02.12.2011 · Was für ein Geschmackszyklus: Während alle Welt den Trends aus New York folgt, würdigt man dort Kunst, die hier längst in die Biedermeier-Ecke gehört: Nachttische und Porzellan.
Von Magdalena KrönerManchmal versteckt sich ein Trend dort, wo man ihn zuletzt vermutet. „Pin-Up“ ist ein Hochglanzmagazin in New York. „Pin-Up“, das klingt verdächtig nach Unterhaltung für Erwachsene. Wer sich dann doch traut, ins Heft zu schauen, entdeckt eine atemberaubende Mischung aus Kunst, Design, Architektur und Philosophie. Viele Illustrierten aus New York gibt es bloß ein Jahr, und sie erreichen eine Auflage von tausend; „Pin-Up“ existiert seit fünf Jahren, und die Auflage liegt bei 25.000 Heften. Wie funktioniert das? Das Magazin verbindet Menschen, die sich sonst nicht treffen, und erzählt Geschichten, die andere nicht erzählen. Hier kommen Leute wie Denise Scott Brown, John Currin und Cyprien Gaillard, Rudolf Steiner und Daniel Libeskind gleichermaßen zu Wort. Doch was so unkonventionell daherkommt, offenbart ohne jede Scham eine überraschende Neigung: Der wahre Avantgardist ist im Herzen ein Spießer.
Im Sommer bat „Pin-Up“ elf Designer, Künstler und Architekten, Nachttische zu entwerfen. Das Blatt bescheinigte dem marginalisierten Einrichtungsstück subversive Qualitäten, indem es behauptete: Der Nachttisch verrät mehr über unseren Charakter, als wir wahrhaben wollen! Das spießbürgerliche Kleinmöbel als Kunstobjekt? Unerhört? Unbedingt! Die Designer von Situ Studio gossen neunzig Kilo Beton zu einem Block, in den sie Alltagsgegenstände eindrückten; der Sänger Michael Stipe von der Rockband R.E.M. formte einen weichen Kubus aus Plastik, an dem man sich beim Aufstehen nicht stößt; der Künstler Jim Drain schuf eine Tischplastik nach einem Gemälde von Mondrian.
Die so größenwahnsinnige wie spießige Maxime gefiel auch Phillips de Pury: Das Auktionshaus verkauft die „Nightstands“ als limitierte Editionen zu Preisen von 3500 bis 6500 Dollar. Von solchem Erfolg beflügelt, geht Pin-Up nun noch einen Schritt weiter. Das neue Heft widmet sich auf dreißig Seiten einem Gegenstand, der allenfalls ein Nischendasein in der aktuellen Kunst führte - dem Porzellan. Dafür trug man Stücke junger Künstler wie Sterling Ruby zusammen, zeigt aber auch eine Hommage des Brooklyner Architekten So-Il an das ehrwürdige Haus Meissen, für die kostbare historische Stücke in Schaukästen aus Plexiglas inszeniert werden. Alles für die globale Avantgarde? Oder doch ein Indiz dafür, dass Spießbürgerliches die heißeste Mode des Jahres ist.