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Bilanz England Was richtig gut ist, wird auch richtig teuer

09.03.2010 ·  In England kam es 2009 zur Talfahrt. Aber kluge Strategien ließen die schlimmsten Befürchtungen ausbleiben. Die ersten Auktionen des jungen Jahres indizieren eine Erholung.

Von Anne Reimers, London
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Umsatzeinbrüche sorgten in der ersten Jahreshälfte 2009 bei den Londoner Abendauktionen mit moderner und zeitgenössischer Kunst für Schlagzeilen. Eine angepasste Strategie und ein Endspurt von Oktober bis Dezember halfen jedoch noch bei einen recht beachtlichen Abschluss. Mit einem stark reduzierten Umfang der Versteigerungen und weniger Spitzenlosen mit Erwartungen im zweistelligen Millionenbereich blieben die Verkaufsraten oft überraschend hoch, und einzelne Werke weisen sogar bemerkenswerte Steigerungen und Rekorde auf.

Das sorgte für Vertrauen bei den Einlieferern, und der niedrige Wert des Pfunds gegenüber dem Euro half dabei, die Käufer anzulocken und Preiskorrekturen weniger augenfällig zu machen. Nach den Altmeister-Auktionen im Dezember bei Christie's konnte London sogar mit Raffaels „Kopf einer Muse“ auf Papier und einem Einsatz von 29,2 Millionen Pfund (umgerechnet 47,9 Millionen Dollar) das teuerste Los des Auktionsjahres weltweit vorweisen.

Verborgen im schwedischen Konsulat

Besonders der Verkauf von marktfrischen Objekten aus publikumswirksamen Sammlungen - wie der Inhalt von Gianni Versaces Villa am Comer See bei Sotheby's im März - sorgte für Erfolge; berühmte Provenienz erhöht die Zahlungsbereitschaft. Im November konnte Sotheby's damit sogar zwei „white glove sales“ vorweisen, das sind Veranstaltungen, bei denen alle Lose verkauft werden. Dazu gehörten die „Romanov Heirlooms: Das verlorene Erbe der Großherzogin Maria Pavlova“, inklusive Fabergé-Zigarettenetui und andere persönliche Gegenstände, die nach 91 Jahren aus ihrem Versteck im schwedischen Konsulat aufgetaucht waren.

Sie spielten im November sieben Millionen Pfund ein; die Gesamtschätzung hatte bei 600.000 bis 900.000 Pfund gelegen. Ebenso erging es der Sammlung des Schauspielers und Regisseurs und seiner Frau „Lord und Lady Attenborough“ mit fünfzig britischen Kunstwerken: Insgesamt 4,6 Millionen Pfund wurden umgesetzt, bei einer Erwartung von 1,9 bis 2,9 Millionen.

Aus der Sammlung der Adelsfamilie March

Die Leitzinsen liegen in England noch bei 0,5 Prozent, und die Regierung pumpte bis vor kurzem mit ihrem „Quantitative Easing“-Programm so viel Geld in die Wirtschaft, dass Mittel für Investitionen billig zu haben waren. Die Kunst blieb als langfristige Geldanlage in unsicheren Zeiten attraktiv. Neben den Alten Meistern war Kunsthandwerk gefragt: Ein Höhepunkt bei Christie's in London war ein rares Prunk-Kabinett, entstanden zwischen 1665 und 1675, getragen von sechs vergoldeten Bronzefiguren und mit Pietra-Dura-Inkrustation, das dem Italiener Domenico Cucci und der Manufaktur Ludwigs XIV. in Paris zugeschrieben ist.

Das Kabinett aus der Sammlung der Mailänder Adelsfamilie March, eine von nur drei noch existierenden Cucci-Arbeiten dieser Art, wurde mit einem Zuschlag bei vier Millionen Pfund (Taxe „in the region of“ 4 Millionen) zu einem der teuersten jemals verkauften Möbel. Für eine Überraschung sorgte auch ein auf 60.000 bis 100.000 Pfund taxierter Augsburger Kabinettschrank des späten 16. Jahrhunderts. In seiner schlichten Kastenform, verziert mit einer phantastischen Motivwelt aus kunstvollen Intarsien, ist er dem berühmten „Augsburger Wrangelschrank“ verwandt; ein Kenner übernahm ihn beim Gebot von 900.000 Pfund.

Monets Gemälde „Dans la prairie“

Weniger erfolgreich lief es bei Christie's für die Zeitgenossen: Nachdem im Februar ein Gemälde von Francis Bacon mit einer Schätzung von vier bis sechs Millionen Pfund abgelehnt wurde, mauserte sich Peter Doigs „Night Playground“ im Juni mit einem Hammerpreis von 2,65 Millionen Pfund (Taxe 1,5/2 Millionen) zum Spitzenlos des Jahres bei Christie's in dieser Sparte. Im Oktober feierte man Erfolge mit Martin Kippenbergers „Paris Bar“ für zwei Millionen Pfund (800.000/1,2 Millionen) und einem Künstlerrekord Neo Rauch mit „Stellwerk“ bei 760.000 Pfund (350.000/ 450.000).

