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Auktionswoche in New York Jetzt stehen die Alten Meister auf

 ·  So hoch waren die Erwartungen noch nie: Die Versteigerungen bei Christie’s und Sotheby’s haben es in sich. Die Gesamtschätzung liegt bei rund 160 bis 240 Millionen Dollar.

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© Christie's Wann bekommt man schon einen Bronzino? Auktionswoche in New York

Die Klage über die Materialknappheit im Spitzensegment der Alten Meister ist notorisch. Umso erstaunlicher ist jetzt das opulente Angebot in New York. Womöglich zeigt es an, dass das Interesse bei den potentiellen Käufern von hoch- und höchstrangigen Werken so enorm geworden ist, dass es die pekuniären Phantasien der Einlieferer beflügelt hat. Die Ergebnisse werden darüber jedenfalls einigen Aufschluss geben.

Am 29.Januar eröffnet Christie’s die Parade mit einem eigenen Katalog für 62 Dürer-Graphiken - Stiche, Holzschnitte und Radierungen - in begehrten Druckzuständen; die Gesamtschätzung liegt bei 4,6 Millionen Dollar. Die Blätter entstammen einer anonymen „Privatsammlung“. Die (Vor-)Provenienzen (soweit verzeichnet) sind hervorragend - Liechtenstein, Chatsworth, Seilern und mehr. Den Angaben im Katalog ist, vorerst, aber nur abzulesen, dass die Kollektion bis in die späten neunziger Jahre aufgebaut wurde, ob als Kapitalanlage oder aus Leidenschaft, erschließt sich nicht.

Jedenfalls erwartet man wohl den höchsten, nur auf Anfrage erhältlichen Preis von 600.000 Dollar für ein „superbes“ Exemplar von Dürers Stich des „Heiligen Eustachius“, das schon im Dezember 1985 bei der Londoner Chatsworth-Auktion mit Altmeister-Graphik 190.000 Pfund einspielte. Es folgen „Ritter, Tod und Teufel“, einst in Liechtenstein-Besitz, mit einer Taxe von 500.000 bis 700.000 Dollar und die „Melencolia I“ (Taxe 400.000/600.000 Dollar). Wer es etwas günstiger mag: Das „Wappen mit dem Totenkopf“ firmiert für 250.000 bis 350.000 Dollar. Seine letzte genannte Provenienz verzeichnet 58 Pfund, die von der Kunsthandlung Colnaghi 1887 bei einer Christie’s-Auktion dafür bezahlt wurden; dazwischen werden einige Stationen gelegen haben. Über dieses Angebot wird die Kauflust der Spezialisten entscheiden.

Prominente Provenienzen und ein Papstsohn

Ebenfalls gezieltes Interesse zählt am 30.Januar, wenn Christie’s seinen Renaissance sale abhält, mit einer Erwartung von gut vierzig bis sechzig Millionen Dollar für 51 Werke aus der Zeit von 1300 bis 1600. Wer könnte schon einem Bildnis des Agnolo Bronzino widerstehen? Sein Porträt eines jungen Manns mit einem Buch kommt aus Privatbesitz und hat, laut Katalog, eine wasserdichte Zuschreibung mit Florentiner Corsini-Vorprovenienz - freilich auch eine Schätzung von zwölf bis achtzehn Millionen Dollar: eigentlich ein Freundschaftsangebot, gemessen an den Preisen für so manche Zeitgenossen. Aber da wäre noch das zärtliche Tondo einer Madonna mit dem Kind im Originalrahmen des Fra Bartolommeo (10/15 Millionen) - und jene Botticelli-Madonna mit dem Kind und dem Johannesknaben (5/7 Millionen), die 1931 John D. Rockefeller dem Lord Duveen abkaufte, weshalb sie, trotz eines Umwegs über Tokio, als „Rockefeller Madonna“ aufscheint. Wer sich für ihre jüngere Marktgeschichte interessiert, voilà: 1981 wurde die 46 mal 37 Zentimeter große Holztafel bei Sotheby’s in New York für 280.000 Dollar versteigert, dann wieder 1987 für 490.000 Dollar. Im Mai 1992 erwarb sie ihr aktueller privater Einlieferer bei Christie’s in New York, zum Hammerpreis von 400.000 Dollar.

