bei Bassenge kletterte das tränenselige Liebeslied „Die Fontäne von Bachtschissarai“ von 14.000 auf 49.000 Euro, die ein in Berlin ansässiger russischer Verleger bewilligte, ehe er einen 1831 in St. Petersburg erschienenen Novellenzyklus seines Favoriten von 8000 auf 25.000 Euro emporhob. In eine Münchner Privatsammlung wanderte für 80.000 Euro (Taxe 100.000) Heinrich von Laufenbergs 1491 in Augsburg ediertes, illustriertes Gesundheitsbrevier „Versehung des Leibes“, während die ebenfalls unter den Inkunabeln positionierten Schriften des heiligen Augustinus aus der Mainzer Offizin von Johannes Fust und Peter Schöffer zurückgenommen werden mussten.
Handel aus London erwarb für 20.000 Euro (25.000) Paul-Émile Bottas Bericht über eine Grabungskampagne am Ufer des Tigris, wo der vormals als französischer Konsul in Mosul tätig gewesene Amateurarchäologe das assyrische Ninive zu finden geglaubt hatte - was sich als Irrtum herausstellen sollte. Heiß umkämpft war ein Sammelband mit elf Schriften von Karl Marx und Friedrich Engels aus dem persönlichen Besitz der Tochter des „Kapital“-Verfassers, deren Kosename „Tussy“ lautete: Widmungen und Besitzvermerke ließen die schließlich von einem Schweizer Bieter erworbene Publikation von 2500 auf 13.000 Euro schnellen. Die Erstausgabe von Friedrich Nietzsches Vorspiel einer Philosophie der Zukunft „Jenseits von Gut und Böse“ stieg von 300 auf 2200 Euro. Mühelos Abnahme fanden bei moderaten Preisen 200 Illustrationsvorlagen zu den „Reiseerzählungen“ Karl Mays; eine Gesamtausgabe dieser Ethno-Mythen fiel für 10.000 Euro (3500) einem Schweizer Privatier zu.
Beim Ausruf von Buchkunst der Moderne erzielten Walter Schnackenbergs Kostümentwürfe für Ballett und Pantomime 6600 Euro. Alfred Döblins „Stiftsfräulein“ mit den Holzschnitten Ernst Ludwig Kirchners spielte 4400 Euro (2500) ein. Der von El Lissitzky typographisch überzeugend gestaltete Katalog des Sowjet-Pavillons auf der Kölner „Pressa“ von 1928 war einem New Yorker Händler die Anlage von 2800 Euro (1600) wert. Das in Herwarth Waldens „Sturm“-Verlag erschienene „MA-Buch“ mit Gedichten des Ungarn Lajos Kassák wurde bei 2400 Euro einem Wiener Sammler zugeschlagen.
Kein öffentliches und auch kein privates Interesse schützte Honeckers Entwurf zu einer unglaubwürdigen Verteidigungsrede vor dem sang- und klanglosen Rückgang. Kafkas postalische Botschaft an Max Brod verbesserte sich von 15.000 auf 25.000 Euro, ein Brief Friedrichs des Großen an den französischen Freund Voltaire von 7500 auf 12.000 Euro. Bei 35.000 Euro (20.000) vom süddeutschen Handel übernommen wurden dreizehn durch Federzeichnungen aufgewertete Briefe von Matisse. Die Berliner Akademie der Künste erwarb für 2200 Euro (1600) sieben aufschlussreiche Mitteilungen Heinrich Zilles an den Bildhauer August Kraus, in denen es über weite Strecken um das „Dauerthema“ geht: die Krankheiten des vom proletarischen „Milljöh“ gefesselten, ingeniösen Zeichners.