Ein Vergleich der Gesamtumsätze der Abendauktionen mit zeitgenössischer Kunst vor, während und nach der Finanzkrise zeigt aber den Unterschied: Christie's setzte im Februar 2008 stolze 72,9 Millionen Pfund mit 37 Losen um; das Spitzenlos war ein „Triptych“ von Francis Bacon für 23,5 Millionen Pfund (Taxe um 25 Millionen). Im Februar 2009 spielten 23 verkaufte Lose gerade mal 8,39 Millionen. Zu Beginn dieses Jahres lief es wieder besser: Gerade setzte der Evening Sale mit 46 Losen 39,1 Millionen Pfund um.

Teuerstes Los der Kategorie Impressionismus und Moderne - für Christie's wie Sotheby's weltweit die umsatzstärkste Kategorie 2009 - wurde bei Christie's Monets „Dans la prairie“ von 1876 für zehn Millionen Pfund, die Erwartung lag „in the region of“ fünfzehn Millionen Pfund. Christie's London führte den Umsatz des Hauses in Europa mit 524,3 Millionen Pfund an, es folgen Paris, Amsterdam, Italien und die Schweiz. Der Hauptsitz in der King Street setzte mit 450,5 Millionen Pfund dabei jedoch ganze fünfzig Prozent weniger um als im Jahr 2008 (sogar 57 Prozent weniger in Dollar); der Gesamtumsatz in Europa sank dagegen insgesamt nur um siebzehn Prozent (um 28 Prozent in Dollar).

Lucio Fontana führt bei den Zeitgenossen

Bei Phillips de Pury wurden die teuersten Lose in Großbritannien im Kernsegment mit jüngster zeitgenössischer Kunst vermittelt: Basquiats „Year of the Boar“ zum Hammerpreis von 950.000 Pfund (900.000/1,2 Millionen) war der Spitzenreiter im Oktober und Ed Ruschas „That Was Then This Is Now“ von 1989 für 600.000 Pfund (600.000/800.000) im Juni. Das Spitzenlos der Februar-Auktion - Jeff Koons' Basket- und Fußbälle „Five Encased Rows“ (Taxe 1,8/2,2 Millionen) - war zurückgegangen. Der Gesamtumsatz der drei Londoner Abendauktionen (ohne Tagesauktion) mit zeitgenössischer Kunst fiel von 57,9 Millionen im Jahr 2008 (für 221 verkaufte Lose) um mehr als 75 Prozent auf 13,4 Millionen Pfund (für 98 Lose) 2009. Phillips de Pury hat 2009 neue Themenauktionen eingeführt, die 2010 weiter ausgebaut werden sollen: Dazu gehörten zum Beispiel „Music“ oder „Now: Art of the 21st Century“, die im September in London nahezu 1,4 Millionen Pfund mit 177 Werken unter 100.000 Pfund einspielte. Für dieses Jahr sind Auktionen mit den Themen „Sex“, „BRIC“ (das steht für Brasilien, Russland, Indien, China), „Italia“ und „Africa“ geplant.

Das teuerste zeitgenössische Los des Jahres in London überhaupt wurde ein „Concetto Spaziale“ Lucio Fontanas aus der Venezia-Serie, das im Februar bei Sotheby's zum Hammerpreis von 3,9 Millionen Pfund (Taxe 5/7 Millionen) vermittelt wurde. Auch bei der Moderne stellte Sotheby's das Spitzenlos für London: Ein asiatischer Privatsammler bescherte im Februar mit dem Einsatz von 11,8 Millionen Pfund (9/12 Millionen) für die bronzene Tänzerin im Musselin-Röckchen, „Petite danseuse de quatorze ans“, den aktuellen Auktionsrekord für eine Degas-Skulptur. Einen weiteren Künstlerrekord gab es hier für einen Alten Meister: Anthony van Dycks „Selbstporträt“ auf Leinwand stieg im Dezember auf 7,4 Millionen Pfund durch die Partnerschaft des amerikanischen Sammlers Alfred Bader und des Londoner Händlers Philip Mould - fast das Vierfache der unteren Taxe von zwei Millionen Pfund.

Erfolge jenseits reiner Kunstauktionen

Die Umsatzzahlen von Sotheby's machen die veränderte Lage allerdings ebenfalls deutlich: 2007 setzte die Firma in London 1,9 Milliarden Pfund in Auktionen um, 2008 war es noch mehr als eine Milliarde Pfund; im Jahr 2009 lag der Umsatz bei 432,6 Millionen Pfund. Bei den Zeitgenossen war auch bei Sotheby's der Rückgang des Auktionsvolumens besonders stark: Im Februar 2008 setzte die Abendveranstaltung mit 66 Losen 95,03 Millionen Pfund um - ein europäischer Auktionsrekord; im Februar 2009 wurden 25 Lose für 17,897 Millionen Pfund vermittelt. Bei der aktuellen Februar- Auktion sorgten 71 verkaufte Lose für einen Umsatz von 54,07 Millionen, womit sich der Durchschnittspreis gegenüber 2009 allerdings nur leicht erhöht hat.