Gar nichts sagen solche Zahlen über den Wert eines Kunstwerks; denn alles hängt von gesicherter Zuschreibung ab - und vom jeweiligen Zeitgeschmack der liquiden Klientel. Diese könnte sich unter der Rubrik „Renaissance“ noch für die „Versuchung des heiligen Antonius“ eines Nachfolgers von Hieronymus Bosch interessieren (400.000/600.000): Sie kommt in direkter Herkunft von den Erben Victor Hugos, der die Tafel um 1860 in Brüssel erwarb. Und von historischer Verve ist das Porträt des Jacopo Boncompagni - wieder, nach einigen Umwegen, seit 1989 in Privatbesitz -, gemalt 1574 von Scipione Pulzone, genannt Il Gaetano (1,5/2,5 Millionen). Denn Jacopo war der natürliche Sohn von Papst Gregor dem XIII., dem Erfinder unseres „Gregorianischen Kalenders“. Der Papst machte seinen attraktiven Spross zum Befehlshaber der vatikanischen Truppen.

Rodin für den kleinen Geldbeutel

Beinah in den Schatten geraten neben solchen Prachtkerlen die insgesamt 152 Lose der Hauptveranstaltung mit Altmeister-Gemälden am 30. und 31.Januar - allen voran Jean Siméon Chardins charmante „Stickerin“; das neunzehn mal 16,5 Zentimeter kleine Bildchen ist als Spitzenlos auf drei bis fünf Millionen Dollar veranschlagt. Alles in allem stellt sich Christie’s einen Gesamtumsatz von siebzig bis knapp 107 Millionen Dollar vor.

Die Konkurrenz Sotheby’s hält mit und notiert eine Erwartung von neunzig bis 135 Millionen für ihre Altmeister-Woche. Als Extrabonbon fungieren Teile des Nachlasses von Giancarlo Baroni; den 214 Losen werden am 29. und 30. Januar acht bis zwölf Millionen Dollar zugetraut. Einlieferer sind die sechs Kinder des 2007 gestorbenen Kunsthändlers und Sammlers; auch seine drei Söhne handeln mit Kunst, unter ihnen am prominentesten ist Jean-Luc Baroni. Der hübsche Katalog belegt die erlesen individuelle Auswahl des Vaters, die von Altmeister-Gemälden und -Zeichnungen bis ins 20.Jahrhundert reicht. Am höchsten dotiert sind eine relativ kleinformatige „Grablegung Christi“ des El Greco (1/1,5 Millionen) und eine charakteristische Venedig-Ansicht des Bellotto (800.000/1,2 Millionen). Es gibt aber auch Blätter von Tiepolo, Bison oder Degas, ein Konvolut mit vor allem Aquarellen Giovanni Boldinis oder sechs Zeichnungen Rodins, deren Taxen schon bei 5000 Dollar beginnen.

Der Star ist Goyas Enkel

Die Hauptauktionen mit Gemälden und Skulpturen am 31.Januar und 1.Februar werden angeführt von Pompeo Batonis sehr bewegter Auffassung von „Susanna und den Alten“: Das 99 mal 136 Zentimeter messende Ölbild von 1751, das einst Ernst Guido Graf von Harrach für sich in Auftrag gab, soll sechs bis neun Millionen Dollar einspielen. Für Joseph Mallord William Turners exquisites Aquarell „Heidelberg mit einem Regenbogen“ von 1840 rechnet Sotheby’s jetzt mit vier bis sechs Millionen Dollar; sein Einlieferer bezahlte im Juni 2001 in London gut zwei Millionen Pfund (inklusive Aufgeld) für das Werk, damals der Auktionsweltrekord für ein Turner-Aquarell. Interessant wird die Reaktion auf einen „Segnenden Christus“ des Hans Memling sein: Die 34,4 mal 31,7 Zentimeter große Eichentafel befand sich seit mehr als 150 Jahren in einer Privatsammlung in New England und wurde erst jüngst zugeschrieben (1/1,5 Millionen). Deutlich mehr Furore als der stille Meister des 15.Jahrhunderts macht später Pietro Testa mit seinem ausladenden „Aeneas am Ufer des Styx“ (3/5 Millionen).

Erwähnt seien schließlich zwei Stars bei Sotheby’s: Da ist Goyas zauberhaftes Porträt seines Enkels Mariano Goya, das er 1827 malte, im Jahr vor seinem Tod; mit der Provenienz George Embiricos - der Großreeder und -sammler kaufte das Bild 1954 bei Knoedler in New York - liegt die Schätzung bei sechs bis acht Millionen Dollar. Mit 700.000 bis zu einer Million Dollar weit dahinter rangiert Paulus Bors „Sitzender Akt neben einem Ofen“. Doch die geheimnisvoll abgewandt kauernde Frau trifft den Nerv gegenwärtigen Geschmacks. Das wird die Karriere dieses Bilds befördern.

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Jahrgang 1956, Redakteurin im Feuilleton, verantwortlich für den „Kunstmarkt“.

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