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Veröffentlicht: 06.09.2013, 15:13 Uhr

Beutekunst in amerikanischen Auktionen Die Kunstdiebe waren Soldaten

Bis vor wenigen Jahren war es ein Tabu-Thema: Auch Soldaten aus den Vereinigten Staaten stahlen im Kontext des Zweiten Weltkriegs Kunst aus Deutschland. Immer mehr Stücke tauchen derzeit in amerikanischen Auktionen auf.

von Stefan Koldehoff

Diesmal ist es ein vergoldeter Ring mit Rubinen in Hakenkreuzform, der Adolf Hitler gehört haben soll. Gefertigt hat ihn der berüchtigte Goldschmied und spätere Städelschul-Direktor Karl Berthold, der im April 1933 Willi Baumeister, Max Beckmann und andere Künstler als „kultur-bolschewistische Judenknechte“ entlassen hat. In einem grotesk pompösen silbernen Globus auf dreistufigem Sockel, der sofort an die grandiose Globusszene in Chaplins Film „The Great Dictator“ erinnert, wird das Schmuckstück aufbewahrt. Getragen hat es der Diktator wahrscheinlich nie. Trotzdem rechnet das Unternehmen „Alexander Historical Auctions“ in Chesapeake City/Maryland, das den Ring am 10. September als „Adolf Hitler’s Lost Ruby and Gold Swastika Ring“ anbietet, mit mindestens 75.000 Dollar Erlös.

Das Geschäft mit Devotionalien der Nationalsozialisten boomt in den Vereinigten Staaten, wo sich gleich mehrere Auktionshäuser auf den Handel mit den fragwürdigen Relikten spezialisiert haben. Kaum ein Monat vergeht, in dem nicht Porzellan aus der Reichskanzlei, Puderdosen von Eva Braun oder frühe Zeichnungen von Hitler selbst angeboten werden. Letztere sind meist gefälscht, denn der spätere Reichskanzler hatte den Ankauf oder die Vernichtung aller Blätter verfügt, die an seine unrühmliche Zeit als Postkartenmaler erinnern könnten.

G.I.s verschickten Kulturgüter aus Europa in die Heimat

Woher die Nazi-Souvenirs stammen, wird in den einschlägigen Auktionskatalogen meist verschwiegen. Tatsächlich beleuchtet ihre Herkunft einen Teil der unmittelbaren Nachkriegsgeschichte, die in der Bundesrepublik noch bis vor wenigen Jahren als Tabu galt: Nicht nur die Soldaten der Roten Armee und ihre „Trophäenkommissionen“ verschleppten Kunstwerke und Kunsthandwerk aus Deutschland.

Auch amerikanische G.I.s verschickten in nicht geringem Ausmaß per Feldpost in die Heimat, was sie in Europa für wertvoll oder wenigstens historisch bedeutend hielten. Auch wenn das, anders als im Falle Russlands, nicht auf staatliche Anordnung, sondern aus privater Gier oder Neugier geschah, gibt es neben dem Raubkunstproblem Ost auch ein bislang höchstens ansatzweise erkanntes und aufgearbeitetes Raubkunstproblem West. Auf den Markt kommen all diese merkwürdigen Angebote nun, weil die Vätergeneration, die noch in Deutschland gekämpft hatte, stirbt. Die Erbengeneration aber verbindet mit den Kriegssouvenirs entweder nichts mehr - oder ist einfach am Geld interessiert.

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Dass es dabei bei weitem nicht allein um Ringe für Hitler oder die Roben seiner jungen Gemahlin geht, für die das Land Bayern, das häufig Anspruch auf Hitlers Nachlass stellt, sicher zu Recht keine Prozesse anstrengen würde, ist deutschen Kunsthistorikern und Kulturpolitikern offenbar ebenso wenig bewusst. Es waren private Forscher wie der bei Washington lebende Jurist Willi A. Korte, die darauf hinwiesen: Im Schließfach des ehemaligen amerikanischen Leutnants Joe Tom Meador im texanischen Provinznest Whitewright fand Korte den unschätzbaren mittelalterlichen Quedlinburger Domschatz wieder, der dank seiner Initiative inzwischen wieder nach Deutschland zurückgekehrt ist. Und es war ebenfalls Korte, der in Boston sieben aus Kassel verschwundene Miniaturen aus dem Gebetbuch Herzog Johann Albrechts von Mecklenburg und das Mitte des 16. Jahrhunderts entstandene Augsburger Geschlechterbuch fand, das Sotheby’s in New York angeboten worden war. Mit Hilfe amerikanischer und deutscher Behörden sorgte er für die Rückführung. Nicht selten floss dafür Geld aus öffentlichen deutschen Kassen an die Erben.

Tausende von Gemälden, Skulpturen, Schmuckstücken und Möbeln, die bei Ende des Zweiten Weltkriegs verschwunden sind, gelten bis heute als verschollen. Die Wahrscheinlichkeit, dass sie sich in den Vereinigten Staaten befinden, ist nicht gering. So beschreibt der Katalogeintrag zum Hitler-Rubinring ganz offen, dass ein Sergeant der eigentlich für Kunstschutz zuständigen 144. Division den Ring, eine goldene Pistole, ein Kästchen mit Diamanten, Silberarbeiten und andere Pretiosen im Keller des Münchner „Führerbaus“ gefunden und vieles davon behalten habe. In den Vereinigten Staaten selbst ist der Kunstdiebstahl durch amerikanische Soldaten bislang kein Thema. Im Gegenteil.

Gerade erst hat der Schauspieler und Regisseur George Clooney unter großer Anteilnahme der Yellow Press in Deutschland das Buch „The Monuments Men“ verfilmt. Geschrieben hat es der texanische Ölmilliardär Robert Edsel, der auch eine Stiftung zur Erinnerung an jene Kunstschutz-Einheiten der Armee der Vereinigten Staaten gegründet hat, die unmittelbar hinter der Front versuchten, so viele Kulturgüter wie möglich vor Diebstahl und Zerstörung zu retten. Dass ihre Gegner dabei nach dem 8. Mai 1945 nicht mehr nur noch die Deutschen, sondern auch die eigenen Armeekollegen waren, wird im Buch mit keiner Zeile erwähnt.

Quelle: F.A.Z.

 

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