15.01.2012 · Bei Zisska & Schauer und Hartung & Hartung stahlen Fotografie und Graphik den Büchern die Schau - die Ergebnisse der beiden Münchner Buchauktionen.
Von Brita Sachs. MünchenDies sprang ins Auge bei den Münchner Antiquariats-Auktionen: Die höchsten Resultate brachten sowohl bei Hartung & Hartung als auch bei Zisska & Schauer nicht Bücher und Text, sondern Bilder. So wurde Hartungs Toplos, Dürers berühmter Kupferstich „Ritter, Tod und Teufel“ als hervorragender Frühdruck, wenn auch mit leichten Knickspuren, aus jahrzehntelangem Privatbesitz eingeliefert und mit 58.000 Euro (Taxe 50.000) von einem Schweizer Privatgebot honoriert.
Bei Zisska & Schauer überraschte das um 1890 geklebte „Album Photographique de la Perse par L. Pesce“: Die 32 in und um Persepolis entstandenen Aufnahmen trieb französischer Handel von 600 auf 44.000 Euro. Pesce scheint eine Neuentdeckung auf dem Fotomarkt zu sein, kurz vor der Münchner Auktion erzielte eine seiner Bildsuiten in Paris einen ähnlich hohen Preis.
Werke zum Mittleren und Fernen Osten blieben überhaupt auf Erfolgskurs: Zunächst entzückte eine indische Handschrift der aus dem Sanskrit in Rajasthani übersetzten „Hitopadesha“. Im späten 18. Jahrhundert könnte dieses Exemplar der Märchensammlung für einen Fürstenhof in Jodhpur angelegt und mit feinen Miniaturen zu Mythologie, Krieg und Erotik illustriert worden sein. Da waren 15.000 Euro nicht genug, bei 42.000 Euro erst setzte sich ein Schweizer Privatinteressent durch. Die „History of oriental Carpets . . .“ von F. R. Martin ist ein monumentaler, 1906/08 in Wien gedruckter und vom Stockholmer Hofbuchbinder Hedberg prächtig umhüllter Band, der prompt auf 17.000 Euro (12.000) zog. Wie mehrmals in dieser Auktion tat auch bei der Orient-Literatur ein Konvolut einen großen Satz nach vorn: 550 Bände - oder besser Rücken; denn um die geht es gewöhnlich bei solchen Buchmasse-Verkäufen - schnellten von 2500 auf 16.000 Euro.
Im Okzident, im Erzbistum Salzburg, schrieb jemand um 1450 fromme Texte des Nikolaus von Lyra ab, betitelt „In Nomine Domini amen“ und noch im ursprünglichen Einband steckend: Für 17.000 Euro (10.000) übernahm sie ein Bieter, dem Herbert Schauer auch eine Epistelauswahl des Hieronymus für 9000 Euro (6000) zuschlug; diese 1435 fabrizierte Handschrift trug den Besitzvermerk „Waldaufficae fundationis“. Wie berichtet sorgten auch Inkunabeln und 170 spätere Drucke aus dieser gotischen Bibliotheksstiftung der Pfarrgemeinde Hall in Tirol für Aufsehen, weil nach kriegsbedingter Auslagerung in Privathäuser von dort nie mehr zurückgegebene Bände die Bestände empfindlich dezimierten.
Hier und dort tauchten aber solche Bände im Handel auf; trotz seiner angekündigten Bemühungen konnte der zuständige Pfarrer keine Bände zurückholen: Als teuerster schnitt nun mit 10.000 Euro (6000) der Straßburger Druck einer Predigtlehre des Dominikaners Martin von Troppau ab. Mehr Glück hatten zwei von der Benediktinerabtei Michaelbeuern und der Salzburger Erzabtei St. Peter entsandte Patres. Sie ergatterten eine ganze Reihe von Werken der Michaelbeuerner Bibliothek, aus der in den zwanziger Jahren Zehntausende Bände verschleudert worden sein sollen - zu Kilopreisen. Höchstbezahlt unter rund 200 dieser Bände schnitt jetzt Schönlebens „Carniola antiqua et nova“ ab: Die Geschichte des Herzogtums Krain mit begehrten Karten reist für 6000 Euro (2000) nach Slowenien. Für mehr ging ein weiteres Konvolut: 450 Rücken aus Michaelbeuern schob der Handel von 2000 auf 18.500 Euro.
In der naturwissenschaftlichen Abteilung stiegen Weinmanns „Eigentliche Vorstellung gesammleter Pflantzen“ in Erstausgabe trotz fehlender Tafeln von 20.000 auf 26.000 Euro und J. S. Winterschmidts „Fein ausgemalte landwirthschaftliche Naturprodukte“ von 800 auf 6000 Euro. Ein rasanter Aufstieg gelang auch der seltenen Kassette „Gustav Klimt, Das Werk“ von 1918 mit fünfzig Tafeln, als ein Wiener Privatsammler die Bewertung mit 16.000 Euro mehr als verzehnfachte.
Handschriftliche Memorabilia setzten bei Hartung & Hartung Pointen. Einer der letzten Briefe des Bayernkönigs Ludwig II. vor seinem Tod im See, ein gefühlsgeladenes Schreiben an den Vertrauten Karl Hesselschwerdt, ergatterte die Bayerische Staatsbibliothek günstig für 3600 Euro (4000), deutscher Autographenhandel hingegen musste für einen dicken Packen Schriftsteller-Autogramme von Jean Anouilh bis Stefan Zweig nach heftigem Gefecht 13.000 Euro (1800) bewilligen. Ein Katalognachtrag listete kostbare, wenn auch nicht alle Preisvorstellungen erfüllende Inkunabeln, die ungewöhnlicherweise auch fernöstliches Interesse weckten: Jacobus de Voragines „Legenda aurea“ in seltener Ausgabe von 1478 ging für 8000 Euro (5000) an denselben japanischen Sammler wie Evangelienkommentare des Johannes Chrysostomos für 7000 Euro (4000).
Einen hübschen Predigtband des Robertus Caracciolus von 1489, der wohl im Lesesaal des Ulmer Klosters Weissenau an der Kette lag und sogar noch sein altes Lesezeichen mit Christusbild enthält, nahm deutscher Handel für 5800 Euro (7000). Eine weitere Predigtsammlung, Conrad Gritschs „Quadragesimale“ in zweiter Auflage, wechselte bei 16.000 Euro (15.000) ebenso in deutschen Privatbesitz wie ein im Jahr 1500 bei Hanns Schönsperger gedrucktes, mit altkolorierten Holzschnitten staffiertes „Plenarium“, das einst in der Bibliothek des berühmten Londoner Antiquars William Alfred Foyle stand; es kostete 17.000 Euro (25.000). Absolut Überraschendes geschah mit Montaignes „Essais divisez en trois livres“ in einer Lyoner Auflage von 1595: Im Kampf um die in Frankreich sehr gefragten sittlichen Betrachtungen mit günstiger Taxe von 1800 Euro ließen zwei französische Händler nicht locker, bis einer von ihnen bei 42.000 Euro klein beigab.