Auch das Londoner Auktionshaus Bonhams meldet Erfolge: Man habe in Großbritannien 2009 die Marktführerschaft in zehn Kategorien übernommen, darunter Antiquitäten, Waffen, Keramik und Porzellan, Uhren und Armbanduhren, Glas und Schmuck, so heißt es. Dies ist auch darauf zurückzuführen, dass Christie's und Sotheby's Luxusgüter wie Uhren und Schmuck, außer in der Schweiz, nun vermehrt in Hongkong oder dem Mittleren Osten versteigern. Vier von Bonhams weltweiten Top Ten wurden in England verkauft, darunter zwei Alte Meister: Ein Stillleben mit Blumen von Johannes Christianus Roedig erzielte 1,05 Millionen Pfund (700.000/900.000), und für eine auf 135.000 bis 250.000 Pfund geschätzte Tiber-Ansicht mit Blick auf Castel Sant Angelo in Rom fiel der Hammer erst bei spektakulären 1,15 Millionen Pfund.

Im Katalog noch als Werk Andrea Locatellis aufgeführt, war das Gemälde offenbar kurz zuvor als von Giuseppe Zocchi identifiziert worden. Ein Erfolg, mit dem Bonhams seine Marktführerschaft im Bereich Porzellan in London ausbauen konnte, war der Verkauf des ersten Teils der Meissen-Sammlung der Hamburger Brüder Hoffmeister für 1,09 Millionen Pfund innerhalb der Gesamttaxe (es wurden 73 Prozent der Lose verkauft). Den höchsten Zuschlag konnten sich ein paar Vasen aus dem Japanischen Palais in Dresden mit 85.000 Pfund sichern, weitere Teile der Sammlung sollen in diesem Jahr folgen.

Keine guten Prognosen

Das auf russische Kunst spezialisierte, erst 2004 gegründete Londoner Auktionshaus MacDougall's baut unterdessen seinen Marktanteil in dieser Kategorie aus und liegt weltweit an dritter Stelle. Der Auktionsumsatz im Jahr 2009 blieb mit rund 17,5 Millionen Pfund nicht weit hinter den zwanzig Millionen Pfund, die 2008 umgesetzt wurden. Zu den teuersten Werken 2009 gehörten Ilya Repins „Portrait of Madame Alisa Rivoir“ - es erreichte im Juni seine obere Taxe von 1,2 Millionen - sowie das Gemälde „Sangacheling“ von Nicholas Roerich, gemalt um 1924, das im Dezember zum Hammerpreis von 950.000 Pfund, deutlich über der Taxe von 500.000 bis 700.000, vermittelt wurde. Es wurde zum teuersten Werk der Londoner Dezember-Woche mit russischer Kunst, in der MacDougall's 9,4 Millionen Pfund umsetzte (Sotheby's 19,4 Millionen, Christie's 8,9 Millionen und Bonhams 1,9 Millionen Pfund).

Derweil sind die Wirtschaftsprognosen für Großbritannien nicht gerade rosig: Der angesehene „Ernest and Young Item Club“ gab vor ein paar Wochen bekannt, man sehe für die Insel eine „Dekade schmerzhafter Umstellungen“ nach zehn Jahren kreditfinanzierter Exzesse voraus; die Hoffnung liege nun auf der Attraktivität des schwachen Pfunds für ausländische Käufer, das heißt auf der Erschließung neuer Konsumentenkreise, zum Beispiel in Asien. Im Jahr 2009 wurden 35 Prozent des weltweiten Umsatzes von Christie's von Chinesen beigesteuert, das sind zwanzig Prozent mehr als noch 2008. Zwar gaben russische Kunden bei Christie's weniger Geld aus als noch 2008, dafür kauften sie aber dreizehn Prozent mehr nach Losen.

Außerdem registrierten sich dreißig Prozent mehr potentielle Käufer aus dem Mittleren Osten für die Auktionen als 2008. Auf diese internationale Klientel mögen die Auktionshäuser bauen, was westliche Luxusgüter aller Art betrifft: Neben den Erfolgen mit Juwelen in Hongkong gibt Sotheby's zum Beispiel an, dass Wein-Auktionen in London in den vergangenen fünf Jahren um hundert Prozent zugelegt haben. Im Jahr 2009 setzte Sotheby's in London mit Wein mehr als neun Millionen Pfund um, bei einem Durchschnittspreis von 1509 Pfund pro Flasche; insgesamt 44 Prozent der Käufer kamen hier aus Asien. Doch die gerade sehr erfolgreich verlaufenen Februar-Auktionen bei Sotheby's und Christie's in London zeigen, dass bei einem attraktiven Angebot mit zeitgenössischer und moderner Kunst auch auf Käufer aus Europa Verlass ist.

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